Wim Wenders – „Das Salz der Erde“

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Ein grandioser Film über das Werk und Leben Sebastião Salgados, eines der größten Fotografen unserer Zeit.

Anfangs, sagt Wim Wenders auf der Bühne des Delphitheaters in Berlin bei der Premiere seines Films Das Salz der Erde, wollte er einen Film über einen Fotografen machen. Doch was entstand, war mehr als das, viel mehr. Der Fotograf, um den es hier geht, ist Sebastião Salgado. Sein aktuellstes Werk Genesis“, das unter anderem in dieser Dokumentation reflektiert wird, ist eine Hommage an die noch unberührten Plätze dieser Welt, an das Schöne und Gute auf diesem Planeten. Um sich diesem Thema zu widmen, bedurfte es aber einer Entwicklung vom anderen Ende her, vom Bösen in, das ist jetzt milde ausgedrückt, seiner pursten Form. Salgado war dort, also in Ruanda der Völkermord in vollem Gange war und zehntausende Leichen die Straßen säumten. Er war da, als der Hunger in der Sahelzone wütete und 15.000 Menschen an einem einzigen Tag verschlang. Er war da, als Väter ihre toten Kinder auf Leichenberge legten, als sei es das normalste der Welt. Er war da, als die Ölfelder in Kuweits Wüstensand brannten, in mehreren hundert Meter hohen Flammen. Der Mensch, so sagt er im Film mit Tränen in den Augen, ist eine entsetzliche, zum Brutalsten fähige Spezies. Er wollte, dass die ganze Welt diese Bilder sieht, und die Welt hat seine Bilder gesehen. Dieser Film, ausgezeichnet als bester Dokumentarfilm auf der Filmkunstmesse in Leipzig, ist ein wichtiger, toller Film über einen leidenschaftlichen Menschen, großen Fotografen und noch größerem Erzähler.

Video: Filmtrailer

Vom Wirtschaftswissenschaftler zum Fotografen
Salgados Gesicht taucht schwach hinter seinen Bildern auf. Teleprompter-Dunkelkammer heißt die Technik, die Wim Wenders anwendet, um den Zuschauer zugleich mit dem Fotografen und dessen Fotografien sehen zu lassen. Dann erzählt Salgado mit einer Stimme in ungewohnter Tiefe und Prägnanz. Und, so viel kann gesagt werden, der Mann hat etwas zu erzählen – vom Leben, von dieser Welt. 1944 im brasilianischen Aimorés als Sohn eines Viehzüchters geboren, wächst er im Paradies auf, inmitten eines tropischen Regenwaldes im Einklang mit der Natur. Bis in die sechziger Jahre hinein studiert er Wirtschaftswissenschaft, was ihm bei seiner späteren Tätigkeit als Fotograf von Nutze sein wird. Denn er weiß um die Verknüpfungen der Ökonomie auf der Welt. Der Ursache und Wirkung von Entscheidungen, die reiche Länder auf Kosten der armen treffen. 1967 heiratet er die Liebe seines Lebens, Lélia Deluiz Wanick, mit der er 1967 nach Paris auswandert. Später arbeitet er in London für die ICO (International Coffee Organisation) und reist des Öfteren beruflich nach Afrika, ein Land, mit dem er seitdem für immer verbunden sein wird. Dort macht er das erste Foto mit der Leica seiner Frau, und es ist Liebe auf den ersten Blick. Die Fotografie begeistert ihn so sehr, dass er sich beruflich neu orientiert. Er kauft sich eine Kameraausrüstung und macht sich in den frühen siebziger Jahren als Fotojournalist selbstständig. Zunächst bereist er Portugal, Angola und Mosambik, später führen ihn seine selbstgewählten Fotoreportagen durch ganz Europa, Lateinamerika, und immer wieder nach Afrika.

