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Scott Jurek: Eat & Run – My unlikely Journey to Ultramarathon Greatness (Buchrezension)

“Running is what I do. Running is what I love. Running is – to a large extend – who I am!”

Was Scott Jurek in Badwater im Jahr 2005 durchmacht, ist exemplarisch für ihn. Er liegt am Boden, kann nicht mehr. Das verwundert mich als Leser auch nicht im Geringsten. Der Badwater Ultramarathon führt die Läufer über 145 Meilen durch das Death Valley, im Hochsommer. Viele Ultramarathons rühmen sich gerne damit, die härtesten der Welt zu sein. Aber wenn man liest, was Jurek hier erlebt, dann mutet ein Ultra wie der in der Sahara stattfindende Marathon des Sables, der sich gerne als besonders hart schmückt, dagegen an wie ein gemütlicher Wochenendausflug für gelangweilte Manager. Nein, in einem richtigen Ultra wie in Badwater wird nicht gestoppt in der Nacht, um am Folgetag weiterzulaufen. Hier wird durchgerannt, 24 Stunden am Stück und länger. Es ist so heiß, dass die Sohlen am Asphalt schmelzen und sich die Läufer in mit Eis gefüllten Särgen abkühlen. Jurek liegt ab Boden und fragt sich, was falsch gelaufen war. War das Training zu hart, die Erholung zu kurz geraten? Und überhaupt, warum tue er sich das überhaupt an, das Death Valley? War das nicht masochistisch? War er süchtig nach Endorphinen? Doch er rappelt sich wieder auf, irgendwie. „An ultrarunners mind is what matters more than anything!” Jurek hat das alles schon oft erlebt in diesem Sport, in dem Halluzinationen und Kotzen genauso normal sind wie schwarze Fußnägel, Höhenkopfschmerzen und Dehydrierung. Doch wie steht man das durch? Jurek hat seine Antwort darauf: „Run until you can’t run anymore. Then run some more. Find a new source of energy and will. Then run even faster!“ Es spielt sich alles im Kopf hat. Es geht darum, sich klarzumachen, wer man ist und warum man hier ist. Und Jurek war hier, weil er etwas wollte. Und so zieht er sich auch aus dieses Mal aus diesem Loch heraus, steht auf und gewinnt das Rennen.

“Urltarunners take of at sunrise and continue through sunset!”

“That what mattered wasn’t how much money you made or where you lived, it was how you lived.” (Buchauszug, Bild: Pixabay)

Kein einfaches Los
Die Kindheit von Scott Jurek ist hart, um das mal auf den Punkt zu bringen. Und nachdem ich mittlerweile etwas mehr weiß über das Metier des Ultramarathons, viel darüber gelesen habe und dessen Stars kenne, vermute ich langsam, dass schwere Schicksalsschläge irgendwie dazugehören, wenn man es in diesem Sport, so wie Scott Jurek, ganz nach oben schaffen möchte.

“By the time I started running, I knew how to suffer!”

Jurek wächst mit zwei Geschwistern auf. Seine Mutter leidet an multipler Sklerose, die immer schlimmer wird. Der Vater, ein ehemaliger Navy-Offizier, ist streng und launisch. Er und seine Geschwister, so schreibt er, leben in permanenter Angst vor dem Vater. Das Geld ist stets knapp: „War der Fernseher kaputt, gab es keinen neuen.“ Je kränker die Mutter wird, desto mehr muss er arbeiten, oft auch körperlich schwer. Während andere Kinder Fußball spielen, schuftet er zu Hause. Er ist ein schüchterner Junge, der viel gehänselt wird. „Pee Wee“ wird er oft genannt und im Schulbus spuckt man ihm ins Gesicht. Freunde hat er nicht, wie auch? Da er sich kein Fahrrad oder Skates leisten kann, beginnt er zu laufen. Erst nur ein bisschen, aber immer ein Stück weiter. Als er später seinen ersten Nebenjob beginnt, läuft er dorthin und zurück. Die Begegnung mit einem jungen Mann namens Dusty Olson, einem tough bastard, wie er schreibt, verändert sein Leben grundlegend.

“He had something that allowed him to keep going when everyone else stopped. I wasn’t sure what it was, but I wanted it!”

Dieser ist Gewinner eines 50 Meilen Ultramarathons namens Minnesota Voyageur und er fragt Scott, ob er ihn nicht beim Training begleiten wolle, und das tut er! Und nun beginnt für ihn ein neues Leben. Das Laufen mit Dusty führt ihn weg von seinem traurigen zu hause, wo der Vater immer trauriger und ärgerlicher wird. Weg von all dem Zweifel und Traurigkeit. Aus Wegen werden Trails, und daraus eine Meditation, die sich anfühlt wie fliegen. All die Sorgen der täglichen Existenz folgen ihm nicht bis hierher. Dass er zu hause rausgeworfen wird, ist eine logische Konsequenz und gleicht einem befreienden Rundumschlag. Läuferisch begibt er sich dank dem Training mit Dusty in neues Terrain. Seinen allerersten Marathon läuft er in 2:54 Stunden und mit sichtlich Selbstvertrauen nimmt er mit Dusty am Minnesota Voyageur teil, den dieser gewinnen will. Doch es kommt der Punkt, an dem Scott überlegt, an Dusty vorbeizuziehen. Das macht er auch und kommt vor diesem als zweiter ins Ziel, bei seinem ersten Ultra.

