Loslassen

„Wenn ich loslasse, was ich bin, werde ich, was ich sein könnte. Wenn ich freigebe, was ich habe, bekomme ich, was ich brauche.“ (Laotse)

Reinhold Messner schrieb in einem seiner Bücher in etwa folgendes über das Sterben bzw. den Tod auf die Frage eines Interviewenden, ob er Angst davor habe. In einer Situation wie jener bei der tragischen Nanga Parbat Expedition, als er mehrere Tage ohne Seil bei eisigen Minusgraden an der vereisten, mehrere tausend Meter hohen Rupalwand stand – in solchen Situationen verschwindet die Angst vor dem Tod. Und wenn dieser nahe ist, dann passiert ein leises uns sanftes Einsinken in diesen, und das habe nichts mehr Schlimmes mehr an sich, sondern etwas Befreiendes. Ich musste heute an diesen Satz denken, nicht in Bezug auf den Tod, sondern in Bezug auf das Loslassen von etwas, also generell irgendwas, das man liebt.

„…Einverständnis mit dem Tod ist ein angenehmer, friedlicher Zustand. Der Tod ist eine Tatsche. Er gehört dazu! … Zuletzt ist ein in den Tod sinken….Nein, Sterben ist gar nicht schlimm.“ (Reinhold Messner)

In letzter Zeit sagen viele Leute zu mir. “Mach bloß langsam, pass bloß auf!” Sie spielen auf meine überstandene Covid-Infektion an und sie haben natürlich Recht. Aber – diese Leute sind keine Läufer wie ich. Mit mir verhält es sich nunmal wie folgt: Ich war und bin eine Art besessener Läufer und werde das auch immer sein. Laufen gehört für mich zu meinem Leben dazu und ich kann ohne laufen nicht wirklich glücklich sein. Deshalb höre ich den Mahnern zwar mit einem Ohr zu, aber sie verlieren schnell meine Aufmerksamkeit. Nicht weil sie nicht Recht hätten, aber sie ticken anders als ich, verstehen diesen Grad der Obsession in eine Sache wie das Laufen nicht. Ich war nie vorsichtig, nie konservativ, sondern hatte immer schon den Drang und den Zug zu Grenzen hin, zum Horizont. Ich habe in Spanien gelebt, in England, in China und sonst wo, habe mich stets auf Neues eingelassen und ja, auch immer etwas riskiert. Der Gedanke an etwas wie die Rente ist mir fremd, ich lebe jetzt! Was in der Vergangenheit und in der Zukunft liegt, bekommt von mir wenig Raum.

In Situationen wie jetzt höre ich deshalb jenen Menschen zu, deren gesagtes Wort für mich echten Gehalt hat, wie zum Beispiel Reinhold Messner. Ich bin ihm einmal auf Schloss Sigmundskron in Bozen bei einem seiner Abenden am Lagerfeuer begegnet und wenn einer wie er spricht, dann sind alle leise, hören alle zu. Weil das, was er sagt, im Gegensatz zu vielen anderen, einen Gehalt hat, der auf eigenen Erfahrung gründet. Weil er eine Meinung, eine echte Haltung hat. Die mag manchmal umstritten sein, aber er hat eine! Und genau deshalb interessiert es mich, wenn jemand wie er über grundlegende Dinge spricht wie die Unumgänglichkeit des Loslassens. Messner hat oft losgelassen, wurde vom Extremkletterer zum Bergsteiger, zum Durchquerer der Extremebenen, zum Autor und schließlich zum Museumsbetreiber. Er beschreibt die Veränderung, also das Loslassen von etwas, als zwingende Notwendigkeit im Prozess des Alterns und beweist, dass es immer zu etwas führt, immer etwas Neues entsteht, wenn man sich darauf einlässt. Festzuhalten an etwas mit allen Mitteln bezeichnet er als töricht, als dumm.

“Du kannst Minuten, Stunden, Tage, Wochen, oder sogar Monate einer Situation Überanalysieren.
Versuchen, die Puzzleteile zusammenzufügen. Begründen, was hätte sein können, was hätte passieren können. Oder du kannst einfach die Stücke auf dem Boden lassen und Dich, verdammt nochmal einfach weiterbewegen.” (Wayne Dyer)

Ich bin läuferisch gerade an einem Punkt, an dem ich akzeptiert habe, dass in naher und mittelfristiger Zukunft keine harten Wettkämpfe für mich stattfinden werden. Kein Sub-3-Marathon, wahrscheinlich auch kein Ultramarathon, kein hartes Training. Bis vor kurzem habe ich damit gerungen, ob es nicht doch gehen könnte. Vor zwei Tagen war ich schwimmen – da geht nichts mehr und noch immer merke ich die Belastung, die eigentlich keine war. Und damit war und ist klar, und zwar ganz klar, das war’s fürs Erste! Das so einzusehen, hat etwas Befreiendes, weil ich nun loslassen kann, akzeptieren kann, dass es so ist. Nun jogge ich also langsam vor mich hin, schön mit niedrigem Puls, und werde überholt von schnelleren Läufern, und das ist okay. Sie ziehen an mir vorbei und ich bleibe zurück. Das war immer umgekehrt, jetzt ist das eben so und es macht mir nichts mehr aus. Ich lasse sie einfach an mir vorbei rennen.

