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Scott Jurek: North – Finding my way while running the Appalachian Trail (Buchrezension)

Spätestens seit dem Erscheinen von Born to Run von Christopher McDougall ist Scott Jurek nicht nur einer der besten Ultramarathon-Läufer aller Zeiten, sondern auch der wohl bekannteste. Die Reise amerikanischer Eliteläufer nach Mexiko zu den Ursprüngen des Laufens ist nichts Geringeres als episch, und Jurek spielt darin eine der Hauptrollen. Was an Jurek begeistert, ist nicht nur seine läuferische Leistung, sondern vor allem seine bescheidene Art, seine Haltung zum Ressourcen-schonenden Umgang mit unserer Welt und zur Ernährung, seine Fairness und respektvoller Umgang nicht nur mit seinen Konkurrenten, sondern mit allen Menschen.

„Because I am stuck, because I’m forty and I need to feel what it’s like to go to the edge again, and then go farther.“

Trail Running

Die Frage des Warum
Wie kommt man dazu, eine solch lange Strecke zu laufen, oder besser gesagt, warum tut man sich das an? Nun, wer Born to Run kennt, der weiß, dass Scott Jurek für lange Zeit der wohl beste Ultraläufer der Welt war. Das siebenmalige Gewinnen des 100 Meilen Western States Ultra, der epische Sieg bei Badwater im Death Valley sind nur zwei Beispiele eine schier endlosen Liste von Rekorden. Aber auch ein Champion wird älter und es kommt der Punkt, an dem andere schneller sind. Der Punkt, an dem der bescheidene, langhaarige und von Tag zu Tag lebende Superultraläufer nach 20 Jahren Wettkampf sich mit seiner großen Liebe JLu in die Gesellschaft einfügt. Kredit, Autokosten, Medizinausgaben, Geldsorgen, Familienplanung – all das ist urplötzlich und unversehens da. Eigentlich wollte er doch fertig sein mit seinen nun vierzig Jahren und einen Zustand der Zufriedenheit erreicht haben, die glorreichen Tage mit einem Gefühl der Zufriedenheit hinter sich lassen und das Leben jenseits des Ultras genießen als Botschafter seines Sports, einfach – jemand sein! Aber es kam anders. Es ist nicht nur die Unzufriedenheit mit dem neuen Lebensstil, die ihn belastet, sondern auch der Beinah-Tod seiner Frau, die beim Verlust Ihres Kindes bei der Geburt beinahe selbst stirbt, und nicht zuletzt auch der tragische Tod ihres Freundes Dean Potter. Gebeutelt beschließen die beiden, eine Woche in der Natur zu verbringen und eine Etappe des Pacific Crest Trails (PCT) zu wandern. JLu macht ihm deutlich, dass er einfach nicht weiß, was er als nächstes will. Doch hier auf dem PCT mit jeder Menge Zeit zum Nachdenken fällt ihm genau das wieder ein:

„Because I am stuck, because I’m forty and I need to feel what it’s like to go to the edge again, and then go farther.“

Gab es nicht eine Zeit, in der er von einem Leben auf dem Land abseits der Gesellschaft träumte, von einem physisch und spirituell gelösten Leben wie Jack Kerouac? War es nicht genau das, dieses Wandern auf dem PCT, was ihn glücklich machte und wovon er in dieser Woche oberflächlich ein Gespür bekam? Und so ist es hier auf dem PCT, dass eine Idee geboren wird. Er würde wieder laufen, irgendwo in einer ihm gänzlich unbekannten Wildnis und ohne jegliche Planung. Er würde auf Tuchfühlung gehen mit seinem früheren Leben, noch einmal erfahren wie es war, ein Champion zu sein. Als er JLU damit konfrontiert, machen sie einen Deal: Sie würde ihn unterstützen bei seinem Vorhaben. Doch – Es würde nur einen Versuch geben, wenn sie schon den gesamten Frühling und Sommer fernab ihrer Freunde opfern würde. Im Gegenzug müsse er ihr versprechen, sich im Anschluss zu verabschieden von seinem alten Leben, und zwar in Zufriedenheit – Deal!

“I felt an urge to reconnect with my old self, the one that might not win but still kept fighting!”

