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MARATHON – etwas zurückgeben an das, was man so liebt

Hier am VP bei Kilometer 40 regt sich was. Eine Stunde lang war nichts los, also haben wir uns gegenseitig Heldengeschichten unseres Sports erzählt, den wir alle hier, und zwar ausnahmslos, über alles lieben. Aus großen Wannen werden Becher gefüllt mit Wasser, Tee und Iso. Dann ist gespenstische Stille, alle schauen nach links Richtung Kurve, weil gleich die schnellsten von zehntausenden Läufern an uns vorbei fliegen werden in einer Pace weit unter drei Minuten auf den Kilometer. Und wenn es dann soweit ist, ist man dabei, ganz nah dran, und Ehrfurcht erfasst den ganzen Körper. Und dann kommen sie herbeigerast, drei Läufer, Guye Adola, Bethwel Yegon und Kenenisa Bekele. Letzteren kennen die meisten, erstere keiner, ZU UNRECHT! Das ist ungefähr so, als würden Messi, Ronaldo und Ibrahimovic gleichzeitig an einem vorbeilaufen. Fußballspieler verdienen Millionen, diese afrikanischen Läufer im Vergleich dazu ungefähr gar nichts. Das ist grotesk, weil das, was ich hier sehe, aus meiner Sicht eine der beachtlichsten Leistungen ist, zu der ein menschliches Wesen im Stande ist. Alles ist auf Fußball fixiert, wirklich alles, dabei ist Fußball längst mausetot und so weit weg vom Menschen, wie es nur geht. Aber nicht hier. Bekele läuft fünf Meter vor mir an mir vorbei mit einer 2:52er Pace auf den Kilometer. Das ist für für Normalsterbliche Sprint, für die meisten ein Vollsprint, der selbst für gute Hobbyläufer für maximal einen Kilometer machbar ist. bevor das Laktat die Muskeln zerschießt und man rumhechelt wie ein Husky in einer überhitzen Metropole. Und dieser Mann hier, Kenenisa Bekele, zieht das 42 Kilometer weit durch als wäre es das Einfachste der Welt. Es gibt vieles, was mir in diesem Moment an ihm auffällt. Allen voran der absolut lautlose Gang. 95 Prozent aller Läufer sind Hackenläufer, also mit der Ferse nach vorne abrollende Läufer. Man hört deren Kommen schon von 500 Meter Entfernung, Bääähm. Bekele hört man nicht. Seine Schrittfrequenz beträgt exakt 180 Schritte die Minute, Auftritt mit dem Vorfuß, nach hinten abrollend – ein perfekter Läufer und neben Kipchoge der beste Marathonläufer dieses Planeten.

Mein Dienst hier hat sich also jetzt schon gelohnt. Dazu, an der Strecke zu stehen und zu helfen statt auf dieser zu laufen, hat mich einmal mehr Scott Jurek animiert, dessen Bücher North und Eat und Run ich so gerne gelesen habe und den ich bewundere. Nicht nur des Laufens wegen, sondern allgemein als Mensch. Jurek war bekannt dafür, nach seinen Siegen so lange an der Ziellinie zu warten und jedem zuzuklatschen, bis der letzte Läufer es geschafft hat. In Eat and Run gibt er den Ratschlag, als Volunteer zu helfen und das Ganze in einer anderen Perspektive zu erleben, etwas zurückzugeben. Hätte ich das nicht gelesen, würde ich es heute nicht machen. Und schon jetzt bin ich dankbar für diesen Tag, für die Begegnungen, die ich bereits hatte und dem, was ich gerade gesehen habe. Es dauert ewig, bis der beste Deutsche an uns vorbei rast und noch einmal ein bisschen, ehe das die schnellste Frau macht. Auch sie sei hier einmal erwähnt, sie heißt Gotytom Gebreslase. Und dann, peu en peu, wird es voller hier. Im Schnitt werden etwa 4:30 Stunden für einen Marathon benötigt und je mehr wir uns hier dieser Marke nähern, desto mehr ändert sich der Gesichtsausdruck der Läufer und desto mehr benötigen sie uns Helfer. Wir füllen die Wannen auf, stellen die Becher auf den Tisch, reichen diesen den Läufer*Innen in die Hand. Manche von ihnen sagen danke, manche sagen nichts, was okay ist, besonders hier bei Kilometer 40. Ich für mich aber weiß, dass ich beim nächsten Becher, den mir jemand reicht, danke sagen werde, wieder eine Erkenntnis für mich. Eine weitere Erkenntnis: Ich werde von nun an jeden Becher, den ich bei einem Wettkampf nehme, in eine Mülltonne werfen und nie mehr einfach so auf die Straße. Das fällt einem beim Rennen nicht auf, hier schon. Das Wichtigste aber, was wir machen, ist es, die Läufer*Innen zu motivieren. Wer es selbst nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, was ein Lächeln und das Nennen des Namens, den wir unter der Startnummer ablesen können, bei einem Menschen in einer Situation des absoluten Kampfes auslösen. Aus von Schmerz zusammen gekniffenen Gesichtern werden lächelnde, aus Gehenden werden wieder Laufende. Es ist ein großes Glück, jemandem ein Lachen ins Gesicht zu zaubern, und nirgendwo geht das so leicht wie hier. Geben ist schöner als nehmen, das hat auch schon Jack Kerouac in einem Buch geschrieben, dessen Namen (On the Road war es nicht) mir gerade nicht einfällt. Ist auch egal, denn eines weiß ich heute ganz, ganz sicher – es stimmt!

