Laufen, Sport,  Laufinspiration,  Marathon

Marathon unter 3:10, mein Weg dorthin

Im Herbst 2022 habe ich die SUB3 auf den Marathon zum ersten Mal angegriffen und erlebte mit einem DNF (DID NOT FINISH) meine Quittung für zu viele Fehler. Im Frühjahr diesen Jahres lief nun alles besser. Zwar verfehlte ich zwar mein Ziel SUB 3 mehr als deutlich, toppte jedoch meine bisherige PB von Hamburg von einer 3:12 um satte fünf Minuten auf eine 3:07. Das ist ein Haufen Holz und die SUB 3 rückt Stück für Stück näher, wird greifbar! Wie ich das geschafft, wie ich trainiert, welche Fehler ich gemacht und welche Lehren ich für das nächste Mal gezogen habe, erfahrt ihr in diesem Text.

Tuchfühlung mit den äußersten, eigenen Grenzen

Der Marathon ist für mich DIE DISTANZ beim Laufen, weil sie wie keine andere Strecke gleichermaßen Tempohärte und Ausdauer voraussetzt. Um ein wirklich guter Marathonläufer zu sein, kommt man nicht darum herum, sich mit einer Vielzahl von Themen zu beschäftigen: Laufstil, Kadenz, Ernährung, Regeneration, Kraft, Schuhe, Fettstoffwechsel, ein Haufen Zeug, und natürlich dem optimalen Training, das einen „on time“ auf den Zenit der Leistungsfähigkeit bringt. Ein Marathon in voller Kraft lässt sich für Normalsterbliche ein,- zwei,- manchmal drei Mal im Jahr laufen. Man trainiert über einen langen Zeitraum hoch auf den Zenit, läuft den Wettkampf und muss sich davon umfänglich erholen, um ein zweites Mal anzugreifen. Wie schon Peter Greif richtigerweise in seinem großartigen Buch “For Running Life” beschreibt, ist die Komplexität des Marathons wohl der Grund dafür, warum er von immer mehr Läufer*Innen im ambitionierten Bereich gemieden wird bzw. die Zeiten auf diese Distanz in der Breite immer langsamer werden. Der Marathon ist mit einer Vielzahl von Herausforderungen verbunden, die man in den Griff bekommen muss. Sie sind hochkomplex und fordern eine tiefe Auseinandersetzung mit der Materie Laufen insgesamt ab, auf die in einer schnelllebigen Zeit wie der heutigen scheinbar immer weniger Menschen Lust haben. Für mich ist der Marathon DIE Distanz, ich liebe sie wie keine andere. Ich liebe die Vorbereitung dafür, die immer feinere Verbesserung kleiner Stellschrauben und die Messbarkeit der eigenen Kraft, die keine Grenzen kennt. Der Marathon ist nicht dieses “Ich laufe mal los und schaue mal”. Der Marathon ist die Tuchfühlung mit den äußersten, eigenen Grenzen und die pure, athletische Leistung.

Für den Frühjahrsmarathon im April fing ich bereits im Dezember mit langen Läufen an.

