Helge Timmerberg: Die rote Olivetti (Buchrezension)

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Als ich Helge Timmerberg an einem späten Freitagabend in der NDR Talkshow sah, da wusste ich sofort, dass mein erster Gang am nächsten Tag jener in die Buchhandlung wäre, um mir Die rote Olivetti zu bestellen. Was mich so beeindruckte war, dass er überhaupt nicht auf irgendwelche Fragen antwortete, sondern kontinuierlich über eine Nacht in Havanna erzählte, in der es ausschließlich um Sex und Marihuana ging. An für sich nerven mich Althippies wie dieser eigentlich nur, aber Helge Timmerberg, das fiel sofort auf, hatte im Gegensatz zu den meisten von ihnen einen sehr ausdrucksstarken, gewählten und intellektuellen Ausdruck. Das kommt nicht von ungefähr, denn der Mann ist einer der renommiertesten deutschen Reisejournalisten, durchweg Abenteurer. Seine Marihuana-Geschichte jedenfalls erzählte er in so ruhigem Ton, dass nicht nur ich, sondern alle wie gebannt lauschten, sogar Barbara Schöneberger.  Das Buch habe ich in einem Zug durchgelesen, u.a. morgens in der S -Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Das mache ich nur, wenn ich ein Buch wirklich mag. Einmal  musste ich dabei so laut auflachen, dass ein französischer Tourist auf dem Weg zum Bahnhof seinen Croissant fallen ließ. Ich empfehle an dieser Stelle den sofortigen Kauf von Die rote Olivetti.

„Wer sich einbildet, vorher zu wissen, was, wie und in welcher Reihenfolge in seinem Text passieren wird, versteht von Schreiben so viel wie ein Pauschalurlauber vom Abenteuer.“

Per Anhalter nach Indien
Die Geschichte fängt schon gut an. Helge Timmerberg sitzt in London und verkokelt auf LSD ein paar Plastikbecher. Am nächsten Tag macht er sich per Anhalter auf nach Indien. Timmerberg ist wohlgemerkt erst siebzehn Die Fahrt ins Land der Gurus, das ihn niemals mehr loslassen wird, ergaunert er sich durch Weinen auf deutschen Botschaften, die ihm mitleidig immer wieder ein paar Hunderter für die Rückfahrt zusteckten, die er natürlich nicht für die Rückreise, sondern die Weiterfahrt nutzt. Tja, gerissen ist er ja schon, der Mann! Und damit weiß man auch schon, mit wem man es auf den kommenden Seiten zu tun hat. Ja mit wem eigentlich? Ich versuche das mal – mit einem Hippi-Marihuana-Sex-Lebemann-Typen, so in etwa. Da denkt man gleich an Rainer Langhans, der (mich zumindest) einfach nur nervt. Aber Timmerberg ist anders. In Indien jedenfalls flüstert ihm eine Stimme aus dem Nichts zu, er solle doch bitte nach Hause gehen und Journalist werden. Herr Timmerberg, das können Sie ihrer Oma erzählen. Nun ja, bei dem Mann ist immer auch ein wenig Show dabei. Man weiß nie, ob er etwas ernst meint oder nicht. Jedenfalls, und das glaube ich ihm, geht er tatsächlich, frech wie er ist, direkt zu der Westfälischen in Bielefeld und erzählt dem Chefredakteur diesen Mist. Der stellt ihn natürlich prompt ein. Schon hier zeigt sich die Lockerheit, wie sie ihm gegeben ist, mit der Timmerberg wichtige, lebensweisende Wege einschlägt. Stets völlig unvorbereitet, scheinbar planlos, aber dennoch überaus selbstbewusst verblüfft er durch sein Auftreten sein Gegenüber. Und irgendwie zeigt diese Art einen für ihn positiven Effekt. Er landet in der Lokalredaktion in Minden, wo er erst einmal schreiben lernt, bevor er hochkant rausgeschmissen wird mit dem Tipp, sich doch in Zukunft bitte etwas zu suchen, was nichts mit Schreiben zu tun hat.