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1.189 Meilen
Die alten Grenzen erneut zu spüren, bedeutet für einen Mann wie Jurek nichts Geringeres als die Unterbietung der bisherigen sogenannten FKT – der „fastest known time“. Im Falle des Appalachian Trails bedeutet das 1.189 Meilen und 1 Million Höhenmeter, die in 45 Tagen mit 50 Meilen am Tag zurückzulegen sind, was einer steten Pace von 4 Meilen die Stunde gleichkommt. Eigentlich kein Problem für Jurek, so glaubt er, der sich das Ganze als Urlaub oder Spaßabenteuer vorstellt. Sie könnten einige Etappen zusammen laufen, zu Mittagessen und die Natur genießen, und phasenweise würde er laufen und den Rekord brechen. Während er zuversichtlich ist, ist JLU zutiefst skeptisch. Sie würde größtenteils allein sein inmitten einer unbekannten Wildnis, würde ihn bekochen und betreuen müssen, Wäsche waschen und auf ihn warten. Die größte Befürchtung ist aber, dass ihr Mann sich übernimmt, weil er schlichtweg nicht gut vorbereitet ist, Lichtjahre entfernt von alter Stärke. Sie sollte Recht behalten.

“I’ve always loved hanging out with people who’d manifested their own destinies, people who have made things happen despite the odds.”

In die Wildnis
Im Amicalola Falls State Park startet das Abenteuer vor einem riesigen Poster des über mehrere US-Staaten führenden Supertrails, dessen schiere Dimension Angst einflößend ist. Und nach einer regnerischen Nacht in ihrem umgebauten Bus – Castle Black – betätigt er um 5:56 seine Uhr mit den Worten: „Well, let‘s go to Maine“, und startet in die Dunkelheit. Es gibt nur eine Richtung – nach Norden – und sowohl Scott als auch JLu beginnen ihr Abenteuer mit dem Gefühl, am richtigen Ort zu sein und das richtige zu tun. „You are made for this, boy!“, sagte sein Freund und Topläufer David “Horty” Horton zu ihm vor der Reise, und er hatte Recht. Jurek fühlt sich wieder quietschlebendig und ist glücklich, weil er tut, was er am besten kann. Gleichsam ist es sowohl für ihn als auch für JLu eine Auszeit, die es ihnen ermöglicht, über ihren Verlust nachzudenken: Ihr Kind, ihr Freund Dean und auch Scotts Mutter.

„I felt a sense of certainty that I was in exactly the right place, doing the right thing at the right time. I wanted it to end, but I already knew I’d miss it when it did.”

Support
Auf seinem Weg nach Norden führt Scott einen Tracker mit sich, um seinen Rekordversuch nachvollziehbar zu dokumentieren und auch zu beweisen. Zig tausende Läufer verfolgen das Vorhaben live über Social Media, und unzählige machen sich auf den Weg, um Scott irgendwo inmitten der Wildnis zu empfangen und ihn einen Teil des Weges zu begleiten, darunter auch viele Elite-Ultraläufer und gute Freunde. Zu nennen wären etwa Louis El Coyote Escobar (Born to Run), David Horton (Gewinner von 25 Ultras inkl. des Hardrock 100), Karl Speedgoat Meltzer (Gewinner von über 60 Ultras), Timmy O’Neill, Mark Fat Boy Godale, Trail Dawg, Andrew Drummond, Krissy Moehl, Ryan und Kristina Welts, nur um einige zu nennen. Alles Läufer mit Erfahrung und die für ihn da sind, wenn es hart wird. Sie laufen mit ihm durch die Nächte, wenn es sein muss, kalkulieren die Pace und die Kalorien, wachen über ihn, wenn er schläft, bilden eine Schutzzone um ihn herum, wenn zu viele Läufer auftauchen, pushen ihn, wenn er einbricht.

Dann sind da die Trail Angels. Jene, die Smoothies, Kuchen, Bier und Früchte für ihn auf dem Trail hinterlassen und mit Blättern oder Steinen geschriebene Motivationen für ihn. Es tauchen Menschen auf, deren Leben Scott wesentlich geprägt hat wie ein junger Mann, der wie unzählige andere durch Born to Run inspiriert wurde oder der an Leukämie erkrankte Rickey Gates. Und dann sind da solche, die ihn online verfolgen, ihn über soziale Netzwerke motivieren oder auch einfach anrufen, wie zum Beispiel der 4-malige Boston-Marathon-Gewinner Bill Rodgers. Der größte Support und Stütze aber ist seine Frau JLu. Sie ist es, die den Sommer für ihn opfert, für ihn kocht, seine Wäsche wäscht, die vielen Fragen Interessierter beantwortet, ihn an jeder Kreuzung erwartet, teilweise Angst haben muss alleine in der Wildnis und letztlich auch an Einsamkeit leidet.