Entwicklung

Meinen ersten Marathon lief ich in Berlin im Jahr 2016 in einer 4:08:04. Damals sagte ich mir auf einer Liege im Sani-Zelt liegend: Niemals wieder! Glaube nie einem Läufer! Glaube dir selbst nie, wenn du Läufer bist! Zwei Jahre später trainierte ich für den Athen Marathon, konnte aber wegen eines meinem schlechten Laufstil geschuldeten Läuferknies nicht teilnehmen. Ich schwor mir, ein Jahr später wieder anzugreifen und so kam es dann auch. 2019 lief ich den Athen Marathon in einer 3:46:40 (Bericht). Danach folgten während Covid drei privat und allein gelaufene Marathons, die ich ich in 3:56:20, 3:34:45 und 3:32:35 beendete. Dazwischen gab es mehrere Versuche, die ich meistens zwischen K35 und K42 völlig desillusioniert abbrach. Es kam mir beim Marathon allgemein lange so vor, als würde ich auf der Stelle treten, irgendwie nicht mehr weiter kommen. Dieses Gefühl kannte ich sehr gut vom Halbmarathon, wo ich eine gefühlte Ewigkeit im Bereich um die 1:35 feststeckte und mich keinen Millimeter mehr bewegte. Oder bei den 10K, wo ich die 40 Minuten Marke einfach nicht knacken konnte. Heute liege ich bei den 10K bei einer 37:18 und beim HM bei 1:21:57. Irgendwann machte es Rums und die Barrieren brachen nach langem Widerstand, beim HM und auch bei den 10K. Und so kam es auch beim Marathon in Hamburg 2021, wo ich auf eine 3:12:12 massiv vorstieß (von einer 3:32), eine massive Verbesserung. Grund für diesen Erfolg war eine wirklich präzise Umsetzung eines 3:15-Trainingsplanes nach Herbert Steffny. Nach diesem Lauf wagte ich einen Gedanken, den ich bis dato nicht wagte zu denken. Wäre es für mich möglich, die 3-Stunden-Marke anzugreifen?

Ein ambitionierter Marathon fordert ein hohes Pensum ab, das in den Alltag untergebracht werden muss. Ein Fünfunddreißiger an einem Samstag Abend – ganz normal!

Mein Weg zum Trainingsplan von Peter Greif

Und genau das machte ich 2022 in Frankfurt das erste Mal. Ich griff die SUB 3 an und scheiterte krachend (Bericht). Wie schon in Hamburg trainierte ich auch für diesen Lauf nach einem Plan von Herbert Steffny (Das große Laufbuch). Dieses Mal nicht auf eine 3:15, sondern auf die 2:59 mit einem viel höheren Pensum. Mehr oder weniger bei der Halbmarathonzeit war bei mir Ende Gelände und ich ging raus. Es fehlte zu viel, viel zu viel, um eine 4:15er Pace auf 42K durchzuziehen. Da fehlte Ausdauer, da fehlte Kraft, da fehlte eine echte Ernährungsstrategie. Als meine Beine streikten, die Muskeln dicht machten, brach ich ab – mein erstes DNF (Did Not Finish) und mit das Schlimmste, was einem Läufer passieren kann. Bei einem Marathon ist so etwas tragisch, weil so viel Training drinsteckt, so viel Energie, so viel Power, über mehr als drei Monate. Ich habe gut trainiert, viel trainiert, so viel wie noch nie. Vieles war gut, aber zu viel nicht gut genug. All das Training, die vielen Stunden Laufen zur Winterzeit – für nichts! Oder doch für was? Ja natürlich! Solche Niederlagen sind notwendig für einen Läufertypus wie mich. Ich bin ein Typ, der irgendwo nichts geschenkt bekommt. Ich muss mir für alles den Hintern aufreißen, so auch dieses Mal. Und so tat ich etwas, was ich mir geschworen habe, nie wieder zu tun. Ich holte “For Running Life” aus dem Schrank und nahm mir vor, das alles nochmal durchzulesen. Ich war bereit. Bereit, für den nächsten Marathon so hart wie noch nie zu trainieren, nach dem Plan des “Mannes mit der Peitsche”.

Peter Greifs Countdown wird gehasst und geliebt gleichermaßen. Es ist ein reines Marathonbuch und macht jeden, der es liest, zu einer knallharten Laufmaschine. Auch wenn das Cover vielleicht unüblich erscheint, der Mann auf dem Bild war niemand anderes als “Der Läufer der Apokalypse”!