Video: Ein Auszug aus Salgados Arbeit – „unbeschreiblich“

Eine Frau der Tuareg
Jeder Fotograf, so sagt er, hat seinen ganz eigenen Blick auf die Dinge, der wesentlich davon abhängt, woher man kommt, wer man ist. Salgado interessiert sich vor allem für eines – die unterste Schicht der Gesellschaft der dritten Welt. Die ausschließlich Schwarz-Weiß- Aufnahmen, die er macht, entstehen über viele Jahre. Mit den Gesellschaften, die er dokumentiert, lebt er stets über lange Zeiträume zusammen, schließt Freundschaften, erlebt die Menschen von innen heraus. Seine Portraits sind von ungekannter Tiefe und Ausdruck. Sie sind sagenhaft schön. „Es ist nicht der Fotograf, der das Portrait macht – es ist die Person, die einem das Portrait schenk“, sagt Salgado. Einem dieser Portraits ist auch der Regisseur Wim Wenders verfallen, wie jeder seinen Bildern verfällt. Eine blinde Frau der Tuareg ist darauf zu sehen. Wenders hat das Bild sofort gekauft und wollte wissen, wer dieser Fotograf ist. So kam er auf Salgado, so entstand dieser Film.

„Wer einmal in den Bann des Goldes gekommen ist, kommt nicht mehr davon los.“
Die verschiedenen Bildreihen Salgados entstehen über viele Jahre, unter anderem auch seine berühmte Reportage über Goldminenarbeiter in Brasilien in den achtziger Jahren. Eine große Schlucht ist zu sehen, der Betrachter steht oben, am Rande des Canyons. In der Schlucht sind zehntausende Menschen. Männer, mit stählernen Oberkörpern, geballter Muskelkraft. Wenders spielt Geräusche ein, erfüllt das Bild mit Leben. Dann taucht Salgados Gesicht auf und erzählt. „Wer einmal in den Bann des Goldes gekommen ist, kommt nicht mehr davon los.“ Die Arbeiter tragen Säcke die steilen Wände des Canyons hoch, müssen rennen. Denn wer nicht rennt, fällt hin. Wird Gold gefunden, stehen jedem Arbeiter ein paar Säcke der Grabung zu, welche sie nach oben tragen. Vielleicht haben Sie Glück und es findet sich etwas in dem zugeteilten Sack, vielleicht aber auch nicht. In den Blicken der Menschen sieht man die Gier, der sie verfallen sind, der wir alle verfallen, überall auf der Welt. Das Getümmel wirkt mittelalterlich, wie der Bau der Pyramiden vielleicht, und die Menschen erscheinen wie Sklaven. Doch sie arbeiten freiwillig, sind Sklaven ihrer selbst, ihrer Gier.

Workers, Migrations
1993 erscheint Workers, ein Werk das, wie der Titel schon sagt, die Industrialisierung der Welt zum Thema hat. Für diese Reihe reist er unter anderem nach Kuweit, als Feuerwehrmänner aus aller Welt zum Löscheinsatz der brennenden Ölquellen vor Ort sind. Die Aufnahmen, die er macht, muten fast surreal an. Die Männer, die er portraitiert, sind voller Öl, von oben bis unten. Sie stehen auf einer nicht endenden wollenden, riesigen Ebene, aus der hunderte Meter hohe Flammen in den Himmel ragen, als würden Sie gegen den Teufel selbst kämpfen. im Jahr 2.000 entsteht die Reihe Migrations. Er begleitet Verfolgte unserer Welt und wird Zeuge der Ungerechtigkeit, in der wir leben. In Ruanda erlebt er den Genozid der Hutu an den Tutsi. Später begleitet er die wiederum Flüchtigen Hutu, die ihrerseits von den Tutsi drangsaliert werden. Sie fliehen aus Ruanda ins Nachbarland, wandern sechs Monate lang, nur um wieder zurückgeschickt zu werden. Er ist sich sicher, so Salgado, alle hunderttausende Menschen dieses Flüchtlingsstroms wurden ermordet. Eine große Baggerschaufel sieht man auf einem seiner Bilder, heraus ragt langgestreckt ein Arm. Die Schaufel entlädt gerade seine volle Ladung auf einem riesigen Berg voller Leichen. In der Sahelzone ist er dabei, als der Hunger tobt und die Welt tatenlos zusieht. 15.000 Menschen rafft es an einem Tag dahin. „Die Menschen sterben des Nachts“, sagt er, und die Bilder, die er dann zeigt, sollte die ganze Welt sehen und schockieren. Wie kann es sein, fragt er, dass diese Menschen vor unseren Augen sterben müssen? Der Hunger – er müsste nicht sein. Es sei genug Nahrung für alle da auf der Welt, es sei nur schlecht verteilt. Der Mensch, spricht er weiter, mit Tränen in den Augen, sei eine entsetzliche Spezies, zum Bestialischsten fähig. Keiner verdiene es, zu leben. Wer die Bilder sieht, gibt ihm Recht.