“All I had to to do was remember why I was here!” Buchauszug, Bild:Shutterstock)

Der Wandel
Für seinen ersten Job als Physiotherapeut zieht Jurek nach South Dakota, wo er die erste Liebe seines Lebens Leah trifft. Sie ist Veganerin und beeinflusst ihn dadurch wesentlich. Jurek, der bisher fünf Mal in der Woche Mc Donalds besucht, generell viel Fleisch isst aus der Überzeugung heraus, viel Protein für seinen Sport – er nimmt mittlerweile an vielen Läufen teil – zu brauchen, ändert langsam seine Sichtweise, indem das Nachdenken über das, was er isst, an Bedeutung gewinnt: „What we eat is a matter of life and death. food is who we are!“ Nachdem er bei seiner zweiten Teilnahme am Minnesota Voyageur zweiter wird, gewinnt er den dritten. An diesem Sieg spielt auch die signifikante Reduktion von Fleisch eine Rolle und sein Begegnung mit Menschen wie Hippie Dan, die sich nicht nur um das Thema Ernährung, sondern um die Art und Weise zu leben viel Gedanken machen und ihn beeinflussen.

“That what mattered wasn’t how much money you made or where you lived, it was how you lived.”

Jurek erfährt also einen grundlegenden Wandel, in dessen Folge er Veganer wird und trotz aller Zweifel vieler seiner zukünftigen Konkurrenten, die der Meinung sind, mit einer veganen Lebensweise aufgrund unzureichendem Proteinvorrat nicht oben mitlaufen zu können, zum wohl besten Ultraläufer seiner Zeit aufsteigt. Der Schlüssel liegt eben darin, genug Protein zu sich zu nehmen, rein pflanzlich, und er erzählt dem Leser auch, wie das geht.

“He had something that allowed him to keep going when everyone else stopped. I wasn’t sure what it was, but I wanted it!” (Buchauszug, Bild: Shutterstock)

Bis ganz nach oben
Der Wandel betrifft aber nicht nur seine Ernährung, sondern auch sein Leben an sich. Seinen Alltag mag er nicht besonders, also macht er sich daran, diesen zu ändern. Mit Leah zieht er nach Seattle, und dort läuft er so oft es geht in die Hügel, jeden Tag 15 Meilen, am Wochenende 20 bis 30. Er liebt diese Läufe, weil sie ihn sich selbst verlieren lassen.

„My way leads up to and past the point of absolute maximum effort!”

Nun will er es wirklich wissen und geht an die Grenzen des Machbaren. Er fliegt zu Rennen in Virginia und Oregon, nimmt am McKenzie 50K und weiteren 50-Meilern teil und stellt beim Minnesota Voyageur einen Rekord auf. Für die Reisen zu den Rennen verschuldet er sich. Mit dem Angeles Crest nimmt er an seinem ersten 100 Meilen Rennen teil, bei dem er Zweiter wird. Hier begegnet er im übrigen zum ersten Mal den Tarahumara, jenen mexikanischen Superläufern, die er bald mit Christopher McDougall und anderen Mitstreitern besuchen würde und in dessen Folge McDougall’s Meisterwerk Born to Run entstehen wird.

„Those guys don’t even get warmed up till 100 Miles!“ (Buchauszug, Zitat eines Läufers über die Tarahumara)

1999 wagt er sich beim Western States 100 auf die ganz große Bühne, um sich mit den besten Ultraläufern der USA zu messen. Das Rennen ist so hart, dass er auf dem Weg kotzen muss, aus allen Löchern quasi. Jurek beschreibt dabei die vielen Herausforderungen eines Ultras wie diesem: Dehydrierung, dickes Blut, das Anschwellen der Gehirnzellen und dadurch verursachte Halluzinationen, die Krämpfe, den Schmerz. Diese Wand, gegen die man nicht wie bei einem Marathon am Ende des Rennes läuft, sondern im Verlauf eines Ultras immer und immer wieder. Die Einsamkeit, bedingt durch das viele, harte Training. Diesen Rand des Zerbrechens, an den man den Körper bewusst heranführt, ganz nah an die Zerstörung. Letztlich aber auch, wie man diese Tiefen überwindet, wie in diesem Fall. Er will schließlich etwas hier: “All I had to to do was remember why I was here!” Schließlich siegt der Wille über die Beschwerden seines Körpers, er steht auf und gewinnt das Rennen. Danach legt er sich – ein Hotel kann er sich nicht leisten – an die Ziellinie und klatscht jedem Finisher Beifall.

“A lot of people never do something great with their lifes. A lot of people ever even attempt it. Everyone here had done both!”

