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Coldplay schlägt mit “Everyday Life” ein neues Kapitel auf

Codplay Everyday Life

„Coldplay kehrt nach vielen Jahren endlich wieder zu ihren Wurzeln zurück!“, rezensiert so mancher begeisterter Fan der ersten Stunde „Everyday Life“, das siebte Album der britischen Band. Ich finde, es ist weit mehr als das!

Selten schreibe ich auf meinen Seiten über Musik. Obwohl ich stets meine Ohren offen halte und wirklich oft auf Songs treffe, die mich begeistern, überzeugt mich immer seltener ein ganzes Album, so dass ich mehr und mehr dazu geneigt bin, mir einzelne Songs zu kaufen statt ein eine ganze LP, von der ich dann lediglich eine Handvoll Songs wirklich mag. Als ich „Everyday Life“ zur Probe hörte, da spürte ich ab dem ersten Song, dass hier etwas Großes entstanden ist. Und dieses Gefühl bestätigte sich auch dann noch, als die Nadel meines Plattenspielers die letzte Rille verlies und ich zu deuten versuchte, was das eigentlich nun für ein Album ist.

Video: Broken

Die Kunst, sich neu zu erfinden
Parachutes (2000), A Rush of Blood in the Head (2002), X&Y (2005) ‒ drei ganz tolle, besondere Alben waren das. Voll mit Sinn für Melodien, vielen leisen Tönen und lyrischem Tiefgang, der jeden berührte, oft bis zu den Tränen hin. Das fand ich schon immer toll an Coldplay, die von sich selbst behaupten, nie cool gewesen zu sein und dies auch nie sein werden. Eine solche Haltung hat nicht viel gemein mit dem Stargehabe und der Arroganz anderer britischer Bands aus der Ära des Britpop, die sich oft mehr durch Drogenskandale und Angeberei ganz nach dem Motto: „Wir sind die beste Band der Welt!“, im Gespräch hielten als durch ihr kreatives Schaffen. Ich finde so etwas unerträglich und wenn man sich die Platten dieser Bands mal als Gesamtwerk betrachtet, stellt man oft erschreckend wenig Veränderung fest. Anders Coldplay, die sich von Album zu Album stets neu erfanden, etwas Neues wagten. Während sich jedes der oben genannten Alben jedoch irgendwo auf dieselbe Handschrift zurückführen lässt, ereignete sich mit Vida la Vida or Death and all his friends (2008) ein deutlicher Bruch, und ab diesem Zeitpunkt bestritt die Band mit Mylo Xyloto (2011), ghost stories (2014) und A Head full of dreams (2015) gänzlich neue Wege, die sie quer durch die großen Stadien dieser Welt führte. Das fand nicht jeder gut, ich auch nicht. Als ich die Band irgendwann einmal beim Super Bowl auftreten sah, da dachte ich: „Hey, das interessiert mich jetzt nicht mehr!“ Diese Musik war nicht mehr subtil, mehr dem allgemeinen Zeitgeist gewidmet, zu großen Teilen laut und imposant, mehr geprägt von Synthesizern als durch zarte Klavieranschläge. Aber hey. Ich dachte mir, vielleicht muss das ja sein. Vielleicht ist das eine Erfahrung, die eine Band einfach braucht. Sich die Hörner abstoßen, zu zeigen wer man ist, jedem mitzuteilen, dass man zu den größten Bands aller Zeiten gehört, ein bisschen die Muskeln spielen lässt. Ja, vielleicht gehört das dazu.

Video: Everyday Life

Everyday Life
Dieser Prozess scheint nun mit dem neuen Album Everyday Life abgeschlossen zu sein. Man muss niemandem mehr etwas beweisen, man hat alles gesehen, alles erlebt. Ich stelle mir vor, dass es vielleicht genau das war, was die Musiker nun zu einer neuen Transformation gebracht hat, zu wiederum etwas ganz neuem. Everyday Life ist nicht aus einem Schliff, sondern kommt so divers daher und so zerrissen wie die Welt, wie sie sich uns in turbulenten Zeiten darstellt. Da ist das instrumentale Stück Sunrise, da sind politische Aussagen in Trouble in Town oder Guns, Gospelgesänge in BrokEn und ein Stück namens WOTW / PPTP, bei dem Chris Martin wohl einfach ein Mikro auf den Balkon gestellt hat und loslegt. Natürlich ist das keine gute Aufnahme, aber es klingt so, als sei man selbst dabei, als säße man daneben, wenn so ein Song entsteht. Natürlich findet das nicht jeder gut, ich schon. Viele Leute stößt man gewiss vor den Kopf, die sich entsetzt zeigen, fragen: „Was soll das denn jetzt?“ Und warum? Weil diese Art und Weise, Musik zu machen, nicht so leicht zugänglich, sondern mutig ist, authentisch. Mir ist das egal, weil ich das verstehe, diese Entwicklung, und mir für den ein- oder anderen Song auch die Zeit lasse die er braucht, wie ein Glas Rotwein.

Codplay Everyday Life
Selten habe ich so eine schöne Platte ausgepackt. Bild: Ma San

Daddy
Mich hat es erreicht, dieses Album, spätestens mit dem Song Daddy,  für mich einer der schönsten Songs, den Coldplay je gemacht hat und den ich jemals gehört habe. Ach, was sage ich da? Einer der schönsten Songs, die es gibt, jedenfalls für mich! Nur mit ganz wenigen Zeilen wird so, sooooo viel gesagt über ein ganz großes Thema, ja fast sogar mehr zwischen den Zeilen als durch diese selbst. Dem Hörer wird Raum für Interpretation gegeben, so was können nicht viele, und Coldplay kann das halt einfach! Worum geht es da? Geht es eigentlich um Tod oder vielmehr darum, dass Daddy da ist und wiederum nicht da ist, mit ihm keine mentale Verbindung möglich ist, weil der sich einfach nicht interessiert? „Daddy, won’t you come and play? Is there nothing that you want to say?” Wahnsinns Zeilen sind das, ganz einfach, und so stark, so emotional. Das einzige, was man möchte, ist ein wenig Aufmerksamkeit von Daddy, mehr nicht, doch man bekommt sie einfach nicht! „Look dad we got the same hair, And Daddy it’s my birthday, But all I want to say Is you’re so far away!” Chris Martins Gesang, der diesen Zeilen den Akzent kindlicher Begeisterung verleiht, rührt wirkliche jeden zu Tränen. Hier der ganze Text für euch, weil der so wunderschön ist:

Daddy, are you out there? Daddy, won’t you come and play?
Daddy, do you not care? Is there nothing that you want to say?
I know, You’re hurting too, But I need, you I do
Daddy if you’re out there, Daddy all I want to say
You’re so far away, You’re so far away
That’s OK, That’s OK, OK

Daddy, are you out there? Daddy, why’d you run away?
Daddy, are you OK? Look dad we got the same hair
And Daddy it’s my birthday, But all I want to say

Is you’re so far away, Oh, you’re so far away
That’s OK, That’s OK, That’s O

Won’t you come and won’t you stay? Please stay, Please stay
Won’t you come and won’t you stay? One day, Just one day

Ein großartiges Video von aardsman animations studio
Genauso schön wie der Song ist im Übrigen das Video dazu. Dieses wurde von aardsman animations studio gemacht, Wallace and Gromit ist wohl jedem ein Begriff. Ein Mädchen auf hoher See sieht man da, klein und zerbrechlich, welches rührend mutig ihren Papa sucht, von dem nur noch rege Erinnerungen bleiben.

Und da ist es, dieses wunderbare Video…

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