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Ich – laufe – weit! Warum eigentlich?

Manchmal frage ich mich, warum ich gewisse Dinge tue, die ich tue. Das habe ich mich heute auch gefragt, als ich mit dem Ziel aufbrach, fünfzig Kilometer zurückzulegen, mehr oder weniger. Ein Lauf wie dieser ist sehr zeitintensiv und es fehlt ganz einfach Zeit für anderes. Soziale Kontakte, das Bierchen mit dem Bekannten, so etwas leidet unter solchen sportlichen Ambitionen. Weiterhin wird er mich viel Kraft kosten, dieser Lauf, und on top Regenerationszeit im Anschluss einfordern. Deshalb finde ich es wichtig, zu hinterfragen, was der Grund ist, so etwas zu machen. Sind es rein sportliche Ziele, d.h. habe ich es auf eine bestimmte Zeit abgesehen und wenn ja, warum eigentlich? Weil ich mir etwas beweisen möchte oder vielleicht auch, um anderen etwas zu beweisen? Jeder Läufer würde das ja intuitiv sofort von der Hand weisen, weil das ja kein wirklich nobles Argument ist. Einer, der diese Frage aber offen und ehrlich beantwortet, ist Zach Miller, einer der besten Ultramarathonläufer der Welt. Als ihm Adharanand Finn in Der Aufstieg der Ultraläufer ebenjene Frage stellt, antwortet er:

„Das Ego spielt eine große Rolle, denke ich. Das Gefühl des Siegens, die Komplimente, die Aufmerksamkeit, es macht süchtig. Und du willst immer mehr, denn irgendwann ist es vorbei!“ (Buchauszug, Zitat von Zach Miller auf die Frage, warum er Ultras läuft)

Nun bin ich nicht Zach Miller und stehe nicht auf dem Podest des UTMB. Wenn es nun tatsächlich so wäre, dass ich mir oder anderen etwas beweisen wollte durch einen Lauf wie diesen hier, dann müsste ich mich wirklich fragen, ob ein solch selbstbezogener Grund den Aufwand lohnt. Anders wäre es, würde ich folgendes Argument nennen: Vielleicht möchte ich ja einfach raus, raus aus dem Alltag, weit weg inmitten der Natur eine Art Mikroabenteuer erleben? Intuitiv betrachtet wäre ein solcher Grund nobler als ersterer, weil er nicht dem Egoismus entspringt, sondern die eigene Aufmerksamkeit nach außen richtet. Oder aber möchte ich mich bewusst loslösen, mich trennen von allen Medien, von diesen immer wiederkehrenden Gedankenspiralen des Alltags flüchten und mich in wahrer Achtsamkeit üben? Das wären tolle Gründe, weil das Laufen dann kein Selbstzweck mehr ist, sondern ein Medium ist für etwas Höheres. Warum also laufe ich heute fünfzig Kilometer? Um ehrlich zu sein, weiß ich es gerade nicht genau. Genauso wenig wie Scott Jurek übrigens, dessen Buch North ich gerade lese. Darin legt einer der besten Ultrarunner aller Zeiten 2.189 Meilen zurück. Zu diesem Zeitpunkt aber ist er raus aus dem Geschäft, raus aus dem Rampenlicht. Und jetzt, nach einer Woche, nach der ihm alles weh tut, fragt er sich folgendes:

“Was I here for Adventure, to test myself , improve, discover, and refill myself so I could meet midlife with an open heart an mind? Or was I here to win?”

Ziel meines Laufs und auch dieses Textes hier ist die Beantwortung dieser Frage und ich weiß hier oben noch nicht, was unten rauskommen wird. Warten wir’s ab!

