Sanito – Förderverein für gesundes Leben in Nicaragua e. V.

Sanito – Weil Gesundheit ein Menschenrecht ist!

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Ich habe eine gute Freundin, die in einem fernen Land auf einer tropischen Insel genau zwischen zwei Vulkanen lebt. Das hört sich jetzt vielleicht an wie eine Zeile von Antoine de Saint-Exupéry, der gerade auf unnachahmliche Manier versucht, den Planeten des kleinen Prinzen zu beschreiben, aber es stimmt! In ihrem Garten steht ein Mangobaum, der die herrlichen Früchte in einer Fülle trägt, um einen mittzwanziger Veggie-Hipster ein Jahr lang mit Mango-Lassis zu versorgen. Des Abends kommen die Brüllaffen bis in den Garten, während tropische Vögel in freudiger Laune ihre schönen Töne den Vulkanen entgegen singen, hinter denen die Sonne blutrot versinkt. Gegen das Ufer schlagen die sachten Wellen eines der größten Seen des amerikanischen Kontinents – des Lago Nicaragua –, und ich liege auf einem Stein und das Einzige, was mir unterm Strich jetzt fehlt, ist ein Nica-Libre. Ansonsten könnte ich prinzipiell jetzt sterben. In den Wellen badet ein Vater gerade sein kleines Kind und etwas weiter draußen wirft ein Fischer per Hand sein Netz hinaus, um alsbald nach seinem Fang zu tauchen. Oben auf der Hauptstraße – eigentlich die einzige Straße im Ort – fahren junge, amerikanische Touristen mit Motorrollern herum, während sie ihre schlanken Schönheiten mit Designerbrillen auf dem Rücksitz fest umschlingen, um auf der holprigen Piste nicht aus der Kurve zu fliegen. Klingt eigentlich wie das verloren geglaubte Paradies, und so man mag jetzt zu Recht fragen, wo jetzt eigentlich das Problem liegt? Sehr berechtigte Fragen verlangen nach noch besseren Antworten. Nun, manchmal sind stille Wasser tief, der Schein trügt oder, in anderen Worten − man muss genauer hinsehen, um gewisse Dinge zu sehen und schlussendlich zu begreifen.

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“Ich habe eine gute Freundin, die in einem fernen Land auf einer tropischen Insel genau zwischen zwei Vulkanen lebt,…” Bild: Ma San

Wo es hakt in Nicaragua
Meine Freundin, die auf jener Insel namens Ometepe lebt, ist ein solcher Jemand, der genau hinsieht. Die Probleme in Nicaragua sind vielfältig, und wie überall auf der Welt haben sie auch hier ihren Kern in der Armut. Nicaragua ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas, ja sogar auf de Welt. Nahezu die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Das Bruttojahreseinkommen lag im Jahr 2014 gerade mal bei 1.830 US Dollar. Das sind schlappe 150 Dollar im Monat und gerade mal fünf pro Tag. Es wundert also nicht, dass es im Jahr 2005 zu einer schweren Hungersnot kam, von der sich das Land bis heute nicht vollständig erholt hat.

“Ich möchte dabei helfen, dass Nicaragua in dieser Situation nicht mit multinationalen und ausschließlich profitorientierten Pharma- und Agrarunternehmen allein gelassen wird.” (Ronny Gay, Vorstandsvorsitzender Sanito Deutschland)

Hinzu kommt die prekäre Arbeitsmarksituation. Mehr als die Hälfte aller Nicaraguaner arbeitet ohne formelles Arbeitsverhältnis, was wiederum auf das verkorkste Bildungswesen zurückzuführen ist, das chronisch unterfinanziert ist. Dieser Rattenschwanz zieht sich fort wie konzentrische Kreise eines Steins, den man ins Wasser wirft. Das Rollenbild der Frau zum Beispiel, bei dem man von Gleichberechtigung , trotz einiger Fortschritte in jüngster Vergangenheit, noch lange nicht sprechen kann. Mangelhafte oder nicht vorhandene Bildung schleicht sich bis in die eigenen vier Wände und macht auch vor der Gesundheit nicht halt. Exemplarisch dafür steht die innerhäusliche Rauchverschmutzung durch eine sehr zweifelhafte Art des Kochens. So wird zum Entfachen des Kochfeuers Müll verbrannt, mit schlimmen gesundheitlichen Konsequenzen für die ganze Familie. Man weiß es schlichtweg nicht besser.

