Peru

Die Cordillera Blanca in Peru

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Peru, Südamerika, unterwegs

Impressionen einer Trekkingtour im höchsten Gebirge des amerikanischen Kontinents

Schritt für Schritt gehen wir weiter in Richtung dieser riesigen, senkrechten Felswand, über deren schneebedeckten Gipfel ein großer Greifvogel – ist es ein Kondor? – seine Bahnen zieht. Es beginnt zu schneien, und wir ziehen uns die Kapuzen unserer Regenjacken über die Köpfe. Man hört nichts, keinen Ton, kein Vogelgezwitscher, kein Leben. Dieses nämlich findet nur selten den Weg in diese Höhen, die auch den Menschen nicht mehr willkommen heißt. Die Stille wird schließlich zerrissen durch ein lang anhaltendes Rumoren. Es ist der mächtige Chacraraju hoch über uns, der in diese unwirkliche Landschaft zu rufen scheint, dass er hier, und nur er der Boss ist. Vor dem letzten Anstieg drehe ich mich noch einmal um und sehe seine Geschwister, die vielen verschneiten Sechstausender dieses weißen Gebirges, das Dach Perus.

Anmerkung:
Dies ist der dritte und letzte Teil einer Peru-Reise. Der erste Teil, ‚Oh Peru‘, hatte bereits eine viertägige Wanderung von Cusco, der alten Hauptstadt der Inka, quer durch die Weiten der Anden bis zum sagenumwobenen Machu Picchu zum Thema. Der zweite Teil ‚Unterwegs im Amazonasgebiet‘ beschäftigte sich mit einer Reise tief in den peruanischen Regenwald.

Lima - Ein Panzerwagen der Polizei
Lima – Ein Panzerwagen der Polizei (Bild: Ma San/Martin Seibel)

Lima
In der Calle Jiron Puno, etwas außerhalb von Limas pulsierender Altstadt, warten wir in der Cevecheria Heydi auf unser Mittagessen. Das Restaurant wurde uns von der alten Rezeptionsdame unseres Hotels empfohlen, und macht angeblich die beste Ceviche der Stadt. Dass wir zum wiederholten Mal hier sitzen, gibt ihr auf subtile Weise Recht. Lima, was für eine eigenartige Stadt. Die meisten Touristen meiden Sie, was ein Grund uns ist, hierherzukommen auf unserer Durchreise in die Hochanden, nach Huaraz. Man spürt die kriminelle Energie dieses Ortes schon am Flughafen, sie ist dick in der Luft hängend deutlich spürbar. Der Weg in die Stadt mit dem Taxi, es gibt hier keine U-Bahn, führt durch Wohngebiete, dessen Häuser in unvollendetem Zustand, Gott weiß wie lange schon, ärmlich nebeneinander liegen in ihren traurigen Brauntönen. Viele Häuser sind mit Stacheldraht eingezäunt, auch das ein Indiz für das Gefahrenpotential. Der Taxifahrer sitzt in einem Käfig aus Gittern, und ich frage ihn, weshalb. Damit man ihm von hinten keine Schlinge um den Hals legen kann, entgegnet er mir. Zweimal wurde er bereits mit vorgehaltener Waffe überfallen. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter.

Ceviche - Ein Essen zum Verlieben
Ceviche – Ein Essen zum Verlieben (Bild: Ma San/Martin Seibel)

Über die Sicherheitslage in Südamerika kann man lange diskutieren. Es gibt Geschichten von Reisenden, die entführt, im Nachtbus ausgeraubt oder gezwungen wurden, mit ihrer Kreditkarte das Konto leer zu räumen, mit vorgehaltener Waffe versteht sich. Meine Meinung bezüglich Peru ist, dass, sofern man gewisse Regeln einhält, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Opfer eines Verbrechens welcher Art auch immer wird. Und trotzdem, in einer Stadt wie Lima sollte man immer wachsam sein. Unser Hotel ist im historischen Zentrum, was tagsüber als sicher, nachts aber als gefährlich gilt. Das merkt man z.B. an den Panzerwägen der Polizei, die hier und da die Staatsgewalt symbolisieren. Unsere inneren Warnleuchten sind also an. Obwohl wir nur zur Durchreise ins Gebirge hier sind, lohnen sich die zwei Tage Aufenthalt. Lima ist nicht nur kultureller, sondern auch kulinarischer Hotspot in Peru. Hier gibt es die besten Museen und die besten Restaurants. Es gibt Viertel mit kolonialem Touch wie das bunte Baranco, das bei Gringos beliebte Viertel Miraflores mit ausgeprägten Nachtleben, und das historische Zentrum mit seinen vielen engen Gassen und alten von den Spaniern gebauten Kirchen.