Weil es wie fliegen ist
Nach zehn Kilometern habe ich die letzten Parks durchquert, in denen die Jogger ihre Kreise drehen, ich verlasse deren Land und betrete jenes der Läufer. Joggen und Laufen, das sind unterschiedliche Dinge, so viel ist klar. Entweder man versteht das oder man versteht es nicht! So mancher möchte die Demokratisierung, möchte, dass jeder ein Läufer ist, ganz egal ob gelegentlich unterwegs oder stets. Aber so ist es nicht, nicht für mich. Ein Jogger verfolgt ein unmittelbares Ziel, er hat konkret etwas vor Augen, was er damit will. Laufen ist für ihn Mittel zum Zweck, mehr nicht. Es ist eine Last, ein Qual gar, von der man möchte, dass sie bald vorbei ist. Ja, man möchte das abhaken. Deswegen trägt der Jogger oft Stöpsel in den Ohren, damit diese Qual wenigstens ein bisschen unterhaltsam ist. Ein Läufer aber braucht kein konkretes Ziel, er läuft um des Laufens willen. Er läuft, um zu laufen. Dieses Gefühl, nach zehn Kilometern die anfänglichen Widerstände des Körpers zu überwinden und dahinzuschweben, ja zu fliegen, weil Laufen dem Fliegen am nächsten kommt, wie Zach Miller im oben genannten Buch sagt. Dieses Gefühl erreicht kein Jogger, es ist dem Läufer vorbehalten. Ein Jogger hat von dieser Welt keinen blassen Schimmer. Einen Schritt weiter bin ich also. Doch nun stellt sich die Frage, ob diese Welt, die sich dem Läufer nun erschließt, von Wert ist? Ein Wert, der bleibt, den man mitnehmen kann ins Leben? Oder ist es nur ein Rausch, eine Droge, ja eine Sucht sogar ohne eigentlichen Mehrwert? Kurz, bin ich vielleicht ein Junkie?

Über mir der Himmel. Darunter ich, laufend
Bin ich ein Laufjunkie? Das ist noch nicht geklärt, klärt sich vielleicht aber noch heute, ist ja noch Zeit. Wenn ich es mir wünschen könnte, möchte ich kein Laufjunkie sein. Ich möchte, dass das Laufen einem höheren Zweck dient, dass es gut investierte Zeit ist, die sich zurückzahlt, denn sonst wäre das alles hier irgendwo vergeudete Zeit. Ja, wenn man offen und ehrlich ist, so wie Miller, dann wäre das so. Bleiben wir also aufmerksam dem gegenüber, was hier los ist. Da oben über mir ist der Himmel, darunter ich, laufend. Ich habe die Ohrstöpsel eingepackt, die mich den Weg hinaus aus der Stadt begleitet haben. Jetzt möchte ich meinen Schritten lauschen, dem Wind, dem Zwitschern der Vögel. Und hey, merke ich, da ist was! Plötzlich bin ich verbunden, connected, plugged-in! Ich habe eine Verbindung mit der Welt, ich nehme sie wahr und mich selbst als Teil in ihr. Dieser Zustand ist eine Wahl, denn ich hätte die Ohrstöpsel auch drin lassen können, dann wäre ich plugged-out! Ich aber bleibe plugged-in und stelle fest, dass jegliche Anstrengung verblasst ist und sich mein Fokus mit Leichtigkeit von meinem Inneren heraus über die Welt legt. Ich bin ganz aufmerksam, und diese Aufmerksam ist definitiv ein Mehrwert. Ich beschreibe es mal in den Worten von Eckhart Tolle:

„Sobald du den gegenwärtigen Augenblick ehrst, wird sich alle Traurigkeit und Anstrengung auflösen und das Leben wird mit Freude und Leichtigkeit beginnen zu fließen.“ (Buchauszug, Zitat von Eckhardt Tolle)

Aber auch daraus ergibt sich eine Frage: Eine Verbindung mit der Welt kann ich auch anders erreichen, zum Beispiel durch Meditation oder was weiß ich wie. Warum wähle ich dafür einen zeitaufwändigen, über vier Stunden dauernden und mit Schmerzen behaftetet Lauf?

