Größer als das?

#savetheplanet

Um manche Momente zu beschreiben, erweist sich manchmal nur die Poesie als geeignete Sprache. Dieser Moment, um den es hier gehen soll, ist so einer. Letztes Wochenende war ich nordwestlich von Berlin an einem Ort namens Linum. Das hört sich bedeutungslos an vielleicht, ist es aber nicht! Denn – im Spätherbst machen sich die Kraniche aus Nordeuropa auf den langen Weg gen Süden. Und das hier ist der Ort ihrer Rast. Hier versammeln sie sich in einer Anzahl wie nirgendwo sonst auf dem gesamten Kontinent. Eine innere Uhr sagt ihnen, wann es Zeit ist aufzubrechen und sie wissen genau, wohin. Woher, das weiß niemand so genau! Wenn die Sonne aufgeht, brechen sie auf, und wenn sie untergeht, kommen die nächsten. DAS IST MAGIE, was sonst? “Magische Dinge” so in der Art beschreibt es Annie Dillard in dem ganz fantastischen Buch PILGRIM AT TINKER CREEK, “sie passieren, ob wir hinsehen oder nicht!”

Fährt man dorthin, also nach Linum, dann kann man nicht glauben, dass hier etwas passiert, dass sich dieser Ort mit einbrechender Dämmerung in einen anderen verwandeln wird. Weil sie kommen, zu tausenden, Tag für Tag. Und dann bin ich wieder bei Dillard – denn entweder ist man dort in diesem Moment oder man ist es nicht. Ist man da, dann ist man irgendwo nicht mehr derselbe als vorher. Weil es Magie ist, die Muse selbst, die einem sagt, dass nichts wichtiger ist als das! WIR MÜSSEN, UND ZWAR MIT ALLER KRAFT, DIESE WELT BEWAHREN! JEDER VON UNS, TAG FÜR TAG! DENN WAS WÄRE DIE WELT OHNE MAGIE?

GRÖSSER ALS DAS?

Sonnenlicht, blutrot, darüber die anbrechende Dunkelheit.

Spüre den Wind in meinen Haaren, meinem Gesicht.

Blicke in Rot, Orange, Gelb, Dunkelblau, Schwarz in Nuancen.

Wird dieser Himmel, unter dem ich stehe, gleich ein anderer sein?

Gleich wird es soweit sein!

Schatten im Zwielicht, bin geblendet, sehe sie, schwarze Silhouetten.

Erst eine, zwei, zehn, hunderte, tausende.

Grazile Körper, Schwingen mächtiger als der Wind, keine Bewegung, Könige der Lüfte.

Sich nähernd in endloser Formation, perfekter Geometrie.

Und jetzt sag mir, ist das nicht Magie?

Zehntausende, gerufen vom Rhythmus der Welt.

Ihre Rufe erhaben, zu hören auf der Erde.

Und der Himmel, den ich kenne, er ist ein anderer, jetzt in diesem Moment.

Und jetzt sag mir, ist das nicht Magie?

Bin ganz da, ganz bei mir, in mir ruhend.

Ehrfurcht durchfährt meinen Körper, macht mich fröstelnd.

Und ich frage mich,

gibt es etwas Größeres,

etwas Größeres als das?

Jahrhunderte während, die Luft durchschneidend mit ihren Schwingen.

Sachte schlagend im unsichtbaren Aufwind, Herrscher der Winde.

Brauchen nichts, brauchen uns nicht!

Nur die Freiheit, die Weite, die Würde,

und diesen Flecken Erde, auf dem ich stehe, sonst nichts.

Ist das zu viel?

Wer zur Hölle glauben wir, wer wir sind?

Schwärme, den roten Himmel färbend, zu tausenden.

Fallen herab aus meiner Sicht, werden eins mit der einbrechenden Nacht,

während das letzte Rot versinkt.

Stille, nur der Wind, sonst nichts.

Ist das wirklich passiert?

Ist die Welt wie vorher, aber die Magie noch da?

Die Luft nicht erfüllt, als hätte sie mehr Substanz?

Und müsste ich sterben, es wäre okay, jetzt in diesem Moment.

Und umso mehr überkommt mich das Glück.

Die Freude, am Leben zu sein, in einer Welt voller Wunder.

Eins zu sein mit der Welt, für einen Moment.

Und jetzt sag mir,

gibt es etwas Größeres?

Etwas Größeres als das?

