Egon Theiner: Durchhalten – In Olympia-Quarantäne, Bericht eines Ultraläufers (Buchrezension)

Egon Theiner ist Ultraläufer durch und durch. Jemand, der niemals aufgibt. In den vielen Ultras, die er bisher gelaufen ist, kam er dem Unmöglichen, den absolut äußersten Grenzen, ganz nah. Der härteste Ultra allerdings sucht ihn nicht auf dem Trail heim, sondern in einem Hotelzimmer in Peking. Seit jeher ist Egon Theiner, dessen größte Konstante im Leben der Sport ist, fasziniert von den olympischen Spielen, für ihn höchster Ausdruck sportlichen Könnens. Diese begleitet er bereits seit fünfzehn Jahren, u.a. in Salt Lake City als Sportredakteur, in Turin, in London und nun im Genting Snow Park in Chongli als einer der vielen freiwilligen Helfer, ohne jene ein Ereignis dieser Größenordnung nicht möglich wäre. Aufgrund der strikten Zero-Covid-Richtlinien Chinas darf er jedoch nicht sofort dorthin reisen, sondern muss, wie alle anderen, in eine dreiwöchige Quarantäne. Was sich für Außenstehende als abstrakter Begriff anhört – Quarantäne – wird Theiner nun in brutalster Realität erfahren. Sein Zuhause wird ein winziges Hotelzimmer sein, dessen Tür er nie öffnen, nie verlassen darf, in dem sich die Fenster nur einen Spalt weit öffnen lassen und absolut nichts passiert, außer dass Mahlzeiten vor der Tür abgestellt werden. Um das durchzustehen entwickelt Theiner eine Reihe von Routinen, die ihn durchhalten lassen, auch wenn mal wieder die schlechte Internetverbindung abreist und der Kontakt zur Außenwelt nicht möglich ist. Doch auch diese Routinen bewahren ihn nicht vor den Abgründen, die ihn hier, wie auf dem Trail, auch hier aufsuchen und aus deren Klauen er sich befreien muss, um durchzuhalten.

„Sag mir, dass etwas unmöglich ist, und du hast meine Aufmerksamkeit geweckt.“

Olympia
Beim Einsatz als Helfer bei Olympia gehe es nicht ums Geld, schreibt Egon Theiner, sondern um die Sache, die Erfahrung und nicht zuletzt die Begegnungen, die man dabei macht. Wie der Slowakin Iva zum Beispiel, der er auf seiner Reise begegnet und die, bevor sie als Skilehrerin tätig werden kann, ebenfalls in Quarantäne muss. Olympia, das sei eine jetzt- oder nie Sache der Athleten, der er schon als Jugendlicher verfallen sei. Immer mehr faszinierte ihn jedoch nicht nur der Sport selbst, sondern das Geschehen drum herum. Dieses Olympia als Wirtschaftsfaktor mit unzähligen Bereichen und vor allem den tausenden Mitarbeitern, die das Event erst möglich machen. Seit 2006 als sogenannter olympischer Nomade eng mit den Spielen verbunden, ist seine Rolle in Peking jene als Experte im Bereich Media Operations und damit die Vorarbeit für Medienvertreter und Journalisten aus aller Welt.

„Für mich geht es nicht um Siege oder Platzierungen, viel mehr um das Ausloten der eigenen Möglichkeiten und Grenzen.“

Die Zusammenarbeit von Menschen aus aller Herren Länder und unterschiedlichsten Mentalitäten unter dem Stress langer Arbeitstage und Schichtbetrieb sei nur durch Optimismus zu begegnen. Durch Freundlichkeit, Gelassenheit – sprich: Kundenorientiertheit. Diese Eigenschaften bringt der gebürtige Südtiroler aus Bozen und Wahl-Wiener mit, der sich selbst als jemand beschreibt, der das macht, was er wirklich will, der das Leben genießen, fremde Länder kennenlernen und sich weiterentwickeln möchte. Als jemand, dem Gemeinschaft wichtig ist und für den es nicht primär darauf ankommt, wo er ist, sondern mit wem. All das hat Theiner im Ultra-Laufsport gefunden, ein Metier, bei dem es nicht um Konkurrenzkampf geht, sondern dem Miteinander und der Gemeinsamkeit aller, die eigenen Grenzen zu finden.