Dinge zu schätzen wissen
Nach 30 Kilometern bin ich richtig weit draußen, über den Speckgürtel hinweggelaufen und in Brandenburg angelangt. In manchem Garten steht ein Mast mit einer Deutschlandflagge dran und mir wird klar, dass ich in Berlin gut aufgehoben bin. Alle wollen heute ja raus, raus aus der Stadt auf’s Land. Friede, Freude, Eierkuchen. Doch jetzt und wie so oft, wenn ich hier bin auf dem Land, stelle ich fest, dass es zwar schön ist hier, aber genauso schön, wieder abzuhauen. Zurück in die weltoffene, tolerante Großstadt, wo in meinem Kiez keine Deutschlandflaggen wehen, sondern Regenbögen. Das Laufen bringt mir also wieder etwas, Einsicht! Einfach nur durch den Fakt, dass man weite Strecken zurücklegt, sieht man auch viele Dinge, man taucht ein in eine Dialektik mit der Umgebung, beschäftigt sich mit der Welt und der eigenen Rolle darin. Klar könnte man das auch anders machen, ne Tour mit dem Fahrrad, ein gutes Buch. Aber das Laufen verursacht diese Dialektik in Regelmäßigkeit, weil man stets unterwegs ist, nach überall. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass mir so manches klar wird beim Laufen und es mir hilft, Entscheidungen zu treffen. Und ich glaube auch, dass dieser Effekt verstärkt wird durch die körperliche Belastung, durch die gleichmäßige Intensität des Laufens.

„Ein Grund, warum Leute an solchen Veranstaltungen teilnehmen, ist, dass sie ihre Komfortzone verlassen und die Härten des Lebens am eigenen Leib erfahren, um danach wieder nach Hause zu gehen und das, was sie haben, besser zu schätzen wissen.“ (Buchauszug aus ‘Der Aufstieg der Ultraläufer’)

Körper und Geist
Kilometer 35. Ich laufe weiter und der Lauf wird härter. Genuss ist das jetzt keiner mehr, jedenfalls kein körperlicher. Man kann eine solche Phase eines langen Laufs auch als Tief bezeichnen. Der Körper teilt einem nun relativ offen mit, was so alles weh tut, und die mentale Phase beginnt ab jetzt. Mein Fokus wendet sich von der Außenwelt ab in mein Inneres. Und dieses Innere, was da ist, ist anders als vorher. Liebe, Angst, aber auch Ärger und Hass, alles kommt an die Oberfläche, wo ich es genau sehen kann. Ablenkung gibt es keine, nur Konfrontation. Es ist fast so, als läge die wahre Seele ganz blank da ohne diese ganzen Schichten obendrauf, als hätte man all das Moos obendrauf abgetragen, oder besser gesagt, abgelaufen. Es lässt sich etwas schwer beschreiben, aber mir scheint es, als tue sich jetzt ein Raum auf. Ein Raum für Freude, Klarheit und manchmal auch Tränen. Das Laufen könnte also auch als etwas verstanden werden wie der Weg zu diesem Raum, um dessen Erreichen man gewisse Widerstände überwinden und auch eine Portion Schmerz erleiden muss. Wir befinden uns übrigens nun Lichtjahre entfernt von der Welt des Joggers. Der Läufer ist an dieser Stelle Christopher Kolumbus, während der Jogger der festen Überzeugung ist, die Welt sei eine Scheibe.