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Das Bruttojahreseinkommen lag im Jahr 2014 gerade mal bei 1.830 US Dollar, das sind schlappe 150 Dollar im Monat und gerade mal fünf pro Tag. Bild: Ma San

Der Kern des Problems
Bildung ist auch die Ursache dafür, dass man sich hier zuweilen miserabel ernährt, obwohl man einen Berliner Biomarkt in Windeseile allein mit dem füllen könnte, was man an einem typischen nicaraguanischen Straßenrand aufsammelt. Reis, Bohnen und Zucker sind die Favourites, während im Garten die Moringa – eine der gesündesten je gefundenen Pflanzen der Welt – nahezu unangetastet vor sich hin wächst. Mangelerscheinungen sind die Folge, teils in massiver Form. So sind schwerwiegende Sehstörungen bei Kindern keine Seltenheit. Einmal krank, gibt es so gut wie keine Aussicht auf Heilung bei Leiden wie diesen, denn der Zustand des Gesundheitssystems ist in jeglicher Hinsicht desolat. Die wenigsten Nicaraguaner sind überhaut sozialversichert und haben allenfalls Zugang zu schlecht ausgestatteten Krankenhäusern, welche die Bevölkerung nicht einmal annähernd adäquat versorgen können. Auf die Gesundheit wirkt sich auch der vielerorts noch immer nicht vorhandene Zugang zu sauberem Trinkwasser aus.

“…Umso wichtiger erscheint mir jegliche Hilfe zur Selbsthilfe, wie Sanito sie anbietet. Meine Motivation ist es, Menschen und Projekte über Kontinentalgrenzen hinweg zu vernetzen.” (Isabelle Sperlich, Schriftführerin Sanito Deustchland)

Dieser Zustand hat natürlich etwas mit Abwässern zu tun, die man unbekümmert in Seen und Flüsse ableitet. What goes around, comes around! oder in anderen Worten – Teufelskreis. Der Mensch schafft sich seine Lage selbst und verschlimmert diese auch selbst durch die Art und Wiese, wie er handelt. Das macht er zum Beispiel, indem er seine Wälder zerstört. Nicht irgendwelche Wälder, sondern einzigartige tropische Paradiese, in denen das ökologische Gleichgewicht an einem seidenen Faden hängt. Der Profit wirkt nur kurz, die Folgen aber währen lange nach. Wasserquellen versiegen und Böden werden unfruchtbar, so einfach ist das! Durch fehlende Wälder haben es die Hurrikans, Erdbeben, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche, die hier saisonal vorkommen, noch leichter, kurzen Prozess zu machen. Auch infrastrukturell ist Nicaragua ein Entwicklungsland. Das Stromnetz ist genauso unzureichend wie die Müllentsorgung, der öffentliche Nahverkehr oder der Zustand der Straßen.

Managua
Auch Infrastrukturell ist Nicaragua ein Entwicklungsland. Bild: Ma San

Die Insel Ometepe
All das ließ meine Freundin nicht mehr los, als sie damals, es war das Jahr 2011, hierher kam. Herzlich egal hätte ihr all das durchaus sein können. Mit einem Wirtschaftsstudium in der Karriereschublade stellen sich meistens ganz andere Fragen im Leben eines jungen Menschen, der das seltene Glück hatte, durch das Privileg der Geburt in einer westlichen Industrienation zu den reichsten Menschen dieser Welt zu gehören. Die Wahl des Sportwagens und des passenden Fitness-Studios zum Beispiel. Die Lage des Einfamilienhauses und den monatlichen Tilgungsraten. Die Frage, ob man den Jahresurlaub in der Thailändischen Andamanensee oder lieber doch in Kenia verbringen möchte. Mit solchen Fragen im Kopf wäre sie wohl wie die meisten Touristen auf dem Rücksitz eines Motorrollers an all dem vorbeigefahren.