Helge Timmerberg: Die rote Olivetti
Mit siebzehn Jahren reist Timmerberg per Anhalter nach Indien. Bild: Pixabay

Geh nach Hause und werde Journalist
Was macht Timmerberg? Bestimmt nicht die Jobanzeigen durchblättern! Er schlendert an einem Hutgeschäft vorbei und beschließt mal eben salopp, ein vegetarisches Restaurant aufzumachen. Geld hat er nicht, aber was viel besseres, eine Lady, die aussieht wie Joan Baez. Mit der  geht er zum – Respekt, Herr Timmerberg – Bielefelder Puffkönig und erzählt ihm seine Indien-Story, was selbst einen solchen Typen beeindruckt. Mit der Kohle macht er sein Veggie-Restaurant auf. Mit einem Koch, der permanent mit einem Papagei auf der Schulter rumläuft, und Konsumenten, die ausschließlich LSD-affin und die Kategorie Freaks gehören, geht er natürlich pleite. Das interessiert ihn natürlich nicht die Bohne (Was ich ihm aber wiederum nicht abkaufe).

Er wendet sich wieder dem Schreiben zu, diesmal irgendwo auf dem Land bei Wolfenbüttel. Ergibt sich irgendwie, wie immer. Hier mitten in der Walachei verdient er zum ersten Mal richtig Geld und trifft in einer Kneipe voller stadtflüchtiger Hippies auf seinesgleichen. Er trifft aber auch auf etwas anderes, nämlich auf den Asse II Atommüllskandal, der sich zu dieser Zeit hier abspielt. Gerissen wie immer macht er sich mit der Story auf den Weg. Nicht irgendwo hin, sondern direkt zum Stern. Auch dort öffnen sich für den Mann wie von Zauberhand die Türen, man kann es wirklich kaum glauben.

„Ich hörte, man könne sie planen. Das setzt voraus dass man sie will. Ich wollte nie Karriere machen.“

Von Minden zum Stern, vom Stern zum Playboy
Unter anderem sein Hass auf Fotografen und Humorlosigkeit des Magazins treiben ihn erneut anderswo hin. Über kurze Irrwege wie den sich breit machenden New Journalism läuft er schnurstracks vor den Schreibtische von Fred Baumgärtel beim Playboy in München. „Und wieder saß ich vor einem wichtigen Schreibtisch“ Gemäß dessen Motto, dass Chefredakteure nicht da seien, um zu arbeiteten, sondern um das Blatt zu leben ist Timmerberg endlich da angekommen, wo er hingehört. Ab jetzt verdient er maximales Geld bei maximaler Kreativität. Und jetzt sieht er auch die große Chance, seine ganz große Leidenschaft in den Beruf mit einzubringen, das Reisen. Er schlägt dem Playboy eine Indienstory vor, und man gibt ihm freie Bahn. Die Kombination von Reisen und Journalismus verleihen ihm Flügel. Von nun an bricht er auf in die Welt. Nicht auf Zeit, sondern Open End. Jede Reise finanziert eine neue. Stets mit dabei, seine Schreibmaschine, die Rote Olivetti.

Helge Timmerberg: Die rote Olivetti
…Von nun an bricht er auf in die Welt. Nicht auf Zeit, sondern Open End…Bild: Pixabay

Ungeplant in die Karriere
Auch das Ganze Geld kann einen Lebemann wie Timmerberg nicht reich machen. Er steht immer kurz vor der Pleite. Er ist sich durchaus bewusst, was gleichaltrige Zeitgenossen übern einen Mann wie ihn denken: Ein Berufsjugendlicher, der nicht erwachsen werden will. Doch das interessiert ihn nicht. In den 50ern habe es einen Quantensprung der Generationen gegeben, eine Befreiung der Sexualität usw. Darum fühle er sich dem aktuellen Zeitgeist stets mehr verbunden, weshalb er sich synchro zu diesem durch die Jahrzehnte bewege. Es haut jedenfalls nicht hin mit dem Playboy, da sich der Umstand, von Ländern wie Indien aus einen Text vor Erfindung des Faxgeräts zuverlässig zu übermitteln, als langfristig nicht möglich herausstellt. Es folgt eine ziemlich erbärmlich anmutende Zeit in Wien und Kairo, bevor Timmerberg einmal mehr vom Glück heimgesucht wird. Diesmal aber nachhaltig! Er landet beim Boulevardblatt Bunte, was zwar keinen Ruhm verspricht, aber Kohle bis zum abwinken. Er macht richtig Karriere, obwohl er diese niemals geplant hatte. „Ich hörte, man könne sie planen. Das setzt voraus dass man sie will. Ich wollte nie Karriere machen.“ Er verdient nach seinen Angaben 15T monatlich. Nach einem Jahr sogar 30T, nachdem er mit der Kündigung droht. Das beweist, dass er mittlerweile ganz oben angekommen ist im goldenen Zeitalter des Journalismus. Er ist ein Profi, ein echter Schreiberling, dessen Texte sich so lesen, als sei man dabei. Weil er mit Geld nicht zufrieden zu stellen ist, droht er erneut mit der Kündigung. Er fühlt sich angekettet, möchte raus in die weite Welt.