„Den meisten Menschen ginge es besser, wenn sie mehr Schmerz in ihrem Leben hätten.“ (Buchauszug aus ‘Der Aufstieg der Ultraläufer’)

Schmerz und wofür dieser gut ist
Mit der Überschreitung der 42 Kilometer-Marke verlasse ich die Welt des Marathons und trete in jene des Ultras ein. Früher nicht denkbar, geht das jetzt. Auch das Tief ist überwunden, weggespült von einem Fluss von Endorphinen. Meine Gedanken verblassen und diese Weite erscheint wieder vor mir. Der Himmel wurde, fast ohne dass ich es gemerkt habe, abgelöst von einem Blätterdach, und das Vogelgezwitscher dringt nun wieder bis zu mir vor. Und irgendwie ist es jetzt so, als spürte ich einen Hauch echter Freiheit. Keine Bindung an irgendetwas, keine Verpflichtungen, sondern einzig und allein dieses Hier und Jetzt. Ich bin achtsam jedem Detail gegenüber, höre jeden Schritt, und bin in diesem Moment erfüllt mit Glück.

“Wir existieren in einer konstruierten Welt, in der alles darauf ausgerichtet ist, dass wir es bequem haben und nicht den Härten des Lebens augesetzt sind. Doch wir wurden dafür geschaffen, in einer Welt zu leben, die oft hart, mühsam und gefährlich ist.“ (Buchauszug aus ‘Der Aufstieg der Ultraläufer’)

Warum zur Hölle laufe ich?
Ich weiß, dass ich schnell sein kann. Doch die Frage ist, kann ich auch langsam? Heute kann ich das, denn der Weg ist lang, es ist Corona-bedingt auch kein Wettkampf, also wozu die Eile? Oft aber bin ich in Eile, reite Wellen bestehend aus purer Pace, über der anaeroben Schwelle hin zu einer neuen Bestzeit. Dann habe ich weder die Zeit noch die Aufmerksamkeit, den Vögeln und dem Wind zu lauschen. Habe keinen Blick für das Licht, das dort durch die Baumkronen bricht und sachte zu den Baumkindern vordringt? Dann sehe ich das alles nicht mehr, weil Laufen dann nur noch aus Pace, Zeit und Puls besteht, aus Zahlen? Das ist dann ganz etwas anderes als heute. Es ist doch so: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und wir nehmen diesen Druck und Zwang nach Selbstoptimierung aus der Gesellschaft kurioserweise freiwillig mit in die Freizeit. Eigentlich ist das absurd, doch war dies nie stärker ausgeprägt als heute. Die Marathons werden größer, die Triathlons härter, die Ultras länger. Jeder zweite Vierzigjährige in der Midlife Crisis möchte heute nicht einfach auf irgendeinen Berg, sondern auf den Mount Everest, möchte so sein wie Reinhold Messner. Glaubt gar, er  oder sie sei wie er. Aber dem ist nicht so! Wir sind keine Athleten. Wir wären es gerne, aber wir sind es nicht, du nicht und ich auch nicht! Die Werbung suggeriert uns das zwar erfolgreich, aber eine 150 Euro Lauftight macht keinen Athleten. Du läufst einen Marathon sub 3? Selbst wenn du unter den 5% bist, die das schaffen, es ist ein Witz, mehr nicht! Wir sind gelangweilte Freizeitwesen des 21. Jahrhunderts, süchtig nach Selbstdarstellung und dem masochistischen Drang, uns selbst zu quälen, um unsere Sucht nach Anerkennung zu befriedigen. Zach Miller hat recht, meine Meinung.

Die letzte Frage, die sich mir heute stellt, ist also folgende: Was mache ich jetzt? Eines ist, sicher, zu Hause auf der Couch sitzen zu bleiben ist keine Option. Es gibt einfach zu viele Gründe, raus zu gehen, fitt zu sein. Doch braucht es dieses Exzessive, dieses ans Limit gehen, den Wettkampf, aus welchen Gründen auch immer?An dieser Stelle passt vielleicht kein besseres Zitat als jenes von Tim Krabbé in Das Rennen:

„Meyrueis, Lozère, 26. Juni 1977. Warm, bewölkter Himmel. Ich nehme meine Sachen aus dem Auto und setze mein Fahrrad zusammen. Von Straßencafés aus schauen Touristen und Einwohner zu. Nicht-Rennfahrer. Die Leere in ihrem Leben schockiert mich.“