“Es gibt viele Dinge, die gemeinschaftlich in kleinen Schritten verbessert werden können!” (Manja Gay)

Hätte nicht bemerkt, dass die Menschen am Straßenrand, deren Gesichter wie der Fahrtwind an ihr vorbeiziehen, sich solche Fragen in ihrem Leben niemals würden stellen können. Oder besser gesagt, “dürfen”. Tat sie aber nicht! Was sie tat war, Fragen zu stellen, zum Beispiel diese hier: Wie könne sie sich einbringen und den Status Quo verbessern, ohne dabei zu wirken wie der in der Köpfen der Nicaraguaner omnipräsente Europäer mit erhobenem Zeigefinger. Ohne zu wirken wie der weiße Mann, der immer besser weiß, wo es lang geht, unterm Strich aber seit seinem Auftauchen auf dem amerikanischen Kontinent wenig mehr mitgebracht hat als Unterdrückung, Tod und Terror. Wie könne sie als Einzelne etwas bewirken auf dieser Welt? Aus dieser Frage wurde ein Leben auf Ometepe, ihre neue Heimat. Aus dieser Frage wurde Sanito.

Sanito
Freiwilliges Engagement, verantwortungsbewusstes und gerechtes Handeln sind die obersten Tugenden von Sanito. (Logo von Sanito)

Sanito
Sanito geht auf den Begriff sano zurück, dem spanischen Wort für gesund. Und damit erklärt sich auch gleich, was sich die ehrenamtliche Initiative auf die Fahnen geschrieben hat, nämlich die Gewährleistung des Rechts auf Gesundheit für alle Menschen in Nicaragua. Ein ambitioniertes Ziel, dass sich komplex verteilt auf viele kleine Stellschrauben, die es zu drehen gilt, um Veränderungen zu bewirken. Zunächst einmal beginnt es mit dem Wesentlichen, mit der Ernährungssicherung, die im Idealfall durch eine nachhaltige, ökologische und regionale Landwirtschaft erreicht wird. Weil mit dem Erreichen dieses Ziels gleichermaßen die Armut bekämpft und Umweltrisiken vermieden werden, verbessert sich die Lebensqualität der Menschen insgesamt. Die Lösung dieser grundsätzlichen Probleme soll letztlich das soziale Gefüge stärken und sich in geistiger und kultureller Hinsicht bemerkbar machen.

Große Ideen haben ihren Ursprung im Herzen
Große Ideen sind das, die bekanntlich im Herzen beginnen. Wenn sie aber Realität werden wollen, dann braucht es um das Herz herum auch einen starken Körper, sonst kann die Idee nicht leben. Diesen Körper bildet ein ganzes Team junger Menschen, welche in zwei Vereinen aktiv sind, welche gemeinsam Sanito bilden. Das ist zum einen der gemeinnützige deutsche Verein Sanito – Förderverein für gesundes Leben in Nicaragua e. V., zum anderen die vor Ort aktive Asociación Sanito Nicaragua. Beginnen wir in Deutschland. Hier werden durch Fundraising Gelder eingesammelt, wichtige Aufklärungsarbeit geleistet und Freiwillige rekrutiert. Man möchte als zuverlässiger Partner der Entwicklungszusammenarbeit mit Lateinamerika auftreten, das Bewusstsein in Deutschland für globale Probleme speziell in der Gesundheitsvorsorge schärfen und somit zur Völkerverständigung zwischen Deutschland und den Menschen in Nicaragua beitragen. Da man aber nicht ganz Südamerika und auch nicht ganz Nicaragua auf einmal retten kann, fing man im Kleinen anzufangen, und zwar auf Ometepe. Von dort aus zieht seinerseits Sanito konzentrische Kreise, nur diesmal eben positive, welche den Problemen entgegenwirken. Auf Ometepe ist Sanito hervorragend, konnte sich profilieren und weitreichende Erfahrung sammeln.

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Unter dem desolaten Gesundheitssystem leiden vor allem die Kinder. Bild: Ma San

Hilfe zur Selbsthilfe
Freiwilliges Engagement, verantwortungsbewusstes und gerechtes Handeln sind die obersten Tugenden von Sanito. Nur so entsteht Vertrauen und nur so gute Arbeit, auf die man stolz sein kann. So sind alle Projekte von der Durchführungsplanung bis hin zum Spendenfluss transparent dargestellt. Ein Projekt kommt nur dann zur Durchführung, wenn es in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht sinnvoll ist. Alle Projekte werden selbständig vor Ort und von der lokalen Bevölkerung geplant und durchgeführt. Jede Spende fließt ausschließlich in die Projekte und nicht in die Taschen des Personals. Auf diese Weise wurde bereits eine ganze Reihe von Projekten erfolgreich umgesetzt. Das Moringa-Projekt zum Beispiel.