Bisher habe ich stets nach den Plänen von Steffny trainiert, mit einer Ausnahme, nämlich bei meiner Vorbereitung auf den Athen-Marathon 2018. Damals trainierte ich zum ersten Mal nach dem Marathon-Countdown von Peter Greif und schoss mich im wahrsten Sinne des Wortes total ab. Irgendwann bekam ich dem hohen Pensum wegen ,wie ich damals dachte, Knieprobleme am IT-Band (Läuferknie) und musste den Marathon canceln. Das war eine sogenannte “Gute Niederlage”, wie ich sie nennen würde, weil sich anhand dieser Erfahrung mein Weg, ein guter Läufer zu werden, grundlegend veränderte. Bis dato hatte ich, wenn ich ehrlich bin, so gut wie keine Ahnung von einem wirklich ambitionierten Lauftraining. Meine Verletzung war nicht nur dem hohen Pensum geschuldet, sondern in ersten Linie einem falschen Laufstil, den falschen Schuhen, der falschen Schrittfrequenz und vielen anderen Dingen. In der Folge stellte ich meinen ganzen Laufstil komplett um und wurde ein anderer Läufer. Wie das genau war und was ich getan habe, könnt ihr bei Interesse in diesem Artikel hier nachlesen. Und so kam es wie gesagt, dass ich zurückfand zu Peter Greifs Countdown, zu seinem Buch For Running Life. Ich war soweit, bereit für das ultimative, härteste Training, das der Hobbybereich zu bieten hat.

Wöchentliche “Dreißiger” gehören in die Routine eines Marathonläufers, nicht nur in der Endvorbereitung.

Mein Trainingsplan

Ich habe mein Training als Excel-Sheet dokumentiert und dieses teile ich gerne mit euch. Zu den Farben sei folgendes gesagt: Rot = TDL (Mo. bis Mi.) bzw. 35K-Longruns (Samstag bzw. Sonntag), Grün = Regenerativ, Gelb = Intervalle, Blau = Wettkampf

Mein Greif-Trainingsplan

Und jetzt erkläre ich euch grob, was es auf sich hat mit diesem Plan bzw. wie dieser aufgebaut ist. Der “Countdown” läuft über acht Wochen, wobei wie bei allen Plänen zu sagen ist, dass es sich dabei um eine “Endvorbereitung” handelt. Will heißen: Der Plan fing bei mir Ende Februar an, trainiert habe ich allerdings schon am Dezember. Bis zum Beginn der Endvorbereitung lief ich:

  • Zwei Halbmarathons mit voller Kraft
  • 2 Läufe zwischen 25 und 28K
  • 4 Läufe um die 31K, zwei davon mit vielen Höhenmetern
  • 3 Läufe zwischen 35 und 37K
  • Wöchentlich 1 Intervalltraining oder 5K Lauf, maximal gelaufen
  • Ergänzend dazu Regenerationsläufe

Peter Greif unterteilt die Läufer in vier Gruppen je nach Pensum, welche diese wöchentlich zu laufen im Stande sind. Ich war gerade Mal in der zweiten dieser Gruppen mit einem möglichen Pensum zwischen 50 und 80K. Wer unter 50K wöchentlich abspult, ich zitiere Greif, der hat in dieser Trainingsstruktur von Greif nichts verloren und ist allenfalls Jogger, keinesfalls Läufer. In den Augen von Greif war ich also gerade Mal ganz knapp nicht mehr Jogger. Das zu hören und zu lesen ist hart, motiviert aber ungemein, jedenfalls mich und viele andere. Es standen für mich ab Planbeginn fünf bis sechs Einheiten pro Woche an wie folgt.

  • 1 Tempolauf
  • 1 Intervalltraining maximal gelaufen
  • 1 Longrun mit jeweils 35K
  • 3 regenerative Läufe

In Woche vier, in meinem Fall in Woche fünf, fand eine Regenerationswoche statt mit einem Halbmarathon als einzigen Wettkampf während des gesamten Trainings. Auf diese Weise kamen, wie man in der Tabelle sieht, zwischen 75 und 80 K pro Woche zusammen, die neben meinem Vollzeit-Job zu absolvieren waren.

Die Zielzeit wird beim Greif-Training nicht pauschal, sondern ganz individuell nach derzeitigem Niveau auf 10 und 21K berechnet.