„Wenn ich dranbleibe, werde ich hoffentlich besser. In meiner Beziehung. In meinem Job, In meinen Ultras. Und in meinem Chinesisch. Daran glaube ich. Dafür arbeite ich!“

Ultra
Der Ultra hat ihn aber auch andere Dinge gelehrt. Den eigenen Weg zu gehen, auch wenn es Sturheit und Verbissenheit erfordert bis hin zur Selbstaufgabe, wenn er ein klar definiertes Ziel verfolgt wie jenes des Erreichens eines 24-Stunden Ultras. Stets im Wissen, dass das Rennen erst vorbei ist, wenn der allerletzte Meter gelaufen ist und das letzte Drittel immer das Härteste ist. Kämpfe die dabei ausgefochten werden müssen, sind unausweichlich und jene, die er gewinnt, begleiten ihn sein Leben lang. Die Frage nach der Wertigkeit begleitet ihn auf dem Trail stets. Wofür tue ich das, was ich tue, und ist es das wirklich wert? Das Ziel muss also da sein, und nichts, so Theiner, sei ein schönerer Moment als jener, als bei einem Ultra an der Ziellinie zu stehen.

„Hinter mir fällt die Tür ins Schloss – und dann bin ich jene Person, die ich in den nächsten drei Wochen am öftesten zu sehen bekomme.“

Quarantäne
Was in Peking nun passiert, wird nichts Geringeres als Theiners härtester Ultra. Ein winziges Zimmer, kein Fitnessraum, kein Alkohol, kein Balkon, sondern lediglich eine gekippte Balkontür mit einem Blick auf ein Viertel, das immer gleich aussieht, das ist seine Welt für lange 3 Wochen, die ihm das Äußerste abverlangen wird. Das Äußerste insbesondere deswegen, weil der Weg nicht nur hart ist wie ein Ultra, sondern weil er auch auf das verzichten muss, was für ihn so wichtig ist, um den Weg durchzuhalten, die Gemeinschaft. Dass das Internet ständig abreist und es auf Weihnachten zugeht, verschärft diesen Zustand noch und manchmal ist ein Blick durch das Schlüsselloch in einen anonymen Flur, in dem Polizisten pattroulieren, der einzige Kontakt, den er hat. Eine Fliege, die ihren Weg in das Zimmer findet, wird zum Tagesereignis, weil es nichts gibt außer dieses Zimmer. So entsteht, wie auf einem Trail inmitten der Nacht, ein Raum für Schmerz und Verzweiflung und damit auch hier die Frage der Wertigkeit. Ist es das wirklich wert? Warum nicht einfach die Tür öffnen und das Ganze abbrechen, es wäre so einfach? Wie groß ist sein Traum, bei Olympia dabei zu sein? Ist er groß genug? Der Aufenthalt in dem Zimmer wird zur echten Zerreisprobe und nur möglich, indem Theiner Routinen entwickelt. Jeden Tag ein Keks oder ein Stück Schokolade, arbeiten, Chinesisch lernen, Meditieren, arbeiten, telefonieren wenn möglich, arbeiten und zwischendrin – eine Kniebeuge nach der anderen, bis 10.000 erreicht sind. Und das stets im Wissen, dass der Mann mit dem Hammer auf dem letzten Drittel des Weges lauert.

Fazit
Ich habe mir etwas ganz anderes bei dem Buch vorgestellt und war war angenehm überrascht von dem, was sich mir öffnete, so dass ich jede einzelne Seite des kurzweiligen Werkes gerne gelesen habe. Das Buch snackt sich so weg, vor allem wenn man selbst Läufer ist. Als Marathoni habe ich mittlerweile eine Faszination für den Ultra entwickelt, was ich Egon Theiner verdanke, der mir mit dem fantastischen Buch Der Aufstieg der Ultraläufer von Adharanand Finn, dass in seinem Verlag EGOTH in deutscher Übersetzung erschienen ist, diesen Sport zugänglich gemacht hat. Mich interessiert seither, wer die Menschen sind, die das tun und warum sie es machen, was sie antreibt? In Durchhalten habe ich ein sehr persönliches Bild von einem waschechten Ultraläufer erhalten und geschilderte Erfahrungen und Umgänge mit Situationen kennengelernt, die ich für mich selbst als unheimlich bereichernd empfinde. Dazu bei trägt auch Theiner Persönlichkeit in erheblichem Maße. Der grenzenlose Optimismus des Italieners tut einfach ein Übriges. Seine gelassene Art, Dinge einfach hinzunehmen und sich nicht aufzuregen, insbesondere in einem Land wie China und dort ganz besonders dann, wenn es um organisatorische Dinge geht um Autoritäten, ist bewundernswert und ich muss mir da eine ganz große Scheibe abschneiden. Dinge laufen zu lassen statt sich aufzuregen, zu lächeln auch wenn man gestresst ist. Die Dinge, wenn sie denn daneben gehen, selbst in Ordnung zu bringen, statt auf andere zu warten. Nicht das Negative zu sehen, sondern stets das Positive, das Gute, das ist die Art Theiners, das Leben zu betrachten und die mir unheimlich gut gefallen hat und mitunter dieses kleine Buch zu etwas Besonderem machen.

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