Über Sinn und Unsinn von Carbon-Laufschuhen

Als Eliud Kipchoge in Wien als erster Mensch die zwei Stunden Marke auf die Marathondistanz unterbot, trug er an seinen Füßen einen Carbon-Laufschuh der Marke NIKE. Brigid Kosgei gelang ähnlich Erstaunliches, indem sie mit einer Zeit von 2:14:04 den als unüberwindbar geltenden Rekord von Paula Radcliffe brach. An ihren Füßen – ein Laufschuh aus Carbon. Schaut man sich die Ergebnislisten der großen Marathons an, stellt man fest, dass nahezu alle Spitzenplätze mit Carbon-Laufschuhen erreicht werden. Diese Tatsache hat dazu geführt, dass alle großen Hersteller Carbonschuhe als Flaggschiffe aus ihrem Sortiment hervorheben – Brooks, Saucony, Hoka One One und wie sie alle heißen. Stellt man sich bei einem Marathon an die Seitenlinie, wie zum Beispiel ich im Rahmen eines Helfereinsatzes letzten Oktober beim Berlin Marathon, dann stellt man fest, dass die Werbebotschaft bei den Läufern angekommen ist. Viele, viele Läufer sieht man da – mit Carbon an den Füßen. Ein kluger Schachzug der Laufschuhersteller, wie ich finde. Warum? Ein Carbon-Laufschuh kostet mit 200 EUR aufwärts mindestens das Doppelte als ein normaler Laufschuh. On top kommt aber, dass die Nutzungsdauer maximal 300 Kilometer beträgt, also noch weniger als ein Drittel eines normalen Laufschuhs, den ich persönlich locker 1.000 Kilometer lang trage. Die Firmen verdienen also das doppelte Geld pro Schuh und verkaufen diesen auch in noch kürzeren Intervallen – sehr smart. Was die Hersteller jedoch nicht sagen, ist folgendes: Nur ein winzig kleiner Teil der Träger dieser Schuhe profitiert durch diese Technologie.

Carbon
Carbon ist High-Tech aus der Raumfahrt. Es hält den stärksten Belastungen stand, ist sehr leicht und geht bei Durchbiegung sofort in die ursprüngliche Position zurück, wodurch die abgegebene Energie mittels Federeffekt wieder zurückkommt. In der Zwischensohle verbaut, gibt die Carbonplatte bei einem Lauf konstant Energie zurück, während der Aufwand für die Muskulatur sinkt. Das bedeutet, dass in der Theorie höhere Geschwindigkeiten mit geringerem Energieeinsatz gelaufen werden können. Hersteller spielen mit der Form der Platte, deren Lage im Schuh, der Sprengung und dem Material um die Platte herum, was bedeutet, dass der Effekt nicht durch Carbon alleine, sondern durch alle damit verbunden Komponenten zustande kommt. Carbon macht jedoch auch etwas anderes. Durch die sehr steifen Platten wird das in den Boden Hineingreifen der Zehen verhindert, was unterm Strich als Energieverlust geltend gemacht werden kann. Sprich: Es wird Energie gespart, indem das natürliche Verhalten der Zehen unterdrückt wird. Und damit deuten sich dann auch schon langsam die ersten Nachteile an.

Der Effekt
Bei Eliteläufern ergibt sich nach gängiger Schätzung eine Zeitersparnis von maximal 3 Sekunden auf den Kilometer. In der Laufelite ist das ein enormer Unterschied, weil dadurch Platzierungen verschoben werden. Deshalb wundert es auch nicht, dass nahezu alle Elite-Marathonis mit Carbon unterwegs sind. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Eliteläufer mit einer Pace um glatte 3 Minuten auf den Kilometer unterwegs sind. Wichtig zu wissen: Diese schnelle Geschwindigkeit nun ist entscheidend für die Ausschöpfung des Potentials einer Carbonplatte. Nur wenn diese in einer sehr schnellen Pace, also hart gelaufen wird, ergeben sich Vorteile. Die meisten Läufer, die ich beim Berlin Marathon gesehen habe, sind langsamer unterwegs, was bedeutet, dass sich durch die teuren Schuhe keine Vorteile ergeben bzw. mit sinkendem Leistungsniveau immer weniger bis gar keine. Was sich allerdings ergibt, sind Nachteile.