Ermittlung der Zielzeit

Greifs Countdown beginnt mit der Ermittlung der Zielzeit anhand gelaufener Bestleistungen auf 10 und 21K. Die Zielzeit wird besser, je höher das Wochenpensum pro Woche ist, also je höher die Gruppe ist, in die man sich nach möglichem Pensum einteilt. Mit einer Zeit von 1:22 auf den Halbmarathon war meine mögliche Zielzeit auf den Marathon 175 Minuten bzw. 2:55 Stunden in Gruppe 2, d.h. bei fünf bis sechs Trainingstagen pro Woche. Ist man bereit, mehr zu trainieren, verbessert sich auch die Zielzeit. Je mehr man trainiert, desto sicherer wird auch das tatsächliche Erreichen des Ziels. Die SUB 3 waren also ein realistisches Ziel für mich und so legte ich eine Zielpace von 4:16 Min. auf den Kilometer fest. Ich hätte diese auch ambitionierter ansetzen können, hielt es aber für angebrachter, nicht auf 175 Minuten zu gehen, sondern auf 179. Schlichtweg weil ich einfach wusste, wie knallhart ein Marathon auf Tempo ist und ich kein zweites DNF wie in Frankfurt wollte. Anhand dieser Pace nun legt Greif die Pace fest für die Tempodauerläufe, die Intervalle (variabel nach Länge) und auch das Halbmarathonrenntempo. Das ist etwas, was ich von anderen Plänen her nicht kenne. Hier errechnet der Athlet selbst die Pace aus eigenen Ergebnissen, während andere (auch Steffny) pauschal ein Pacing für alle ansetzen mit der gleichen Zielzeit-Ambition.

Training hört im Urlaub nicht auf. Jedenfalls nicht bei einem Marathon in Richtung der Drei-Stunden-Marke.

Fünfunddreißiger mit Endbeschleunigung

Die Essenz des Countdowns von Greif ist dessen Fokus auf die Longruns, die stets 35K betragen und nicht einen Kilometer weniger, da der Benefit eines Longruns, so Greif, sich wesentlich ab 30K aufwärts abspielt. Aber das ist nicht alles, denn zu diesen Longruns setzt Greif eine Endbeschleunigung in der Marathonpace ein, die bei 3K beginnt und am Ende (also beim letzten 35er) satte 15K beträgt. Ich kann euch sagen: Beim ersten Lauf konnte ich die 4:15er Pace am Ende des Fünfunddreißigers nicht laufen, es ging nicht, es war einfach zu hart. Desillusioniert fing ich an zu zweifeln, hatte dieses Gefühl im Hinterkopf beim nächsten Fünfunddreißger und näherte mich dieses Mal an die Zielpace an und erreichte diese immer besser. Es ist ja auch nicht so, dass man ausgeruht in diese Läufe gehen würde, nein. Man geht sogar müde rein, weil das Pensum der Woche in den Knochen steckt. Das Gefühl bei den Long Runs dient dem Läufer, die Zielzeit feinzujustieren, an dieser festzuhalten oder nicht. Als jemand, der die Pläne Steffnys gut kennt, kann ich sagen, dieses Training ist nicht vergleichbar. Steffny fordert die 35K nur ein einziges Mal ab und auch keine Endbeschleunigung in dieser Härte und Intensität. Das Gefühl während der Endbeschleunigung bei diesen Longruns sind der Barometer, an dem man erkennt, ob man auf einem guten Weg ist oder nicht. Wie leicht fällt die Endbeschleunigung in Marathonpace? Habe ich Mühe diese zu erreichen? Fällt diese leichter als gedacht? Eines kann ich dir gleich jetzt mit auf den Weg geben. Die ersten zwei dieser Läufe sind unfassbar hart, aber sie härten auch ab. In den dritten Lauf dieser Art gehst du nicht mehr ängstlich rein, sondern wie ein Krieger, der das finale Duell sucht. Diese Läufe machen hart wie Stahl und bereiten auf die Härte eines Marathons vor wie nichts anderes.

Auch bei Tempoeinheiten fordert Greif nichts Geringers ein als die Schmerzgrenze.