Auch Krabbé fragt sich, so wie Jurek, warum er sich die ganze Scheiße eigentlich antut. Und so wie ich das sehe, gibt es darauf vielleicht gar keine richtige Antwort. Eine Antwort darauf sucht auch die amerkikanische Lauflegende Steve Prefontaine:

“Manchmal wundert man sich was man da draußen tut. Während vieler Jahre habe ich tausende Gründe erfunden, um weiter zu laufen, aber es geht immer darauf zurück wo es begonnen hat. Es ist befriedigend, und gibt dir ein Gefühl etwas geleistet zu haben.”

Ich weiß heute, dass ich eigentlich mal wieder nichts weiß, auch eine Erkenntnis. Aber hey, ein bischen habe ich heute doch gelernt: Denn, Laufen ist nicht mein Beruf, sondern eine Leidenschaft, ein Hobby, wenn man so will. Und ein Hobby sollte keinen exzessiven Charakter haben, keine Sucht sein, finde ich. Ich möchte, dass meine Leidenschaft mir mehr bringt als Fittness. Ich möchte nicht vor mir, von der Welt weglaufen. Nein, ich möchte plugged-in sein, verbunden, zu mir hinlaufen! Der eigentliche Mehrwert beim Laufen offenbart sich also bei einem Lauf wie heute und nicht in dem verbissenen, abgeschotteten Streben nach der Personal Best, die unterm Strich gesehen für nichts gut ist und voll und ganz dem absurden Gedanken der Leistungsgesellschaft entspringt. Aber hey, es macht halt einfach auch Spaß. Ja, ich werde weiter Marathons laufen, halbe und mal einen Zehner, vielleicht auch mal einen Ultra. Aber ich werde mir vornehmen, relaxter damit umzugehen, etwas weniger und entspannter zu trainieren, auch wenn der Preis eine langsamere Zeit ist. Ich glaube, das habe ich heute gelernt.

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Mein Buch über den schönsten Sport der Welt für Marathon-Einsteiger

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6 Gedanken zu „Ich – laufe – weit! Warum eigentlich?

  1. Hi Martin,
    eine Ode ans Laufen, sehr schön.
    Zudem war “Der Aufstieg der Ultraläufer” offenbar mehr als nur ein gelesenes Buch, sondern mehr ein Türöffner für Dich? Ich habs auch grade durchgelesen und bin sehr angetan von der Authentizität.
    Der letzte Absatz hier ist jedenfalls ein Genuss zu lesen und ganz in meinem Sinne: gerne mal auf Zeit rennen, aber niemals den eigentlichen Reiz des Laufens verlieren, nämlich den Spaß daran.
    Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen um zufrieden zu laufen.
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Hi Oliver,
      ja, es stimmt wirklich, das Buch hat mich sehr bereichert und wie durch andere Bücher auch werde ich auch stets, also sukzessive beeinflusst. Nach ‚Eat & Run‘ lese ich gerade ‚North‘ von Scott Jurek. Es ist nicht primär die sportliche Leistung dieses Ausnahmeathleten, die mich interessiert, sondern dessen Vorstellung vom Leben an sich…dem Umgang mit der Natur, seine Bescheidenheit, Verständnis von Ernährung und Schonung von Ressourcen, ja seinem gesamten Lifestyle im Prinzip. Diese Charakterzüge sehe ich in fast allen Gesprächspartnern, mit denen sich Adharanand Finn unterhält, wieder. Das sind alles Menschen, die nicht nur abseits des Mainstreams laufen, sondern auch ein Parallelleben zur Gesellschaft leben, frei und abgekapselt von Zwängen und dem Drang nach Konsum. Das finde ich in höchstem Maße inspirierend. Ganz fantastisch ist natürlich die unbeschwerte Art von Adharanand Finn, einen Zugang zu den Athleten zu finden, die Gespräche sind ja wirklich ganz fantastisch. Ich merke auch, dass ich seitdem anders laufe, ich mir andere Strecken aussuche und es mich öfter weiter raus ins Grüne zieht, was automatisch weitere Strecken mit sich bringt und meine Pace drosselt, weil ich die Umgebung genießen will. Ich gehe auch davon aus, dass ich mich von klassischen Straßenwettkämpfen langsam verabschieden und vielleicht Naturmarathons zuwenden werden, denen ich vorher keine Beachtung geschenkt habe. Also du merkst schon, dass das gewaltig etwas mit mir gemacht hat. Ich denke auch, dass ich nächstes Jahr einen Ultra angehen werde. Wie ergeht es dir damit, bringt dich das Buch auch ins grübeln?