Nachteile für die Allermeisten
Zunächst einmal beansprucht die steife Carbonplatte die Wadenmuskulatur und Achillessehne enorm, was bei all jenen zu Verletzungen führen kann, die nicht ausreichend trainiert sind. Verursacht wird dies durch die Verschiebung des Kraftangriffsmoments nach vorne, wodurch der Hebel zur Achillessehne vergrößert wird. Viele Barfußläufer erarbeiten sich durch Minimal- und Barfußlaufschuhe diese eigentlich natürliche Sprungfederung der Achillessehnen über Jahre, ganz langsam steigernd. Wer das macht, der weiß aus Erfahrung, dass es Jahre braucht, um sich auf diese Art und Weise zum Mittel- und Vorfußläufer zu trimmen. Die breite Trägerschaft von Carbon-Laufschuhen wird sich auf diese Weise überlasten, insbesondere dann, wenn die Schuhe zu oft getragen werden.

Und jetzt?
Ich gebe ganz ehrlich zu, dass ich mir selbst überlegt habe, solche Schuhe zu kaufen, um mich durch diese Technologie über die 3,0 Stunden-Marke über die Marathondistanz zu hieven. Da ich davon nicht mehr weit weg bin, kann es durchaus einmal Sinn machen, es tatsächlich mit Carbon zu versuchen, weil die Geschwindigkeit für einen Sub-3 Marathon schon schnell genug ist, dass sich das Potential von Carbon bemerkbar macht. Derzeit sehe ich aber noch davon ab. Für einen Marathon weit über drei Stunden erachte ich Carbon-Laufschuhe als absolut sinnlos, das ist meine ganz eigene Meinung. Für Läufer, die ggf. auf Distanzen über 5, 10 oder 21K mit einer Pace mit einer 3 vor dem Komma unterwegs sind, macht das sicherlich schon eher Sinn. Auch für das Ergattern von mancher begehrten STRAVAKRONE wird das ganz sicher einen Unterschied ausmachen, hier geht es schließlich um Sekunden und die kann man hier reinholen. Alles in allem sehe ich jedoch keine bemerkenswerten Vorteile für die breite Masse, sondern ausschließlich für die Hersteller, die in kürzer werden Intervallen mehr Geld einnehmen als zuvor.

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Ma San

3 Gedanken zu „Über Sinn und Unsinn von Carbon-Laufschuhen

  1. Vielen Dank für deine Einschätzung! Ich gebe offen zu, dass ich mich zum Kauf eines Schuhs mit Carbonfasern in der Sohle (keine Carbonplatte) habe verleiten lassen – auch, weil der Preis noch nicht so absurd hoch war und ich ohnehin auf der Suche nach neuen Laufschuhen war. Auf Läufen bis zu 10 km habe ich mich bisher auch immer recht gut damit gefühlt. Das obwohl ich von deinen Lauffähigkeiten ein gutes Stück entfernt bin. Nun habe ich meinen ersten längeren Lauf mit längeren HM-wettkampspezifischen Intervallen gemacht und mich deutlich unwohler gefühlt, wie bei den schnelleren 10km-spezifischen Intervallen. Ich vermute ganz stark, dass ich im Bereich HM schlichtweg zu langsam für den Schuh laufe. Außerdem deckt sich mein Nachtrainingsgefühl in Wade und Achillessehne mit deiner o.g. Einschätzung. Fazit: Ich verzichte im HM-Wettkampf auf das Carbon-Modell und überdenke meine Leichtgläubigkeit nochmal. 🙂 Sofern diese Erfahrung Anderen hilft, freut es mich.