Video: Salgado über „Genesis“, sein aktuelles Projekt

Rückkehr nach Brasilien
Schwer krank zieht es ihn nach Europa, wo ihm ein Arzt sagt, dass er vor lauter Tod, den er gesehen hat, selbst sterbe. Er müsse aufhören. Seine Seele, so Salgado, sei krank gewesen, vom vielen Tod, der ihn die vielen Jahre umgab. Gezeichnet kehrt er nach Brasilien zurück, auf die Farm seines Vaters. Er ist am Ende. Die Farm, die er als Kind in Erinnerung hat, ist genauso am Sterben wie er selbst. Die vielen Wälder gibt es nicht mehr, alles ist erodiert. Durch die Viehwirtschaft ist aus der Welt endlosen Grüns eine Wüste geworden, ein Sinnbild der Zerstörung. Doch dort in Brasilien gibt ihm ein Wunder den Glauben an das Gute zurück. Seine Frau beginnt, die Bäume wieder zu pflanzen, einen nach dem anderen. Jahr für Jahr schafft es eine immer größere werdende Zahl, tatsächlich zu überleben und zu wachsen. Bis heute stehen an diesem Ort weit über zwei Millionen Bäume. Die Kraft der Natur, sich zu regenerieren, sich der Zerstörung zu widersetzen, gibt Salgado neue Kraft. So widmet sich sein aktuelles Werk Genesis, im Gegensatz zu seinem vorherigen Schaffen, nicht dem Leid, sondern der Schönheit unserer Erde. Seit 2004 bereist er über 9 Jahre die entlegensten Winkel der Erde. Er macht Bilder von Pinguinen, bei denen sich der Betrachter fragt, wie ein Mensch an einen solchen Ort nur gelangen kann. Er unternimmt Reisen in die Tiefen des Amazonas und macht Aufnahmen von Völkern, die bis heute fast keinen Kontakt zur Zivilisation hatten. Eines hat Genesis mit seinen Vorgänger aber doch gemeinsam. Die Aufnahmen sind Schwarz-Weiß und von einer unbeschreiblichen Schönheit, vielleicht auch von verstörender Schönheit. Nichts wäre aber Falscher, als Salgado Sensationseifer vorzuwerfen, Voyeurismus. Ohne Menschen wie Salgado wären Hunger und Verfolgung nichts anderes als Begriffe, weiter nichts. Er aber gibt diesen Begriffen ein Bild, oft unter riskieren seines eigenen Lebens. Salgado ist einer der größten und wichtigsten Fotografen unserer Zeit, ein großer Menschenrechtler und begnadeter Erzähler. Und Wim Wenders lässt ihn erzählen, mischt sich gar nicht groß ein. Er schaut zu, was er tut – dieser Mann, dessen Bild er vor vielen Jahren gekauft hat. Koregisseur ist übrigens Salgados Sohn Juliano Ribeiro, der den Vater aufgrund der vielen Reisen stets nur wenig sah. Der Film war für ihn ein Weg, sich seinem Vater durch dessen Bilder zu nähern. So entstanden unterschiedliche Blickwinkel auf den Fotografen und Menschen Salgado, durch den Sohn und Wim Wenders, der als neutraler Betrachter fungiert. Ein Must-See Film, der zu Recht als bester Dokumentarfilm auf der Filmkunstmesse Leipzig ausgezeichnet wurde.

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Fantastische Bildbände von Salgado:

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