      Lieben Grüße

      1. Das Buch bringt mich nicht unbedingt zum Grübeln (ich grübele eh ständig), ich finde eher die Bandbreite und Ambitionen der Läufertypen spannend, es ist toll geschrieben, authentisch und kritisch. So richtig Spaß hatte ich an den Beschreibungen der vielen verschiedenen Rennen. Über die großen Dinger gibts ja immer wieder was zu lesen, aber besonders diese kleinen unbekannten Events (Hügelläufe) fand ich sehr inspirierend. Da gehts eben einfach nur ums Laufen.
        Aber auch nach der erfrischenden Lektüre lege ich es nicht drauf an einen so richtig langen Ultra zu laufen, falls allerdings mal etwas reizvolles kommt, dann passiert es eben.
        Zur Zeit mag ich allerdings eher das minimalistische Laufen, ohne Aufwand zu betreiben, ohne Gewicht, ob mental oder Wasserflasche. Leichtigkeit. Einfach losrennen und mal schauen wie weit ich komme 🙂

        1. Klingt gut! So habe ich es gestern auch gemacht und bin einfach nach Osten aus Berlin rausgelaufen, immer am Wasser entlang über Köpenick hinweg bis nach Erkner. Zwischendrin war ich sogar schwimmen an einer traumhaften Badestelle. Am Ende waren es tatsächlich 41,7 Kilometer und ich bin mit dem Zug nach Hause gefahren.

  2. Lieber Martin,
    ich bin zwar zweifelsfrei noch nicht ansatzweise auf dem Weg, mich von Stadt- und Straßenmarathons zu verabschieden, allerdings habe ich die ganz großen bisher nicht laufen wollen. Berlin und auch New York, so faszinierend ich beide Städte finde, haben mich marathontechnisch nicht gereizt und das kommt wohl auch nicht. Dahingehend kann ich Dich gut verstehen. Beim Lesen Deines Beitrags kam mir der Gedanke, vielleicht auch mal den Aufstieg der Ultraläufer zu lesen, könnte mir was bringen.

    Die einsame Wald-Strecke im Oberwald beim Badenmarathon war für mich auf einem Wettkampf eine Durststrecke, aber zugleich auch ein Füllhorn – obwohl und vielleicht gerade weil da mein damaliges “Zehen schmerzen und schwellen und stoßen schmerzhaft in die Zehenbox”-Problem anfing.

