Literatur, Bücher

TO KILL A MOCKINGBIRD (Buchrezension)

Dieses mit dem Pulitzer-Preis prämierte Werk der Young-Adult-Literatur ist ein vielseits erwähnter und zitierter Klassiker. Deswegen las ich ihn auch, weil mein Interesse so groß war. Die Geschichte des Anwaltes Atticus, seiner Tochter Scout und dessen großem Bruder Jem spielt in den 1930er Jahren im Südstaatennest Maycomp County in Alabama und wird erzählt von der erwachsenen Scout, die auf ihre Kindheit zurückblickt. Warum sich Jem sich kurz vor dem 13. Geburtstag den Arm bricht, daran ist Bob Ewell schuld, oder? Oder beginnt es doch schon vorher mit dem Auftauchen von Dill und den unentwegten Versuchen, den mysteriösen Boo Radley, der nie aus dem Haus geht, vor die Tür zu locken? Letztlich ist alles miteinander verwoben. Jedenfalls beginnt alles im Sommer, mit den Prügeleien in der Schule, der sterbenden Mrs. Dubose, diesem tollwütigen Hund. Und eines ist sicher: Die Geschehnisse spitzen sich zu von jenem Moment an, als Atticus vor Gericht Tom Robinson vertritt, einen Schwarzen, der eine Vergewaltigung begannen haben soll. Und so wird das Gleichgewicht eines kleinen Ortes empfindsam gestört. Aus Wohlwollen guter Menschen und guter Nachbarn wird Ablehnung und Hass, aus guten Intentionen die falschen Entscheidungen. Und aus einem intakten Familienverbund eine Zerreißprobe, in der sich Atticus Glauben an das Gute und Richtige behaupten muss. 

Das Amerika der 30er Jahre

Dei Kindheit von Scout uns Jem ist geprägt von endlosen Sommern, den die beiden Kinder mit ihrem Freund Dill verbringen, auf der Veranda, mit Gesprächen mit den Nachbarn und dem unentwegten Herumschleichen um das Anwesen von Boo Radley, einem Mann, der sein Haus nie verlässt. So ein Mann muss einfach böse sein. Nein, muss er nicht, sagt Atticus und gebietet seine Kinder, ihn in Ruhe zu lassen. Dies sei ein freies Land und jeder Mensch können tun und lassen, was er will. Harper Lee versteht es, anspruchsvolle Themen für Jugendliche und Kinder zu verarbeiten, sich diesen entsprechend anzunähern, verschiedene Sichtweisen zuzulassen und dennoch eine Haltung einzufordern. Es wundert also nicht, warum dieses Buch oft als Schullektüre herangezogen wird, deutet sich doch schon hier an, dass es um die Auseinandersetzung mit Vorurteilen geht und darum, wie man damit umgeht. Und Vorurteile, die gab es zuhauf im Rahmen der Rassen-, Klassen- und Geschlechterkonflikte der 30er Jahre. Harper Lee schlüpft dabei in die kleine Scout, die als Erwachsene auf diesen Sommer zurückblickt, in reflektierter Distanz und voll kindlicher Emotionen.

Das Richtige tun, auch wenn andere es nicht tun

Die Gerichtsverhandlung tritt unverhofft in ihr Leben, vereinnahmt die ganze Familie und zwingt Scout zur Reflexion. Ihre Sicht auf die Dinge ist kindlich, aber dennoch unnachahmlich und scharfsinnig. Vater Atticus lässt seinen Kindern Raum für deren eigenen Beobachtungen, verleiht diesen im entscheidenden Moment Gewicht und positioniert sie. Er ist Humanist, der immer das Gesamtbild betrachtet und sich nie von Stimmungslagen beeinflussen lässt. Dabei wird er mehr und mehr zum moralischen Anker, der über der Geschichte schwebt, über den voreingenommenen, engstirnigen Wesen der Nachbarn, die der aufgepeitschten Stimmung verfallen. Atticus lehrt seine Kinder zum Hineinversetzen in andere, bevor diese urteilen, und erzieht sie so zu Toleranz, Empathie und Verständnis. Dass seine wilde Tochter nicht dem Frauenideal der Zeit entspricht, sondern weit darüber schwebt und damit aneckt, stört ihn nicht und er verteidigt sie trotz vehementer Anpassungswünsche konservativer Verwandter. Atticus kann man dabei nur bewundern und respektieren, weil er beweist, dass es immer eine Wahl gibt, dass man sich Traditionen nicht beugen muss und dass das maßgebliche im Leben die Verpflichtung dem eigenen Gewissen gegenüber ist. Dass dieser Weg nicht einfach ist, das zeigt die Geschichte, der Atticus viel Mut abverlangt, trotz einer gegen ihn aufgebrachten Stadt für seine Überzeugungen einzutreten, seine Kinder dabei zu leiten und mit ihnen zusammen den richtigen Weg zu gehen, auch wenn es andere nicht tun. Dass das nicht ohne bleibende Spuren geschehen kann, sagt der Titel des Buches. “To kill a Mockingbird” steht metaphorisch für das Ende der Unschuld.

Aktueller denn je – leider!

Harper Lee gewann zurecht den Pulitzerpreis mit diesem Buch, weil sie wichtige Themen anspricht, die leider heute aktueller sind denn je. In einer Zeit der großen Fluchtbewegungen, des Krieges, der Anfeindungen und der Vorurteile empfehle ich dieses Buch über alle Maßen. Unsere Zeit beweist einmal mehr, dass überwundene, dunkle Facetten des Menschen wieder Besitz von uns ergreifen können, sobald man nachlässig wird. Von Hitlergrüßen in Schulen über die ablehnende Haltung einwandernder Ukrainer gegenüber, Hass und Empathielosigkeit gegenüber im Mittelmeer Ertrinkender, überbrodelndem Nationalstolz überall auf der Welt sowie überall verbreiteter Verschwörungs-Rethorik bedarf es derzeit einmal mehr dem Fokus auf den richtigen Weg, und zwar den moralisch und ethisch richtigen. Dazu liefert “To Kill A Mockingbird” einen kraftvollen Beitrag und macht es somit nicht nur für Jugendliche wertvoll, sondern auch für jeden Erwachsenen, insbesondere die erziehenden unter uns.

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