Tempotraining am Anschlag

Auch was Tempo angeht, fordert Greif viel ab und gibt ein Pacing vor, das maximal belastet, auch das ist ein Unterschied zu den mir bis dato bekannten Plänen, welche mehr ins Wohlfühltempo gehen. Nach diesen Intervallen (gelb im Plan) hier war ich komplett bedient. Greif motiviert einen, niemals nachzulassen und gerade beim letzten Intervall alles reinzulegen, was geht. Und mit alle meine ich – ALLES!!! Gleiches gilt für die TDL. Beim letzten Lauf dieser Art war ich auf Reise, es war kalt und es regnete wie verrückt. Greif vermag es, einen extrem zu motivieren. Ich ging raus, legte alles rein und spulte 15K in einer 4:09er Pace an einem Mittwochmorgen vor der Arbeit ab. Mein Gott war das hart. Vorbeikommende Passanten halten einen für komplett irre, aber das interessiert einen Marathonläufer nicht.

Den Testwettkampf auf die Halbmarathondistanz bewältigte ich in 1:21, das war mehr als erwartet.

Testwettkampf

Drei Wochen vor dem Marathon lief ich meinen Testwettklampf über die 21K. Dieser Lauf diente als Check und zur Feinjustierung und ich ging beim Berliner Halbmarathon an den Start. Es war nicht mein bester Halbmarathon, aber mein bester offizieller. Ich lief unter 1:22 und erfüllte damit das Soll für den SUB 3 Marathon um Längen, was mir ein sehr gutes Gefühl gab. Sieht man sich das Pacing bei dem Lauf grafisch an (unten), dann sieht man keine Schwächephase im Rennverlauf. Ein Zeichen dafür, dass ein Training gut greift und man fit ist.

Der Weg zum Rennen

Der letzte Fünfunddreißiger lief beschissen. Die 15K Endbeschleunigung konnte ich nicht komplett in meiner Zielpace von 4:15 gehen. Nur bei 9 von 15 Kilometern kam ich annähernd ran. Leider war es wegen einer Reise eine mir unbekannte und teilweise bergige Strecke, aber ich kam einfach nicht ran, es fehlte zu viel. Dieses Gefühl bei diesem Lauf machte mein Hochgefühl nach dem Halbmarathon zunichte. Dieser Lauf war der wichtigste von allen und ich scheiterte, hatte schlichtweg nicht die Kraft. Diese Einsicht brachte mir die Gewissheit, dass die SUB 3 aller Voraussicht nach nicht erreichbar waren. Sie war möglich, aber unwahrscheinlich. Das zur Kenntnis zu nehmen war hart, aber nun mal realistisch. Eine SUB 3, damit das mal gesagt ist, ist ein unfassbar krasses Ziel, das nicht für alle Marathonis bestimmt ist. Sondern nur für jene, die wirklich bereit sind, hart zu trainieren und alles reinzulegen, und das macht dieses Ziel so unfassbar reizvoll, jedenfalls für einen Läufer wie mich. Die Erkenntnis, das ggf. nicht zu schaffen, machte mich nicht fertig. Traurig schon, aber nicht fertig. Ich blieb ruhig und war mir sicher, dass dies der beste Marathon (so far) meines Lebens werden würde, denn ich war fit wie nie. In der Taperingwoche fing ich an, meine antrainierten, erweiterten Kohlenhydrat-Speicher aufzufüllen. Und auch dafür ist Greif definitiv DER RATGEBER und sucht seinesgleichen. Er liefert eine präzise Anleitung, was man wann, wie und warum essen und einnehmen soll und gibt uns eine Reihe Nahrungsergänzungsmittel an die Hand, die den Effekt der optimalen Glykogenspeicher-Auffüllung in gesunder Form pushen, um den Körper optimal und in voller Kraft an die Startlinie zu bekommen. Greif nimmt uns wirklich mit in die Wissenschaft und man wird notgedrungen zum Marathon-Ernährungsexperten dabei.

Einer meiner Fünfunddreißiger während eInes Portugalurlaubs.