“What matters most is how you walk through the fire.” (Buchauszug, Zitat von Charles Bukowski)

Zweifel und Probleme
Zunächst beginnt alles wie ein Traum. Scott und JLu gehen gemeinsam schwimmen, verbringen Zeit in „Castle Black“, posieren für Fotos, unterhalten sich mit Interessierten und Gleichgesinnten und genießen die Natur in vollen Zügen. Nebenbei läuft Scott durch den „Green Tunnel“, was einer befreienden Meditation gleichkommt. Doch die Probleme lassen nicht auf sich warten. Ohne es zu merken, tickt die Uhr erbarmungslos weiter und der amtierende Rekord der FKT gewinnt an Vorsprung vor Scott. Unzureichende Kilometer am Vortag werden bestraft durch mehr Kilometer am Folgetag, und mehr Kilometer bedeuten in der Folge weniger Zeit mit JLu und mehr Belastung für den Körper. Scott bekommt ein Läuferknie und schafft immer weniger Kilometer. Kilometer, die er nachholen muss. Extrem erschwerend wirkt auch der unerbittlich herabprasselnde Regen, der gefühlt niemals aufhört. Hier erscheinen Horty und Speedgoat auf der Bildfläche. Eigentlich erbitterte Konkurrenten, – hier wird die Einzigartigkeit der Ultraläufer deutlich – so unterstützen sie Scott dennoch in jeglicher Hinsicht und managen ihn, um den Rekord zu schaffen. Ab jetzt ist Schluss mit „easy peacy“, mit jeglicher Romantik und Freizeit.

“Now you’re gonna work harder than you’ve ever worked in your live. The greater the price we pay, the greater the reward.”

Trail Running

Besucher werden abgeschirmt und der Raum für Privates mit JLu wird immer knapper. Die Tage werden exakt geplant. Treffen finden fortan an jeder Kreuzung statt, und neben Speedgoat und Horty tauchen nun die Cracks auf der Bildfläche auf, um mit Scott immer mehr Nächte durchzulaufen. Scott bekommt immer weniger Schlaf, seine Laufklamotten riechen mehr und mehr nach Essig, er schläft während dem Laufen und dem Essen ein, bekommt spastische Anfälle. Der begonnene Traum wird mehr und mehr zur gnadenlosen Zerreisprobe am absolut äußersten, was der menschliche Körper ertragen kann.

“I never had seen him go this deep and this dark, ever.”

Scott wollte die alten Grenzen wieder spüren, und das tut er jetzt in einer Intensität, die bald vom körperlichen auf den seelischen Zustand überschlägt. Er bekommt Halluzinationen und wird depressiv und aggressiv. Der Zweifel wird immer lauter: „What have I gotten us into? gotten us into?“ Und letztlich ist es die über allem stehende Frage, die entscheidet: Warum war er hier? War er hier, um einfach draußen zu sein inmitten der Wälder, um am Lagerfeuer zu sitzen und Leute zu treffen? Oder war er hier, um zu gewinnen?

“We often think we can’t go any farther and feel like we have nothing left to give, yet there is a hidden potential and strength in all of us, begging us to find it.”

Fazit
Neben Born to Run und Eat & Run ist dies das dritte Buch, das ich von bzw. über Scott Jurek lese. Was mich zutiefst an ihm interessiert ist nicht in erster Linie seine Stellung als einer der besten Ultraläufer aller Zeiten, sondern seine bescheidene und ressourcenschonende Lebensweise und Sicht der Dinge, die in vielen Facetten erstrebenswert sind. North ist in gewisser Hinsicht Jureks Abschied vom Olymp des Ultras, den er wie kein anderer dominiert hat. Es ist eine Suche des Loslassen Könnens von den glorreichen Tagen und das sich einlassen auf ein neues Leben. Jurek gelingt es, diesen Weg zu gehen, ohne leidvollen Blick in die Vergangenheit, sondern nach vorne auf das, was da kommen mag. Und genau das kann jeden von uns inspirieren!

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