Fly on

“MAYBE ONE DAY I FLY NEXT TO YOU!” Und im nächsten Leben, da möchte ich gerne ein Vogel sein. Hoch über der Welt schweben. Unterwegs, stets unterwegs. Es gibt einen Song über Vögel, den ich liebe, einen der schönsten Songs den es gibt. Der ist von Coldplay, und es schwingen darin die Gedanken nach Sehnsucht, nach Freiheit, Verlust und Tod mit. Und ja, irgendwo auch das Leben danach. Er drückt all das aus, was mich manchmal überkommt, wenn ich die Zugvögel gen Süden fliegen sehe. Du kannst dir den Song hier anhören, wenn du möchtest!

Können auch wir das, größer sein?

Ich denke an Sebastião Salgados’ Worte, als er im Film Das Salz der Erde unter Tränen in etwa folgendes sagt: “Der Mensch ist eine entsetzliche Spezies. Keiner verdient es, zu leben, niemand von uns!” Salgado hat im Gegensatz zu uns den Schrecken in Afrika Jahrzehnte lang begleitet und festgehalten und an einem gewissen Punkt den Glauben in unsere Spezies verloren. Salgado selbst ist aber auch der beste Beweis, dass Zerstörung rückgängig gemacht werden kann, die Stärke hat, sich zu regenerieren. In Brasilien hat er mittlerweile Millionen Quadratmeter Regenwald aufgeforstet. Gleiches beweist im Übrigen die fantastische Doku DAS GESETZ DER SERENGETI, das ist ein MUST-SEE, People!!! Was ich damit sagen will: Wir erleben ein Ausmaß an Zerstörung der Welt wie noch nie zuvor. Arten sterben, Spezies verschwinden – wegen uns! Und mit jeder Spezies verschwindet ein Stück Magie, die diese Welt zu einem fantastischen Ort macht. Und auch in einer Phase wie jetzt, in einer Zeit der Krisen, in der Umweltschutz in die zweite Reihe verbannt wird, weil es scheinbar Wichtigeres gibt – ich sage: NEIN, ES GIBT NICHTS WICHTIGERES, NICHTS IST WICHTIGER ALS DAS!

Es liegt an uns

Ich habe gerade eine Marathon-Vorbereitung hinter mir, während dieser ich oft spät am Abend laufen war. Und dann hörte ich sie oft, die Kranichschwärme, mitten im Dunkel über Berlin, gen Süden ziehend. Und auch des Tages höre ich sie jetzt im Herbst, schaue nach oben zum Himmel und sehe sie dann, in Formation fliegend. Und jedes Mal erfüllt es mich mit Glück und Sehnsucht, wenn ich sie sehe. Diese Vögel stehen für mich für die Kraft, die Sehnsucht in mir. Ich liebe diese Vögel so sehr, dass ich ein Buch über sie geschrieben habe. Es heißt FLÜGEL SIND ZUM FLIEGEN DA, ein Kinderbuch. Darin geht es um einen kleinen Spatz, der so gerne in den Süden fliegen möchte. Dieser Wunsch steht für den Traum, den Blick zum Horizont. Seine Freunde aber sagen ihm, dass kleine Spatzen für große Abenteuer nicht gemacht, ihre Flügel zu schwach sind. Dann aber begegnet er einem großen Vogel, einem Zugvogel. Und der sagt ihm, dass Flügel zum Fliegen da sind, und zwar alle Flügel, egal ob groß oder klein. Er motiviert den kleinen Spatz, mit ihm in den Süden zu fliegen, seinen Traum zu erfüllen. Und dieser macht es!

„We don’t know what’s going on here! We’ve been on earth all these years and we still don’t know for certain why birds sing.”

Annie Dillard: Pilgrim at Tinker Creek

Es erfüllt mich mit purem Glück, dass ich wenigstens ein bisschen intakte Natur erleben darf. Auch wenn wir es ihr noch so schwer machen, die Städte mit Licht fluten, die Naturschutzgebiete zurückdrängen, die Feuchtgebiete, die sie brauchen, längst ausgetrocknet sind – da fliegen sie, stoisch, mit letzter Kraft. Wenn wir so weiter machen, und damit meine ich jeden von uns, dann verschwinden diese Vögel, die für mich symbolisch stehen für alle Arten. Wunder werden verschwinden, und die Welt an Magie verlieren. WIR DÜRFEN DAS NICHT ZULASSEN!

Ma San[/Avatar]

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