Und dann wurde es ernst

Ich wählte sehr bewusst den Spreewaldmarathon aus folgenden Gründen: Die Massen, die ganze Größe des Frankfurt Marathons taten mir bei meinem Vorhaben SUB 3 nicht gut. Ich wollte einen kleinen Lauf haben mit wenig Teilnehmern, wo ich mich ganz auf mich selbst konzentrieren konnte, und dazu eine flache Strecke. Weiterhin wollte ich auch nicht weit weg fahren und dieser Lauf war leicht mit dem Zug von Berlin aus zu erreichen. Ich sagte im Übrigen auch niemandem etwas von diesem Lauf. Ich fuhr dahin und so gut wie niemand wusste das. Mir tat das gut und ich rate dir an, dir zu überlegen, ob du die ganze Welt von deinem Vorhaben wissen lassen möchtest. Den einen mag das pushen und zur Topform antreiben, mich setzt sowas unter Druck.

Schrecklich früh saß ich im Zug nach Burg-Spreewald, mit drei beschrifteten Flaschen und Frühstücks-Sets im Gepäck, Mixturen aus Ultrasports-Buffer, Guaranapulver, Apfelsaft, L-Carnitin, Apfelessig und so weiter. 15 Minuten vor Start leerte ich eine letzte Flasche verdünntes Ultrasports-Buffer runter und damit war ich genau nach Plan optimal hydriert und mit voll aufgeblasenen Glykogen-Speichern an der Startlinie im Örtchen Burg. Zu schnell ging ich nicht los, dafür habe ich zu viel Erfahrung. Ich weiß, es rächt sich. Nein, nein, dieses Mal wusste ich genau, was ich tat. Ich lief fast exakt eine 4:18 auf den Kilometer, genau nach Plan. Meine Rennstrategie sah vor, mit einer 4:18, 3 Sekunden über Zielpace, zu starten und diese Pace für 15K durchzuhalten. Danach würde ich für 10K auf eine 4:10er erhöhen bis K25. Danach würde ich auf eine 4:15 gehen und wenn es gut lief, ab K30 drüber. Das war mein Plan, das war der Plan von Greif, meinem Mentor für dieses Rennen, dem ich mich anvertraute.

Bis K 15 lief alles exakt so wie geplant, wirklich exakt. Ich aß nichts, kein Gel, keine Snacks, nichts. Das Einzige, das ist dabei hatte, waren acht Kapseln Aminosäuren von MAP (Werbelink), sonst nichts. Für alle 5K jeweils eine. Das ist ebenfalls ein signifikanter Unterschied zu allem, was ich bis dato gelesen habe, und gleiches galt für das Trinken. Ich trank so gut wie nichts, an jedem VP ein paar Schlucke, mehr nicht. Greif sieht vor, optimal an den Start zu gehen und den Magen im Verlauf des Rennens so wenig wie möglich zuzumuten. Die allermeisten Pläne und Strategien machen das genaue Gegenteil und plädieren dafür, so viel wie möglich an Kohlenhydraten rein zu prügeln und an jedem VP so viel zu trinken wie möglich. Greif nicht, und Greif ist, ich sagte es schon, der Läufer der Apokalypse, dem ich mich anvertraute.

Das ist er, der Verlauf meines Rennens

Wie geplant erhöhte ich ab K 15 die Pace auf eine 4:11 und dieser Schritt viel denkbar leicht bei vorher verhältnismäßig langsamen Tempo. Da ist Psychologie mit drin und ich merkte die Power, die endlich freigesetzt werden sollte. Ich fühlte mich leicht wie ein Vogel und kassierte fast alle ein, die mich bis dato überholten und lief, ohne es zu wissen, bereits jetzt unter den Top 10. Bei K 26 ging ich dann wie geplant runter auf eine 4:15 Pace und ab jetzt hörte ich genau in mich rein auf jedes Signal. Wie würde sich mein Körper in den nächsten 5K verhalten?

Während eines Marathons wird einem der Wert einer jeden auch noch so kleinen Einheit klar. Alles, was nicht gemacht wurde, rächt sich jetzt.