Doch nicht genug. Jurek arbeitet immer härter, absolviert schnelle Läufe vor der Arbeit, läuft dann nach einem 10 Stunden Arbeitstag noch zehn bis zwanzig Meilen jeden Abend, kompensiert das Lauf- durch Krafttraining, feilt an allen Stellschrauben, um sich soweit es geht in jene kleine Zone zu pushen, die durch maximale Belastung definiert ist, aber eben nicht soweit, dass man sich verletzt: „That small zone is the key to success!“ Bei seinem zweiten Western States 100 gewinnt er wieder, ein Jahr darauf erneut, und auch noch ein paar Mal danach. Neben dem oben bereits beschriebenen Badwater Ultramarathon im Death Valley gewinnt er auch den, wie er sagt, schönsten und härtesten der Ultras, den Hardrock 100, und auch den über 152 Meilen Lauf Spartathlon, bei dem er die besten Ultraläufer der Welt besiegt.

Ma San Blog
“A lot of people never do something great with their lifes. A lot of people ever even attempt it. Everyone here had done both!” (Buchauszug, Bild: Pixabay)

Jurek zieht die Handbremse
Scott Jurek kann man, wohlgemerkt zu dieser Zeit, als den besten Ultrarunner der Welt bezeichnen. Doch für alle kommt irgendwann einmal ein gewisser Punkt, an dem es reicht. Bei Jurek ist es jener, an dem er sich und der Welt nichts mehr beweisen muss. Bei Brooks unter Vertrag, die eigene Physiotherapie, ein Coaching-Business und ein Laufcamp betreibend, 50 Stunden in der Woche arbeitend, daneben diese krassen Läufe – Jurek hat so viel auf die Beine gestellt, alles aus eigenem Antrieb und mit eigenen Händen. Und jetzt merkt er, dass er ausgebrannt ist, gefangen im Gewinnen. So sehr fokussiert, dass sich Leah von ihm trennt und sogar Dusty ihm seine Freundschaft aufkündigt. Ihm wird klar, dass er sich nie Zeit für sich selbst genommen hat und ihm irgendwo wesentliche Grundlagen seines Lebens abhanden gekommen sind.

„The point was living with grace, decency and attention to the world!”

Er verliebt sich neu, steigt eine Zeitlang aus, verbringt Zeit in der Natur und redet mit sehr interessanten Menschen über den Sinn des Lebens, u.a. mit Dean Potter oder Jen Shelton. Es geht ihm dabei auch – natürlich – um das Laufen. Wo war es hin, das Laufen ohne Zwang, warum lief er überhaupt? Würde er damit aufhören, wie die Legenden Ann Trason und Kyle Shaggs, allesamt Topläufer, die von einem Tag auf den anderen damit aufhörten?

Und just in diesem Moment trudeln merkwürdige E-Mails eines Exilamerikaners aus Mexiko namens Micah True bei ihm ein. Er möchte Jurek in die entlegenen Copper Canyon einladen, um sich mit den Läufern der Läufer, den Tarahumara zu messen. Er sagt zu, und es beginnt eine inspirierende Reise, die letztlich in Christopher Mc Dougalls Born to Run mündet, welches ich ebenfalls rezensiert habe, hinterlegt mit Originalaufnehmen – absolut empfehlenswert.

„You only ever grow as a human being if you‘re outside your comfort zone!“ (Buchauszug, Zitat von Percy Cerutti)

Und letztlich findet Jurek, u.a. durch Erlebnisse wie diese, seine ursprüngliche Liebe zum Laufen wieder. Er findet sie in jenem mentalen Zustand, in dem Sorgen einfach dahin schmelzen: „Where the Beauty and Timelessness of the Universe, of the present moment, came into!“ Letztlich erkennt er, dass die Freude nicht im Ziel selbst zu finden ist, sondern auf dem Weg dorthin.

Von Scott Jurek lernen
Wie du siehst, handelt es sich bei Eat & Run um mehr als ein reines Laufbuch. Wenn man gut zuhört, kann man viel lernen, und zwar von einem der besten Läufer auf dem Planeten. Es gibt viele nützliche Tipps, die sich sofort umsetzen lassen, z.B.:

  • Was es mit den Runner’s Five auf sich hat
  • Zu erfahren, was die die optimale Schrittfrequenz ist
  • Der Vorteil von kurzen, leichten Schritten gegenüber langen und kräftigen
  • Die Art und Weise, wie der Fuß den Boden berühren sollte, und dass dies keinesfalls mit der Ferse passieren sollte
  • Wie man ein Intervalltraining effektiv aufbaut und was ein 5:1 Ratio dabei bedeutet
  • Barfußlaufen und Schuhwerk, dass sich anfühlt , als wäre man barfuß unterwegs
  • Warum Laufen so etwas ist wie kontrolliertes Fallen
  • Die optimale Armhaltung und wie die Arme ausschlagen sollten
  • Wie man trotz veganer Ernährung genügend Protein zu sich nimmt
  • Warum das Atmen durch die Nase die Leistung steigert
  • Welche Bedeutung es für die Beine hat, den Oberkörper zu trainieren
  • Und nicht zuletzt eine ganze Menge Motivation

Jetzt habe ich wieder ganz viel geschrieben und hoffe, dass ich dich überzeugen konnte, das Buch zu lesen. Für mich ein MUST-READ!

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