Marathon

Wir erholen uns nicht im Laufe der Zeit, sondern in der Zeit, in der wir laufen

Für jemanden, der nicht läuft, sind Distanzen, die Marathonläufer zurücklegen, oft schlicht surreal. „Warum machst du das, warum tust du dir das an?“, fragt so mancher (so ähnlich formulierte es neulich einer meiner RUNNER-Buddies). Die langen Läufe, das viele Training wird assoziiert mit Qual, weil für jemanden, der nicht läuft, eine Laufeinheit nichts anderes ist als das. Sport hat in unserer Gesellschaft etwas mit Entertainment zu tun, mit Spektakel, mit Geschwindigkeit, und Laufen passt nicht in dieses Bild. Die Sache ist die: Das Schöne beim Laufen offenbart sich erst, nachdem man nicht unwesentliche Startschwierigkeiten überwunden hat, in der die allermeisten ihre Laufschuhe wieder an den Nagel hängen. Überwindet man diese aber, dann offenbart sich einem ein unvorstellbares Universum an Freude.

Wenn ich laufe, dann lasse ich die Stadtperipherie weit hinter mir. Ich durchquere die für Jogger gängigen Parks, in denen Runden gedreht werden, laufe durch die Stadtausläufer so weit hinaus, dass da niemand mehr ist. So weit, dass nichts mehr zu hören ist außer meinen Schritten, dem Wind und meinen eigenen Gedanken, die immer mehr zur Ruhe kommen und gleichmäßig durch mich hindurchfließen. Ich sehe viele Tiere: Rehe, Wildschweine, Greifvögel, blicke über einsame Seen, durchquere Landschaften und werde eins mit ihnen. Und wenn es 25, 30, 35 oder 40 Kilometer werden, dann macht mir das nichts aus, nicht im Geringsten. Ich laufe einfach, wie eine Maschine, gehe vollends auf in dieser völlig gleichmäßigen Bewegung und verliere mich darin. Ab einem bestimmten Grad fallen alle Hüllen. Jegliches Dickicht der Ablenkung, das mein Alltag um meine Seele herum gebaut hat, zerfällt in Einzelteile und ich habe wieder einen direkten Draht zu dieser Welt, zu diesem Universum. Mir gehen Dinge durch den Kopf, für dessen Verarbeitung mir sonst der Mut fehlt, mir gewöhnlich als unnötig erscheinen. Und plötzlich erlangen scheinbar unwichtige Dinge enorme Bedeutung. Ich werde mir der Vergänglichkeit bewusst, was dazu führt, dass ich diesen Moment, diesen Lauf, diesen Tag als kostbar empfinde. Nicht einfach als gegeben, sondern als etwas Besonderes.

Wenn ich zu Hause ankomme, dann bin ich auf RESET. Erschöpft? Ja natürlich! Aber weißt du, ich glaube nicht dass der Mensch dazu gemacht ist, dass er es bequem hat. Der Mensch ist ein Wesen, das entdecken, den Blick gen Horizont richten möchte, sich stets aufs Neue fordern will. Und beim Laufen, da bin ich mir ganz sicher, da bin ich, SIND WIR ganz nah dran an unserer Natur. Der Mensch, und zwar jeder Mensch, ist ein geborener Läufer. Ich, du, WIR SIND unfassbare Läufer, auf Langstrecken spezialisierte Ausdauermaschinen, wie sie die Welt vor uns nie hervorgebracht hat. Vor etwa zwei Millionen Jahren, als im Zuge des Rückzugs tropischer Wälder Savannen-Landschaften entstanden, eroberte der Mittelstreckler Homo Erectus die Weite, laufend. Damit war das Schicksal des Neandertalers besiegelt, der zwar muskulöser war, aber nicht ausdauernd genug für die Savanne. Und dann, vor ein paar hunderttausend Jahren, wurde aus den Mittelstrecklern eine für lange Dauerläufe optimierte Spezies, der Homo Sapiens, WIR. Von da an bis heute sind lediglich ein paar hunderttausend Jahre vergangen, im Prinzip nichts, wenn man in evolutionären Zeitspannen denkt. Die Dinosaurier waren 200 Millionen Jahre lang am Start, dagegen sind wir gerade mal kurz da. Dank unserer Intelligenz kommen wir exponentiell in allen Richtungen voran, eigentlich viel zu schnell weg aus der Savanne heraus, in der wir noch vor kurzem täglich laufend unterwegs waren. Unterm Strich waren, sind und werden wir noch lange Zeit für Ausdauerläufe spezialisierte Wesen sein. Und wenn ich laufe und vollkommen darin aufgehe, dann spüre und empfinde ich womöglich die gleiche Freude, das gleiche Glück wie unsere Vorfahren. Laufen lässt mich die Wurzeln spüren, aus denen wir empor wuchsen in die Höhe. Und ich glaube, dass Glück etwas mit den eigenen Wurzeln zu tun hat. Die Wurzeln sind das Fundament, auf dem sich alles gründet. Dass wir heute leben, wir existieren, uns durchgesetzt haben an jenem Scheideweg, an dem andere Spezies verschwanden, verdanken wir einzig und allein der Fähigkeit, länger und ausdauernder zu laufen als jede andere Spezies auf diesem Planeten. Und ich glaube, das ist der Grund, warum sich Laufen so anfühlt, wie es sich anfühlt. Es fühlt sich richtig an, vollends perfekt, elegant und präzise. Und wenn man die anfänglichen Schwierigkeiten überwindet, keineswegs belastend, sondern erholsam, irgendwo erdend und befreiend.

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