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Ich – laufe – weit! Es spielt sich alles im Kopf ab

Marathon

Am letzten Samstag verspürte ich große Lust, etwas weiter zu laufen. Ohnehin war ich etwas traurig, dass der Hamburg Marathon dieses Jahr ausfiel, hatte ich doch schon fünf Wochen Training hinter mir mit Intervalleinheiten, schnellen 10ern, 15ern und  langen Läufen am Wochenende. So dachte ich insgeheim daran, den Marathon einfach für mich alleine zu laufen, wäre doch schade um das ganze Training. Genauso habe ich es neulich auch mit dem entfallenen Berliner Halbmarathon gemacht. An einem Sonntagmorgen verspürte ich die Lust, warf mir meine Laufsachen über und lief mit einer 4:15er Pace spontan die 21K in meiner persönlichen Bestzeit von 1:29. Für jemanden wie mich, für den zeitlich pro Woche im Schnitt drei Trainingseinheiten drin sind, ist das absolut zufriedenstellend.

Natürlich ist der Marathon etwas anderes und fünf Wochen Training reichen nicht, um 42K vernünftig zurückzulegen. Mit vernünftig meine, schon richtig Gas zu geben, aber halt auch nicht zu viel, so mittel. Wie ich schon sagte, hatte ich also Lust auf viele Kilometer (mit viel meine ich +30), schlüpfte in meine Brooks, packte  meinen Laufrucksack, füllte meine Trinkblase mit einem eineinhalb Liter Wasser, schnappte mir noch eine Banane und einen Apfel sowie die obligatorische halbe Tafel Schokolade für den Fall der Fälle (könnte ja hart werden) und lief los, nach Norden, raus aus der Stadt, ins Grüne. Und dabei überlegte ich mir, dass ich bei K30 entscheiden würde, ob ich es nun auf die 42K anlegen würde oder nicht.

Die ersten 10K waren geschenkt, die zweiten auch, genauso wie die dritten. Ich glaube, dass waren sie nur deshalb, weil ich schon wusste, dass heute mindestens 35K dran waren. Das ist Kopfsache – nur! Wenn ich das Haus verlasse, um einen Zehner zu rennen, dann wirkt ein solcher Lauf auf mich manchmal auch lang, wie merkwürdig eigentlich! Nun ja, heute jedenfalls genoss ich jeden Schritt, das schöne Wetter und war insgesamt für meine Verhältnisse in einer langsamen 5:15 Pace unterwegs. Den Marathon in Hamburg wollte ich mit einer 4:40er angehen, und da ich ja noch nicht so viel Training hinter mir hatte und das hier kein Wettkampf war, dachte ich, die 5:15er auch ohne ausreichendes Training konstant laufen zu können, mit reichlich Reserve nach hinten raus. Und als er dann kam, Kilometer 30, bisher in stetem Tempo unterwegs, war es keine Frage, dass es heute weiter ging. Umso überraschter war ich, als es ab etwa Kilometer 32 dann doch langsam hart wurde.

Dann beginnen bei mir immer die kleinen Kämpfe im Kopf, ich verliere den Blick für die Umgebung und wende mich meinem Inneren zu. Aus diesen kleinen Löchern ziehe ich mich immer wieder heraus, und die mich wieder rein, und so geht das hin und her. Kopfsache – nur! Das Ganze verstärkt sich, bis es weh tut, so wie dieses Mal auch, und einmal mehr erlebte ich einen Einbruch etwa bei K36 oder 37, was weiß ich. Bis K39 machte ich das noch mit, betätigte dann aber die Stopp-Taste meiner Uhr, total K.O. Klar hätte ich mich noch die letzten 3 km dahin schleppen können, doch darauf hatte ich einfach keine Lust mehr. Ich war einfach richtig enttäuscht, dass ich auf diese Art und Weise einbrach, weil es offensichtlich noch immer nicht so war, dass ich den Marathon in einer langsamen Geschwindigkeit mühelos schaffte. Kurz war ich sogar richtig sauer. Dass mir 3K fehlten zum Marathon, war mir in diesem Moment sch….egal. Lieber die Stopp-Taste, kurz und schmerzlos, also dieses würdelose Dahingeschleppe. Es war ganz einfach – die Distanz hat mich besiegt! Aber so ist das manchmal. Neulich laß ich das fantastische Buch Das Rennen von Tim Krabbé. Das muss man lesen, weil es einfach saugut ist, glaub mir da einfach mal! Auf jeden Fall geht es in einer Passage um einen Tour de France Fahrer, der bei einer Strecke von 142 km bei Kilometer 140 stoppt und nicht mehr weiter fährt, aus ähnlichen Gründen wie ich heute nicht mehr weiter lief. So etwas gibt es, nur frage ich mich gerade, warum?

