Mission Frankfurt Marathon #7 – letzter Post

Wer einen Misserfolg nur als kleinen Umweg betrachtet, verliert nie sein Ziel aus den Augen.

Martin Luther

Viel Tamtam war das jetzt von mir um diesen Marathon. Und da gehört es sich, zumindest kurz darüber zu berichten, auch wenn das Ergebnis kein erfreuliches war. Was ist passiert? Also – mich hat es bei K25 in Einzelteile zerlegt, so viel zur Kurzfassung. Jetzt die Langfassung für alle, die noch Lust haben weiterzulesen: Schmerzen in den Oberschenkeln deuteten sich ab K15 an und wurden so stark, dass es zu früh zu hart wurde. Und so spukte es zu früh im Kopf: “Komm, noch zwei Kilometer, drei vielleicht, und dann schauen wir weiter!” Bei K35 ist das okay, aber nicht so früh. Und irgendwann, da fing ich an zu gehen, der Schmerz war zu groß, und damit war ich erledigt. Ich fing an, alternierend zu gehen und zu laufen. Ersteres wurde sukzessive immer länger, letzteres immer kürzer. Natürlich war das Ziel nicht mehr erreichbar und der Notfallplan bereits eingeleitet. Könnte ich das Ganze irgendwie mit Würde hinter mich bringen? Also lief ich immer wieder, was so weh tat, dass ich mir die Schuhe auszog und barfuß weiterlief. Das war zwar unangenehm auf dieser Strecke, aber es war besser. Jetzt hätte ich mir meine Huaraches gewünscht! Ungewollt wurde ich da zum Highlight: “Schau mal, der läuft barfuß!” Das war mir unangenehm, denn es ging ja nichts mehr bei mir. Bis K35 kam ich halbwegs mit ein bisschen laufen durch, dann kamen noch Kreislauf-Schwierigkeiten hinzu, die sich auch schon früh andeuteten und nun voll durchschlugen. Fast nur noch gehend ging es weiter und irgendwann bei K40 stoppte ich die Uhr, nahm die Startnummer ab und lief zum Zielbereich, ohne aber die Linie zu überschreiten. Klar wäre es toll gewesen zu finishen, aber mein Kreislauf war total down und ich wollte möglichst schnell einfach nur liegen. Und so suchte ich mir ein Plätzchen bei der Kleiderbeutel-Abgabe und machte es mir gemütlich. Nach einer Stunde ging es dann auch wieder und hey, es ging mir gut. Später fuhr ich mit einem guten Gefühl nach Hause mit dem Wissen: Da war nichts, gar nichts zu machen heute! Das hatte auch mit mentaler Schwäche wenig zu tun im Rückblick, ich war körperlich erledigt und habe auf meinen Körper gehört. Und der sagte mir: “Das war’s, Ende der Geschichte!”

Der Schmerz, den du heute fühlst, ist die Kraft, die du morgen spürst.

Unbekannt

Niederlagen gehören dazu, ich erlebte sie auf alle Distanzen regelmäßig und letztlich hat mich das stärker und besser gemacht. Es gibt so etwas wie Niederlagen eigentlich gar nicht beim Laufen, sondern eigentlich gewinnt man immer. Zum Beispiel war meine Vorbereitung keineswegs umsonst, denn ich riss Bestzeiten auf 5, 10 und 21K als alleiniges Resultat der Marathon-Vorbereitung. Und deshalb heule ich auch nicht im großen Stil rum jetzt, sondern bin einfach auch mal dankbar dafür!

Und dennoch, woran lag es? Schwierig zu sagen! Die Schmerzen in den Oberschenkeln hatten sicherlich etwas mit den neuen Schuhen zu tun, jedenfalls ist das naheliegend. Normalerweise laufe ich 4mm Sprengung, die Dinger hatten 8. Trage ich normalerweise Minimalschuhe, waren es dieses Mal Carbon-Renner. Hinzu kam aber auch die Kreislaufsache, und die wird wohl einem zu hohen Puls geschuldet gewesen sein, am schlechten Schlaf vielleicht. Es lief einfach von Anfang an nicht gut. Ich konnte die 4:15 Pace einfach nicht entspannt laufen und die Halbzeit mit knapp über 1:30 Stunden kam mir extrem hart vor, obwohl ich den Halbmarathon vor drei Wochen in knappen 1:21 gelaufen bin in einer 3:53er Pace. Also viel, viel schneller. Von daher habe ich auch nicht das Gefühl, mich überschätzt zu haben. Die Zwischenzeiten auf 10 und 21K passten zu meinem Ziel, ich hielt es aus meiner Sicht zu Recht für realistisch und das ist etwas, was ich gerade nicht verstehe. Meine noch plausibelste Erklärung ist diese: Vermutlich erzeugte das ganze Setting um diesen Marathon einen Druck, der sich dann negativ auswirkte, Druck insofern: 

  • Ein großer Stadtmarathon
  • Ein großes Ziel und Leute, die einen verfolgen und teilweise tracken
  • Die feste Überzeugung, das zu schaffen
  • Der unbedingte Wunsch, die Chance jetzt zu nutzen

So etwas in der Art.

Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.

Henry Ford

Klar, wenn man ein Ziel heraus posaunt in die Welt, dann ist man selbst dran schuld an dem Druck, der da entsteht. Weiß ich, und habe ich auch bewusst gemacht, um mich zu pushen. Am Schluss nahm mir aber unter anderem das die Gelassenheit. Nun denn – ich glaube, das nächste Mal wird es von mir hinsichtlich Marathon keine großen Wellen mehr geben. Ich werde mir vielleicht einen kleinen Lauf aussuchen, ohne viel Tamtam und versuchen, entspannter ins Rennen zu gehen, ohne jeglichen Druck und ohne das Gefühl, dass mir jemand zuschaut. Vielleicht gehe ich auch nicht auf die Sub 3, sondern vielleicht auf eine 3:10 oder 3:08, oder auf überhaupt gar nichts. 

Nichtsdestotrotz hoffe ich, dem ein- oder anderen geholfen zu haben durch diese doch sehr transparente Einsicht in die Marathon-Vorbereitung für eine Sub 3. Das war durchaus auch eine Intention, weil ich glaube, dass das viele schaffen möchten. Ich denke es wird deutlich, was für ein großes Ziel das ist und vor allem eines, für das es sich zu arbeiten lohnt. Und ja, auch dass man das irgendwie neben Arbeit und Familie hinbekommen kann, wenn man das möchte und den Willen mitbringt. Und genau das macht es für mich einfach zu einer tollen Herausforderung, an der ich mich wieder versuchen werde. 

Glaube daran, dass du kannst, und du hast es schon halb geschafft.

Theodore Roosevelt

Ich weiß noch wie hart es damals für mich war, die 40-Minuten-Marke auf die 10K zu knacken. Es wollte und wollte nicht klappen. Genauso erging es mir mit den 21K unter 1:30, ich biss mir die Zähne daran aus. Auf einen Schritt vorwärts folgten zwei Schritte rückwärts. Doch irgendwann, eines Tages löschte ich beide Marken nachhaltig um Welten aus und scheinbar unerreichbar scheinende neue Schwellen rückten in Sichtweite. Und dennoch, nichts ist für mich so herausfordernd wie die 42. Den Marathon als “Everest des kleinen Mannes” zu bezeichnen ist eine aus meiner Sicht sehr treffende Bezeichnung. Ich habe die Hoffnung, dass es sich vielleicht auch bei dieser Distanz verhält wie bei Kurzdistanzen und der Widerstand nachhaltig gebrochen werden kann, wenn man den richtigen Weg findet, mit dem Hammer an die richtige Stell schlägt. Die Sache mit dem Marathon ist jedoch on top, dass man diesen nicht so oft ambitioniert laufen kann, weil schlichtweg Trainings- und Regenerations-Phasen zu lang sind, man nicht immer alles unter einen Hut bekommen kann – Training, Job, Familie. Und dann hat man ein, zwei Versuche pro Jahr. Kurzdistanzen lassen sich permanent voll durchziehen und Fehlversuche sind deshalb nicht so schlimm, weil man sich schnell regeneriert hat und das Ganze von vorne angehen kann. Marathon ist dann doch schon viel Kopfkino und ein ferner, großer Tag am Horizont. Man stellt sich dann oft vor wie es ist an diesem Tag, kann es aber nicht wirklich im Vorfeld testen. Und der Rennverlauf ist nun mal schwer vorhersehbar. Wie auch immer, das Laufjahr 2022 nähert sich langsam aber sicher dem Ende, und nächstes Jahr – geht es weiter! Weil ich ein Läufer bin, und niemals aufgebe!