Bis K 30 lief es genauso weiter. Und jetzt mussten die ersten Entscheidungen her, erst jetzt! Ich entschied mich jetzt, das Tempo nicht zu erhöhen. Ich machte es nicht, weil meine Beine schwer wurden, der Lauf war nicht leicht, er war schwer. Weiterhin war da Übelkeit im Ansatz spürbar, und das machte mir Angst. Diese Angst bestätigte sich bei K31 und ab da sieht man die abfallende Kurve in der Grafik oben. Jetzt setzte sich Übelkeit deutlich in mein Bewusstsein und ich musste mit dem Tempo runter. Die SUB 3 war erledigt und was jetzt kam, was das Sekundärziel Sub 3:05. Bis K36 fiel die Pace nicht weiter ab als 4:30, und dann musste ich deutlich abbremsen, um mich zu übergeben. Es kam nichts, aber mehrere Würgereize hintereinander, schrecklich. Eine Radbegleitung sagte zu mir: “Besser aufhören, oder!”. Ich sagte: “Nie im Leben!”. Die 3:05 war nun auch erledigt, Drittziel SUB 3:10. Solche Ziele brauchst du, ein Zweit- und Drittziel, das ist ungemein wichtig. Die Pace fiel nun unter die 5 Minuten Marke, aber ich bekam die Übelkeit wieder in den Griff, fing mich und brach nicht ein.

Ich lief nun hinein in die Todeszone des Everest und ging auf Tuchfühlung mit den eigenen Grenzen, diesem inneren Abgrund, den ein Marathon offenbart, in dem die Seele komplett blank liegt. Diese Phase hat fast etwas Spirituelles, ist geprägt von Schmerz, der vom puren Willen besiegt wird. Jener Moment bei einem Marathon, an dem der Körper aufhören will, aber der Geist standhält, ist ein prägendes, ein einzigartiges Erlebnis. Auf Tuchfühlung zu gehen mit den eigenen, körperlichen und vor allen Dingen mentalen Grenzen. Es ist mit nichts vergleichbar, was ich jemals bei 10, 21 oder 25K erlebt habe. Manch einer fängt jetzt an zu gehen, ich an diesem Tag nicht. Ich war zu gut vorbereitet auf diesen Grad Härte, habe diesen oft gesehen und erlebt bei den vielen Fünfunddreißigern, und so lief ich weiter und weiter.

Kaputt aber glücklich

Als Zehnter überquerte ich die Linie und eine Träne kullerte meine Wange hinunter vor Glück. Eine Asiatin, die ich im Zug am Morgen kennengelernt hatte und heute ihren ersten Halbmarathon lief, setzte sich neben mich. Schweigend saßen wir eine Weile nebeneinander, und dann fragte ich sie, wie es war für sie. Sie war stolz wie Bolle und ich gratulierte ihr herzlich zu ihrem Finish. Und dann fragte sie, ob ich mein Ziel erreicht habe. Ich lächelte und sagte: “Nein, aber das ist okay!” Es war ein guter, ein sehr guter Marathon für mich. Was mir richtig viel Zuversicht gab, war mein Gefühl im Ziel, dort nämlich ging es mir so gut wie nie. Hinter der Linie lag ich auch schon mal halb im Koma, dieses Mal nicht. Da war noch Kraft da, richtig Power, doch im entscheidenden Moment kam ich nicht ran, gebremst durch Magenprobleme. Aber das ist der Marathon, er ist wie ein unberechenbarer Berg, und das ist das Geile daran! Das Ergebnis ist okay. Ich traf im richtigen Moment die richtige Entscheidung, denke ich, und mehr war nicht drin. Ich habe alles, alles reingelegt und lief als Zehnter über die Linie. Das ist nicht NICHTS, mehr konnte ich einfach nicht, mehr ging nicht, nicht an diesem Tag. Und wenn man dieses Gefühl hat, dann ist das Ergebnis zweitrangig. Der ganze Weg dahin, der ganze Prozess, das Erlebnis der eigenen Steigerung, des stärker, des besser Werdens, es gibt einem so viel zurück. Die Zielzeit ist doch nur eine Facette. Viel wichtiger ist das Wagen, das Herausfordern, der bloße Versuch, die eigenen Grenzen herauszufordern.

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Ma San[/Avatar]

 

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