    1. Sehr gerne doch und auch vielen Dank für dein Feedback! Deine Schilderungen sind sehr interessant. Auf die kurzen Distanzen hast du einen positiven Effekt, der sich dann auf lange Distanzen aufgrund des geringeren Tempos umkehrt. Ich kenne viele Läufer, und viele davon greifen mittlerweile zu Carbon. Die meisten von denen sind im Bereich 3,0 Stunden oder schneller auf den Marathon unterwegs und einige davon sind auch überzeugt, die sub 3 aufgrund des Carbons geschafft zu haben. Insofern ist eine Leistungssteigerung unbestreitbar und die große Frage ist, ab wann genau sich der Effekt ergibt? Das wird sicherlich sehr individuell sein und es wird auch auf den Schuh ankommen, die sich ja auch alle voneinander unterscheiden. Insofern kann es schon sein, dass Carbon für dich auf 10 oder 20K von Vorteil ist und du damit schneller bist.

      Ich sehe ein bisschen Gefahr darin, dass die allermeisten Hobbyläufer Fersenläufer sind, also mit der Hacke auftreten und nach vorne abrollen. Im vorderen Wettkampfeld ist das umgekehrt. Die meisten dort haben sich den Mittel- bzw. Vorfußlauf antrainiert (über Jahre), rollen nach hinten ab und sind in einer höheren Kadenz/Schrittfrequenz unterwegs (170 Schritte + pro Minute, was sehr effektiv ist). Beim Fersenlauf ist die Kadenz viel, vieeeel niedriger, was schlecht ist. Der Vorfußläufer wird ganz sicher mehr von Carbon profitieren, weil die Waden und Achillessehne das ohnehin gewöhnt sind. Problematisch ist das aber aus meiner Sicht für den Fersenläufer, weil der nun durch den Hebel des Schuhs in den Vorfußlauf gezwungen wird. Ein Prozess, der behutsam über Jahre erfolgt, passiert nun in kurzer Zeit. Und wenn das dann Laufstil-mäßig nicht sauber ist, gibt es zu 100 Prozent Probleme.

      Mein Rat wäre, zunächst einmal zu schauen, ob die Kadenz hoch genug ist (mind. 160) und diese zu optimieren, um auf ca. 170/Min zu kommen. Das geht einher mit der Aneignung des natürlichen Mittel- Vorfußlaufstils, den man sich durch Barfußlaufschuhe (Virbram) und Schuhe mit geringer Dämpfung und niedriger Sprengung (unter 4mm, zum Beispiel Altra Escalante oder Saucony Kinvara) behutsam antrainiert. Allein dadurch wird man immens schneller. Schafft man es dann, stilmäßig sauber schnell zu laufen, dann wäre für mich der Schritt zu Carbon ratsam, um noch schneller zu laufen.

      Liebe Grüße

      1. Danke für deine Antwort und die enthaltenen Tipps! Ich denke, diese Art von Schuhen bergen aktuell noch große Gefahren, sofern man unreflektiert darauf setzt. Bin derzeit bei 10km um die 42 Minuten unterwegs und habe daher den Einsatz auf der HM Distanz in Erwägung gezogen. Carbonschuhe sind meines Erachtens für die allermeisten Läufer*innen (inklusive mir :D) eine großartige Marketingstrategie (hoher Preis, kurze Lebensdauer) und nicht unbedingt nötig; aus gesundheitlichen Gründen evtl. sogar mit Vorsicht zu genießen. Im Spitzenbereich setzen sicherlich viele Athlet*innen völlig zurecht auf diese Technologie. Aber wo die genaue / individuelle Grenze liegt, ist eine sehr berechtigte Frage, die aktuell (noch) nicht recht beantwortet werden kann. Bis dahin bleibt eine offene Diskussion und Auseinandersetzung mit diesem Thema die wohl sicherste Methode sich (und hoffentlich auch andere) schlau zu machen. Es bleibt spannend!

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