„Schuld daran waren in erster Linie das Wetter und was schlechtes Wettermit Menschen macht. Mit ihrer Laune, ihren Gesichtern, ihrer Kultur.“

Havanna
Außerdem hat er die Schnauze voll von München. „Ich verachtete die Münchner noch mehr als die Münchner mich!“. Der Chef hält aber so viel von ihm, dass er ihn bittet, ein Kolumne doch bitte weiter zu machen, ganz egal von wo aus. So etwas lässt sich ein Typ wie er nicht zweimal sagen. Zack, zack sind die Koffer gepackt und es geht durch den Orient, nach Indien, Brasilien und letztlich nach Kuba, wo er nach eigenem Wortlaut die finale Bestimmung für all die Kohle findet. In Havanna mietet er sich ins Hotel eines russischen Mafiosi ein. Seine Texte schreibt er in der hipsten Bar der Stadt, wo er gleichzeitig auf die Jagd nach Mujeres geht. Und jetzt lässt er es richtig krachen. Denn, so schreibt er, die Mujeres in Kuba verbrauchten Männer wie Grundnahrungsmittel. Über die Kokserin Marlene, mit der er die Nächte in Bars mit El Medico de la Salsa verbringt, wo fünfzehn Meter lange Kokainlinien über die Theke gezogen werden, gerät er in die Fittiche von Adrenalina. Diese fleht ihn die ganze Zeit an, sie doch bitte zu ficken. Er kann aber nicht so richtig, weil die wohl einfach zu gut aussieht. Nun ja. Von Havanna fliegt er ständig nach Holguín und zurück und macht auf seinen Wegen stets die skurrilsten Bekanntschaften. Zum Beispiel einen Langzeittouristen, der permanent mit einem 5 Liter Rumkanister und zwei Mädels im Arm rumrennt.

„Generell schlief in Havanna jeder mit jedem!“

Von Rudelficken und Rum
Aus Andrenalina wir dann Ana, aus der dann Angelina. Timmerberg bezeichnet sich selbst als Sexreisenden, was aber in Kuba ganz automatisch passiere. Den Kubanern sei es im Grunde genommen zu langweilig. Rudelficken sei da ein ganz normaler Zeitvertreib. Das alles, vor allem die ganzen Drogen, hinterlassen natürlich Spuren in ihm. Ein Mann ohne Ehre sei er geworden und hätte die Herzenswärme verloren. Die Party wird beendet, als die Kündigung der Bunten eines Tages eintrudelt. Sex, Drogen, Bamboleo, Paulito, Charanga Habanera, Los Van Van, all das ist zu Ende. Der Exilkubaner landet wieder in Hamburg und kann in dem Moment Hemmingway ganz gut verstehen, der sich an dieser Stelle das Hirn wegballerte. Dort versackt er in der Raveszene, Extasy und alles. Das Selbstbewusstsein am Boden, verlässt ihn zum ersten Mal das Glück, bis sich kurz vor Endabsturz das Blatt wieder wendet. Geo ruft an. Man würde ihn gerne in Begleitung eines Yogis durch Indien schicken. Timmberberg begibt sich nicht nur auf eine Reise durch das Annapurnamassiv in Begleitung eines Yogis, der ständig „I am ready for evertything“ sagt. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst, um sich selbst wieder in die Spur zu kriegen.

Helge Timmerberg: Die rote Olivetti
Sex, Drugs & Rockn’ Roll. Bild: Pixabay

Warum man das Buch unbedingt lesen muss
Warum nun sollte man das Buch lesen? Zum Einen deswegen weil Timmerberg zu den talentiertesten deutschen Reisejournalisten gehört. Seine Schreibe ist einfach unglaublich. Dann steckt das Buch voller kleiner Wahrheiten, die das Leben kostbar machen und von denen wir alle lernen können. Zum Beispiel, dass Geld einfach nur gierig und ängstlich macht und entgegen dem, was wir glauben wollen, eben keine Freiheit verspricht. Timmerbergs Leben ist eines abseits der geraden Spur. Und das beweist doch, dass man sich nicht verbiegen muss. Dass man durchaus ein Leben leben kann, wie man es möchte. Dass sich Türen öffnen, wenn man es nur zulässt, und dass Träume wahr werden, wenn man mutig ist und daran glaubt. Und nicht zuletzt bedanke ich bei ihm für seinen Humor. So oft geschmunzelt und gelacht habe ich schon lange nicht mehr.

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