    Mit Kopfhörern/Ohrsteckern zu laufen, das konnte ich mir nie vorstellen. Laufen ist für mich eine Meditationsform, ganz ähnlich wie japanische Teezeremonie. Manchmal tritt das meditative in den Hintergrund und ich will mich an Bergsprints, Intervallen, Tempo berauschen – oder am Zuspruch für meine Rolle bei einer Teezeremonie-Vorführung oder am Gefallen der Lehrerin. Dann ersetze ich meditative Trance durch Leistungsgedanke und Ekstase. Am Ende des Tages ist der Korpus dessen, was Laufen und auch Teezeremonie für mich ausmacht, etwas meditatives, das mir das Leben lebenswerter macht, meinen Rücken und meinen Geist entspannt, Achtsamkeit für Außen- und Innenwelt befördert. Ich habe es mal so ausgedrückt: Beim Sitzen auf dem Sofa ziehen alle Probleme, Dinge, Ansprüche, ja selbst die schönen Möglichkeiten, nicht nur die Pflichten, wie Gummibänder in verschiedene Richtungen. Wenn ich laufe, wirklich und lang laufe (wenn auch nicht 50 Kilometer bis jetzt), dann ziehe ich die Gummibänder hinter mir her, streife die ab, die an meinen Bedürfnissen nur locker sitzen, leiere sie aus, so dass sie nicht mehr schmerzhaft ziehen, lasse sie in dieselbe Richtung ziehen. Es werden weniger und ihre Richtungen werden vereinbarer. Diesen Effekt hat auch Meditation. Das Laufen als Meditation habe ich auch aus “Born to Run” herausgelesen, auch wenn es vielleicht mehr in mir als in dem Buch steckte – oder vielleicht eben doch im Buch, nur dass ich dafür offen war.

    Der lange Lauf ist immer auch ein Lauf zu sich selbst, mit sich selbst, denn man muss sich selbst in einer extremen Situation für eine lange Zeit ertragen und die Bewegung, Schmerzen, Anstrengung schalten all das aus, was uns normalerweise daran hindert, das zu spüren, was wir selbst sind, aber nicht für den stillstehenden oder sitzenden Alltag tauglich ist.

    Vordergründig laufe ich, weil ich dann weniger verspannt, weniger verkopfschmerzt und insgesamt glücklicher bin. Tatsächlich laufe ich, weil es mich mit mir in Einklang bringt, mir gar keine Wahl lässt. Das Laufen wirft mich in den Dialog mit mir selbst, meiner Umwelt, der Natur, meinen Problemen, Begrenzungen, aber auch meinen Stärken. In diesem Dialog kann ich nur gewinnen, selbst wenn ich verliere, denn es ist der Dialog mit mir. Wenigen (oder zumindest mir nicht) von uns ist es vergönnt, einen ablenkungsfreien Raum für einen gegen innere Ablenkungen resistenten Geist zu haben, um wirklich zu meditieren. Beim Laufen habe ich das aber. Und ich glaube, deswegen laufe ich.

    Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass das zumindest eine Komponente dessen ist, was Du in Deinem Text zu definieren und für Dich zu finden versuchst.

    Viele liebe Grüße
    Talianna

    1. Ich habe mal das Buch Running Buddha gelesen, in dem ein laufender Marathon-Mönch das Laufen mit Meditation vergleicht. Das war meine erste Berührung mit Meditation und zum ersten Mal habe ich verstanden, was Achtsamkeit wirklich bedeutet, wie unglaublich schwer dieses ‚im Hier und Jetzt sein‘ praktisch umzusetzen ist und welche Bereicherung das alles für unser Leben darstellt. In Tibet gibt es das Symbol des Windpferdes, ein Pferd, über dessen Sattel ein Diamant schwebt. Dieser Dia-mant steht für den Geist und das Pferd bedeutet, dass man den Geist bändigen und lenken muss. So-bald ich nämlich im Hier und Jetzt bin, ist der Geist ausgeschaltet, ich gönne ihm eine Pause von den durchgängigen Gedankenspiralen, die ich ihm zumute. Das verleiht ihm neue Kraft, macht ihn ausge-ruhter, und schärft seine Richtung. Sprich, ich steuere ihn. Ich habe auch begriffen, dass Achtsamkeit der Weg zum Glück ist, was die Art und Weise, wie ich (nicht nur) laufe, total beeinflusst hat. Ich danke dir, dass du das so gut beschrieben hast, denn bei mir ist es auch so, dass ich in Einklang mit mir selbst komme und Lasten, die wie Kletten an mir dran kleben, abstreife. Meine Frage, ob ich zu exzessiv laufe, beantwortet das zwar noch nicht, aber zumindest wäre das warum ein wenig mehr geklärt.

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