“Ich bin stolz, Teil von Sanito zu sein – einer gemeinnützigen Organisation, die von sieben ganz besonderen Freunden gegründet wurde, um gemeinsam soziale Veränderungen zu bewirken und die Lebensqualität zu verbessern.” (José Alberto Díaz Castillo, Sanito Nicaragua)

Wie schon erwähnt, ist einseitige Ernährung in Nicaragua an der Tagesordnung mit den typischen Folgen von Mangelerscheinungen. Grotesk erscheint dieser Umstand, wenn man bedenkt, dass der Baum des Lebens, denn diesen Ruf genießt Moringa weltweit, dieses Problem mit seinen nähstoffreichen Blättern in Windeseile lösen könnte. “Könnte”, denn die Wirkungsweise des Baums sind in weiten Teilen, so auch auf Ometepe, völlig unbekannt. Man greift lieber zu Reis, grünen Bohnen und Käse statt zum grünen Bäumchen. Sanito greift hier ein, in dem man die Blätter trocknet, mahlt und in Gläsern der Bevölkerung nahebringt, mit großem Erfolg. Aufklärung und Bildung, Hilfe zur Selbsthilfe lautet also das Stichwort, das nicht nur bei diesem Projekt greift.

Amigos de Ometepe
“…Es geht um viel mehr, nämlich um ein insgesamt ausgeglichenes Verhältnis von Mensch und Natur…” Bild: Ma San
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Das Ökosystem auf Ometepe ist einzigartig. Die Menschen müssen lernen, im Einklang mit mit der Natur zu leben und ihre Umwelt zu schützen. Bild: Ma San

Bedachtsame Aufklärung
Auf Ometepe wird gerne Müll zum Kochen in den eigenen vier Wänden verbrannt. Einmal abgesehen, wie die Wände aussehen – nämlich rabenschwarz – ist ein solches Verhalten extrem gesundheitsschädlich. Ein Bildungsproblem, verursacht durch Armut, dass sich mit bedachtsamer Aufklärung in den Griff kriegen lässt. Durch diese Aufklärungsarbeit verbessert Sanito das Leben vieler Familien signifikant und nimmt in diesem Zuge ein viel größeres Ziel ins Visier. Es geht um viel mehr, nämlich um ein insgesamt ausgeglichenes Verhältnis von Mensch und Natur. So auch beim Projekt Amigos de Ometepe, das Sanito mitunterstützt. Zunehmender Tourismus und größer werdende Agrarflächen am Vulkan Maderas hinterlassen sichtlich ihre Spuren.

“Bis vor einigen Jahren habe ich mich gar nicht so sehr für die Entwicklung unserer Gesellschaft interessiert. Erst während meines Studiums der Informatik begann ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen.” (Yilmer Antonio Castillo Menocal, Sanito Nicaragua)

Tierarten werden verdrängt, die Umwelt zerstört. Das Schutzprogramm Amigos de Ometepe ist ein moderner Ansatz, diesen Raubbau zu stoppen. Tourveranstalter kassieren drei Euro von ihren Kunden. Dieses Geld fließt in die Konservierung der Landwirtschaft, an ausgebildete Parkaufseher und an übergreifende Schutzprojekte. So ist allen geholfen. Den Touristen, die eine unangetastete Natur vorfinden, einheimischen Organisationen wie der Kaffee-Finca-Magdalena, die auf ökologische Weise Kaffee produziert, und auch der einheimischen Bevölkerung, die nachhaltige Arbeitsplätze besetzt und lernt, im Einklang mit ihrer einzigartigen Natur zu leben.

Asociación Sanito Nicaragua
“Das Einzige, was mir unterm Strich jetzt fehlt, ist ein Nica-Libre. Ansonsten könnte ich prinzipiell jetzt sterben.” Bild: Ma San

Sanito unterstützen
Alle Infos zur Arbeit von Sanito findet ihr auf deren Website. Fünf, zehn, zwanzig oder fünfzig Euro tun nicht weh, können in einem Land wie Nicaragua jedoch Unglaubliches bewirken.

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In der Rubrik Südamerika findest du neben Artikeln über Nicaragua auch tolle Berichte von meinen Reisen in andere Länder des amerikanischen Kontinents, zum Beispiel Peru. Oder schau einfach in der Rubrik ‚unterwegs‘ nach, wo ich dir nicht nur Reiseziele auf der ganzen Welt vorstelle, sondern dich auch durch Abenteuergeschichten, geschichtlichen und kulturellen Themen inspiriere.

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