Durch dieses Loslassen gelingt es mir, andere Kräfte in mir zum Zug kommen zu lassen und mich neu auszurichten. Ich habe innerhalb kürzester Zeit mein zweites Kinderbuch geschrieben, mein drittes Buch nun und es wird bald erscheinen. Ein viertes Buch ist in der Mache, ein Kapitel schon fertig. Ich bin sehr froh, dass ich mit dem Schreiben, insbesondere im Schreiben von langen Texten, eine zweite, ganz große Leidenschaft in meinem Leben habe. Eine, die mit dem Laufen verwandt ist, wie ich finde. Eine, die jede Menge Ausdauer und Routine braucht. Ein Buch ist wie ein Marathon, hart wird es immer erst am Ende, und mittlerweile kann ich das ganz gut, bleibe fokussiert und schreite durch Schwächephasen, wie bei einem Marathon. 

Reinhold Messner hat noch etwas gesagt, was in mir nachhallt. Das Einzige, was ihn als jungen Kletterer interessierte, war die Tat. Nicht die Theorie, einzig und allein die Tat, und sonst gar nichts. Ich habe schon immer begriffen, dass das Leben kurz ist. Das ist auch der Grund, warum ich beim Laufen mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln stets nichts Geringes gegeben habe als einhundert Prozent. Der Moment des Wettkampfes war für mich immer heilig und ich hatte stets einen Sinn dafür, dass es eine Chance ist, ein Privileg das zu tun. Das es darauf ankommt, den Moment voll zu nutzen, weil kostbare Momente im Leben rar sind. Mit angezogener Handbremse zu laufen war nie mein Thema, genauso wenig wie mit angezogener Handbremse zu leben. Natürlich gehe ich davon aus, dass ich zurückkommen kann. Aber wenn nicht, dann habe ich meine läuferischen Errungenschaften vor meinem inneren Auge. Weil ich sie vollbracht, getan habe mit allem, was mir unter meinen Umständen möglich war. Es gibt keine Theorie, dass ich das hätte tun können, ich habe es gemacht und es ist Teil von mir. Mir ist klar, klarer als je zuvor, dass man Träume, egal wie schwer diese erreichbar sind und was auch immer all die Mahner und Vorsichtigen sagen, umsetzen muss. Und zwar nicht irgendwann, sondern dann, wenn sich die Chance bietet und mit aller Energie, die man hat. „Es spricht vieles dafür, alles zu geben“, sagte Zach Miller einmal, und ich sehe das ganz genauso. Weil das Leben kurz ist, so oder so. Alle Theorie mag etwas wert sein, aber sie ist nicht real. Einzig und allein die Tat ist es, die echter Teil ist von uns ist und auch ein Teil von uns bleibt. Als ich zu Beginn meiner Buchvorhaben so manchen fragte, was sie davon hielten, kamen meistens Bedenken durch. Gibt es alles schon, ist nichts Besonderes, keine Chance, müsste so oder so sein. Die Welt ist voller Bedenkenträger die meinen zu wissen, wie etwas zu sein hat, und letztlich stets in der gleichen Position verharren, unfähig sind zu handeln. Ich habe es trotzdem durchgezogen. Hey, es mag sein, dass sie Recht haben, die ganzen Leute. Aber ich habe es versucht, habe es gemacht und weiß, wovon ich rede. Es ist keine Theorie, kein Licht am Horizont, es ist getan und folglich Tat. Und so ist es auch mit meinen Auslandsaufenthalten. Ich bin froh, das damals durchgezogen zu haben, und zwar trotz aller Bedenken. Es war eine Chance und ich habe sie genutzt, in dem Moment, als sich die Chance bot. Mein Leben ist damit reicher geworden und die Erfahrung Teil von mir. Mag sein, dass meine Rente in 25 Jahren deshalb niedriger ausfällt. Aber die Eindrücke, die ich habe, sie sind Leben, sie sind echt – und unbezahlbar!

Wenn ich morgen nicht mehr laufen kann, dann kann ich mich trotzdem daran erinnern, als ich 2019 nach einem harten Marathon ins antike Stadion von Athen eingelaufen bin voller Glück. Deshalb – wartet nicht ab, seid nicht zu vorsichtig, geht da raus und zieht es durch, tut es einfach. Denn der Tag kommt, an dem es nicht mehr geht, an dem ihr loslassen müsst, weil es zu spät ist. Viel schöner als zu überlegen, was am Ende hätte möglich sein können ist es, Dinge getan zu haben. Die Tat, sie ist Teil von uns, die Theorie ist es nicht, sie existiert nicht. Was getan ist, ist getan und etwas getan zu haben erzeugt Zufriedenheit in uns. Und dann ist das Loslassen gar nicht mehr so schlimm.

Ma San[/Avatar]

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