Wenn ich ein paar Jahre zurück gehe und an meinen ersten Halbmarathon denke, für den ich damals trainierte, da ging es mir ähnlich. Als ich die 21K zum ersten Mal lief, im Hochsommer, musste ich mich danach übergeben. Niemals zuvor lief ich so weit. Mein erster Wettkampf auf diese Distanz wurde gegen Ende hin richtig hart, und ich brach ein. Beim zweiten Mal hatte ich immer noch nicht dazu gelernt, lief zwar schneller, brach aber wieder ein. Erst bei meinem vierten Halbmarathon konnte ich es vermeiden, einzubrechen und lief konstant durch und mit 1:35 über die Ziellinie. Und als ich neulich aus dem Haus ging, wie oben beschrieben, pulverisierte ich meine ehemalige PB und lief mit einer 4:15er Pace den Halbmarathon in 1:29. Auch da wurde es gegen Ende hart, ich konnte mich aus diesem Loch aber herausziehen und büßte nicht an Geschwindigkeit ein. Ähnlich ging es mir auch auf die 10K, wo ich letztes Jahr die 40 Minuten Marke durchbrach und mit 39 Minuten über die Ziellinie lief, bei der Adidas Runners Night war das.

10K, die hält man immer durch, wenn man Halbmarathons läuft, und 21K, die gehen ganz leicht von den Beinen, wenn man Marathons läuft. Aber was ist eigentlich mit den Marathons, wann gehen mir die eigentlich leicht von den Beinen? Ich habe das Gefühl, dass es wieder so ein Streich des Kopfes ist. Dieser suggeriert mir in stetiger Wiederholung bei Kilometer 35 oder 36, das es jetzt hart wird. Die Frage ist, ist es hart, weil es wirklich hart ist, oder nur deshalb, weil es langsam gegen Ende zugeht. Kopfsache – nur! Ich habe so das Gefühl, dass einem Ultraläufer das bei Kilometer 36 anders ergeht, ganz einfach weil er weiß, dass er noch weitere 36 laufen muss, oder 100, oder 150. Er denkt über die 42, was ich über die 21 denke, wenn ich diese auf dem Weg zu den 42 längst überschritten habe: No big Deal! A RUNNERS MIND IS WHAT MATTERS MORE THAN ANYTHING, schreibt Ultramarathonlegende Scott Jurek in seinem Buch Eat & Run. In seinem Projekt Summits of my Life rennt Kilian Jornet die höchsten Berge der Welt auf Geschwindigkeit hoch, ohne künstlichen Sauerstoff ganz nach dem Motto: Who the f… is Reinhold Messner! Ich glaube, es ist alles Kopfsache und ich vermutlich 700 Kilometer rennen könnte, am Stück, so wie die Tarahumara, oder noch weiter, so wie Forest Gump. Es spielt sich alles im Kopf ab – nur!

Ich sehne mich danach, meinen nächsten Marathon zu laufen und dafür zu trainieren. Und worauf ich mich besonders freue ist es, mit dieser Distanz meinen Frieden zu schließen, diese routiniert zu bewältigen, ohne einmal mehr dem Mann mit dem Hammer in die Hände zu laufen, dem alten Miesepeter.

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2 Gedanken zu „Ich – laufe – weit! Es spielt sich alles im Kopf ab

  1. “Es spielt sich alles im Kopf ab – nur!” – Das kann ich so nicht stehen lassen. Wenn die Energiereserven verbraucht sind, kann der Kopf noch so sehr wollen. Meine Devise ist ganz klar #EinHalberGehtImmer, da ich der Ansicht bin, dass so ziemlich jeder der einigermaßen talentiert ist, die Energie zur Verfügung stellen kann um 1/2M in rd. 2 Stunden zu laufen. Es reicht auch für ein bißchen mehr, aber eben nicht für 40 oder 50.
    Auch “trainieren” ca. 95% der Hobbyläufer ja nichtmal wirklich, ich selbst inbegriffen. Die gehen zwar laufen, machen ein bißchen Ausdauertraining bevor sie in Berlin mit 50.000 anderen Geisteskranken an einem Rennen teilnehmen, was sie nicht gewinnen können, ja es nichtmal unter die Top 5000 schaffen. 😉
    Aber alles ist besser als auf dem Sofa rum zu sitzen.

    1. Lieber Hans,

      es ist nicht lange her, da fragte mich Egon Theiner, ob ich für seinen Verlag das Buch ‘Der Aufstieg der Ultraläufer’ lesen und rezensieren wolle. Da sagte ich natürlich ja, weil das Thema unsagbar spannend und der Autor Adharanand Finn sehr bekannt war. Ein weiterer Grund war jener, dass ich prinzipiell nichts wußte über die Welt der Ultramarathons, also jenen Distanzen über der 42K Marke, die nach oben keine Grenzen kennen. Nachdem ich das gelesen habe, wurde mir klar, dass der Mensch keine Grenzen kennt, keine physischen. Beim UTMB laufen die Athleten teilweise 48 Stunden lang durch. In der Welt der Tarahumara, auf die ich durch ‘Born to Run’ gestoßen bin, legen diese Superläufer hunderte Kilometer am Stück zurück, bis ins hohe Alter. Kilian Jornet rannte in seinem Projekt ‘summits of my life’ alle Achttausender auf Speed hoch, ohne künstlichen Sauerstoff. Scott Jurek legt in ‘North’ 2.189 Meilen zurück, in einer Sequenz, sieben Wochen lang. Wie ist das möglich? So recht du auch hast, mit dem was du sagst. Ich glaube wirklich, dass alle Grenzen, die wir zu kennen scheinen, mentaler Natur sind.

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