4 Gedanken zu „Mission Frankfurt Marathon #7 – letzter Post

  1. Ohmann, mit einem DNF hab ich echt nicht gerechnet, die Sub3 hatte ich dir so sehr gegönnt. Und dann natürlich abends in der Ergebnisliste geschaut und mich richtig erschrocken. Mein erster Gedanke war “wieso das mit den Carbonschuhen zwei Wochen vorher, er weiß doch was er kann??!”. Nun hätte ja alles mögliche passiert sein können, gut also dass es “nur” die von dir beschriebenen/vermuteten Gründe waren. Einfach eine schlechte Kombi verschiedener Faktoren. Erstaunlich genug aber trotzdem, nach der fast perfekten Vorbereitung.
    Erhol dich erstmal gründlich, sehr gründlich, die persönliche Nachlese dauert noch ein paar Wochen (ich spreche aus Erfahrung), wieder was gelernt, danach Haken dran und auf zu neuen Zielen, einfach immer weiter laufen. Und bitte eine gewisse Grundentspanntheit mit einbauen, das hilft wirklich ungemein 😉
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      ich danke dir für deine offenen Worte! Ja, insbesondere zwei Dinge haben gefehlt – das Vertrauen in die eigenen, ganz individuellen Stärken sowie eine von dir erwähnte Grundgelassenheit. Beides wich bloßen Zahlen und Werten und dem Verlust des eigenen Stils, wenn man so will. In anderen Worten: Einer gewissen Verbissenheit! Das kann ich auch sein manchmal, verbissen, zu zielstrebig, weißt du ja glaube ich mittlerweile. Aber eigentlich bin ich eher der intuitive Typ, der seinen Körper kennt und auf diesen hört, auf diesen vertraut. Nun ja, zwei Tage lang habe ich jetzt erst mal gar nicht über das Geschehen nachgedacht, war auch viel zu kaputt dazu. So langsam kommt das Erlebte aber an die Oberfläche und es wird mir klar, dass mich das alles noch eine Weile verfolgen wird, nicht spurlos vorbei geht. Wie das halt so ist, nach einem totalen Knock-Down. Das war definitiv eine der härtesten Lektionen EVER für mich (und zwar nicht nur in läuferischer Hinsicht), und vielleicht war sie auch einfach notwendig. Und ganz sicher war auch nicht alles falsch, aber halt zu viel. Ich habe das anderswo schon geschrieben, aber hey: Ich stehe wieder auf. Heute nicht, morgen nicht, und übermorgen bestimmt auch nicht – aber bald!

      Liebe Grüße aus Berlin

  2. Hey Martin,
    es tut mir Leid, dass das Finale es in dieser Mission kein Happy End gibt! Ich hätte mich sehr für Dich gefreut wenn es geklappt hätte.
    Ich lese gerne auf deinem Block, weil mir gefällt wie ehrlich und authentisch du deine Leser an deinen Gedanken teilhaben lässt und du Erfahrung weiter gibst. Und eben genau auch hier, wo du über einen Rückschlag schreibst.
    Bleib dran und mach bitte weiter so. Ich bin mir sicher du wirst bald wieder über neue sportliche Erkenntnisse und Erfolge schreiben 🙂
    Sportliche Grüße Nils

    1. Hi Nils,

      ich glaube dass genau das von dir erwähnte “große Finale” das Problem war. Rückblickend kapiere ich zum Beispiel nicht, was mich dazu geritten hat, bis K40 weiterzulaufen (bzw. zu gehen!). Ich hätte einfach bei K20 oder 25 rausgehen sollen! Das hätte mir vielleicht die Chance gegeben, es dieses Jahr noch einmal zu versuchen, was ich jetzt definitiv vergessen kann. Dass ich weitergemacht habe lag vielleicht wirklich an meiner Ankündigung, das zu packen, obwohl ich das Ziel ja eh abhaken konnte. Und deshalb denke ich, dass das nicht so “smart” von mir war, also so ein Trainingseinblick. Jeder ist ja anders, aber mir hat das nicht gut getan.

      Und dennoch. Einer der fundamentalen Gründe für dieses Blog ist es wirklich, einen Mehrwert zu schaffen. Es freut mich immer wieder zu wissen oder zu hören, dass es Läufer*Innen gibt, die mit Interesse mitlesen und den ein- oder anderen Mehrwert erfahren, der sie vielleicht weiterbringt. Oder mit anderen Bloggern oder Läufern in Kontakt zu treten und zu “fachsimpeln”, auch von ihnen zu lernen. Das ist ein echter Benefit, finde ich!

      Das absolut Schönste für mich ist es aber, wenn ich tatsächlich jemanden dazu bewege, von einem Nichtläufer zu einem Läufer zu werden. Oder dazu bringe, sich mit der Ernährung zu beschäftigen, oder mit ökologischen Themen.
      Genau das gibt dem Blog einen Sinn, und deswegen schreibe ich auch so gerne.

      Ich freue mich selbst auch immer riesig über einen Podcast oder Text, aus dem ich was für mich mitnehme. Gerade vorgestern bin ich auf einen gestoßen, der speziell um den Marathon ging mit einigen Inputs, die ich nicht kannte und mich definitiv weiterbringen. Ehrlich gesagt passiert das ständig und ich denke, wir ambitionierte Hobbyläufer*Innen brauchen ja genau das, den Austausch miteinander.

      Gleichermaßen habe ich in speziell diesem Fall das Gefühl, dass es ein riesen Fehler war, mein Ziel so konkret publik zu machen, es hat mir einfach nicht gut getan.

      Liebe Grüße

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