4 Gedanken zu „MARATHON – etwas zurückgeben an das, was man so liebt

  1. Cooler Bericht. Danke dafür.
    Ich glaub, ich such mir bald auch mal so einen Job. Aber auf der Strecke wäre ich auch gern mal wieder.

    North: Habe ich noch nicht gelesen. Noch was für die ToDo-Liste.

    1. Hallo Martin,

      es lohnt sich wirklich und wird an keiner Stelle langweilig, vor allem nicht bei einem großen Marathon. Also, finde ich jedenfalls. In der erste Reihe zu stehen und der Elite zuzuschauen, das ist schon große Klasse! Als ich damals in X-Berg wohnte, wo die Marathonstrecke entlang führte, stand ich auch immer früh auf, um Kipchoge zu sehen. Das war wirklich total irre. Also der vorbei war, dann war zehn Minuten danach Ruhe, ehe der nächste kam. Da wird einem wirklich bewusst, was das für ein Typ ist.

      Liebe Grüße und danke fürs Vorbeischauen

  2. Hallo Martin, sehr schön geschrieben und tolle Aktion. Wer noch nie Marathon gelaufen ist, kann sich kaum vorstellen wie sehr anfeuernde Worte oder sogar freundliche Blicke den am Ende scheinenden Läufer wieder aufrichten können. Ich werde nie vergessen, als bei meinem ersten Marathon ein routinierter Läufer merkte wie ich schwächelte (km34 oder so) und mir sagte: “komm, weiter jetzt, du hast noch was vor!”, das hatte mich tatsächlich in den Lauf zurückgeholt. Und sowas bewirkt jedes freundliche Wort, vom Rand der Strecken aber insbesondere von den Helfern, weil viele von denen wissen was man grade durchmacht.
    Dabei noch die Elite vorbeifliegen zu sehen ist natürlich das absolute Premiumprogramm 🙂
    Bei großen Rennen war ich tatsächlich noch nie als Helfer dabei, sollte ich mal ändern.

    1. Was ich nicht vergessen werde…Bekeles Gesichtsausdruck! Er biss sich förmlich auf die Zähne und ich hatte so einen Anflug einer Ahnung, was da im Innern eines solchen Athleten in diesem Moment los sein muss… Ich glaube Schmerz ist da die harmloseste aller Bezeichnungen. Aber auch er wird vorangetrieben, von den Zuschauern an der Strecke, die ihn davon abhalten, einfach stehen zu bleiben. Es sind feinste Nuancen, die unsere Stimmung und Willen beeinflussen, so wie du das auch bezeichnest. Da deutet einer im richtigen Moment deine Gefühlslage richtig und gibt dir den Elan, nicht abreißen zu lassen…das habe ich regelrecht vor Augen… tolle Geschichte

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