Bunte Hausfassade im Viertel Barranco, Lima
Lima – Das farbenprächtige Stadtviertel Baranco (Bild: MaSan/ Martin Seibel)

Huaraz
Unser Bus verlässt Lima am späten Abend in einer Gegend, in der ich mich nicht trauen würde, zu dieser Zeit auch nur um den Block zu laufen. Als sich der Bus in Bewegung setzt und durch den zähen Verkehr an den finsteren Außenbezirken vorbei krächzt, blicke ich hinaus in diese Trostlosigkeit aus Baracken, Plastiktüten und fehlender Freude in den Gesichtern von Menschen, die in Staub getränkt ihres Weges gehen. Irgendwann fallen meine schweren Augen zu, um sich acht Stunden später und 3.100 Meter höher in einer anderen Welt wieder zu öffnen. Als ich den Vorhang zur Seite ziehe, sehe ich sie unvermittelt in der Ferne, die verschneiten Gipfel der weißen Kordilleren. Wir sind nicht mehr weit weg von der Gebirgsstadt Huaraz, und ehe wir uns versehen, rollen wir auch schon rückwärts in die Busstation ein. Am westlichen Rand der Cordillera Blanca im Tal Callejón de Huaylas der Region Ancash gelegen, meinte es das Schicksal zunächst nicht gut mit der Stadt. Nachdem sie 1941 von einer fürchterlichen Lawine und 1970 von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde, erholte sie sich wieder in den neunziger Jahren durch den Tourismus, denn Huaraz gilt als Mekka für Bergsteiger und Trekker.

Sechstausender bei Huaraz, Peru
Auf dem Weg nach Huaraz (Bild: Ma San/Martin Seibel)

Unter Bergsteigern
Für drei Soles laden wir unsere Rucksäcke in den Kofferraum eines Taxis, das uns alsbald durch die schon am frühen Morgen belebten Straßen bergauf Richtung Norden, raus aus der Innenstadt zu unserer Unterkunft fährt. Die Albergue Churup ist eine echte Bergsteigerabsteige, wie aus dem Bilderbuch. Die Rezeption ist gespickt mit Wander- und Kletterkarten sowie Adressen Bergführen. In Vitrinen werden Karabiner und Seile zum Verkauf angeboten.

Straßenszene in Huaraz
Huaraz (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Die ganze Herberge ist aus Holz gebaut, und bei jedem Schnitt knarrt der Dielenboden unter dem bemusterten peruanischen Teppich. Als wir ankommen, schläft noch alles, doch Gruppen zusammengestellter Rucksäcke deuten auf einen baldigen Aufbruch hin. Erst mal frühstücken, sagen wir uns, und man weist uns den Weg ganz nach oben, wo wir in einen großen Gemeinschaftsraum eintreten. Sofas gruppieren sich um einen riesigen Kamin und die Fantasie hat es leicht, sich die vielen Kletterer vorzustellen, die sich hier im Schein des Feuers ihre Abenteuer erzählen, während draußen die kalten Winde der Nacht toben.

Die Cordillera Blanca
Riesige Panoramafenster lenken den Blick über die Stadt hinweg in die herrliche Umgebung der Cordillera Blanca , der weißen Kordillere, so benannt wegen ihrer starken Vergletscherung. Mehr als 50 Gipfel über 5.700 Meter bilden über eine Länge von fast 200 Kilometern die höchste Gebirgskette des amerikanischen Kontinents und eine der imposantesten Berglandschaften der Welt. Verdeckt durch seine mir näherstehenden Geschwister, muss nördlich von mir der mächtige Huascarán liegen, mit 6.768 der höchste Berg des Landes, und etwas weiter nördlich der Alpamayo (5.947m), der für viele als schönster Berg der Welt gilt. Die Erstbesteigungen der Vielzahl der Gipfel unternahmen, angelockt von der majestätischen Kulisse, deutsche und österreichische Bergsteiger bereits in den 30er Jahren. Zwischen der weißen Kordillere und dem Pazifik existiert noch eine weitere Gebirgskette, die Cordillera Negra, so genannt, weil sie sich im Gegensatz zu ihrer großen Schwester komplett schneefrei zeigt. Große Teile sind seit 1975 Nationalpark und stehen unter Schutz. Von Mai bis September, wenn es trocken ist, strömen Bergsteiger und Trekker nach Huaraz, seit jeher idealer Ausgangspunkt für Touren in die Hochgebirgsregion der Umgebung.

Stadtansicht von Huaraz, Peru
Huaraz (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Wilcacocha
Deshalb sind auch wir hier. Zwar wollen wir keinen Sechstausender besteigen – noch nicht – aber dennoch einen Eindruck von den peruanischen Anden bekommen, und dazu gibt es hier unendlich viele Möglichkeiten. Die beste Art und Weise, dies zu tun, ist den berühmten Santa Cruz Treck über mehrere Tage zu wandern, der über einen Rundweg durch den Parque Nacional de Huascarán führt und zu den schönsten Trekkingrouten der Welt gehört. Leider fehlt uns dazu die Zeit, weswegen wir uns ein alternatives Ziel setzen, die berüchtigte Lagune 69, das Juwel der Kordilleren. Auf 4.600 Metern gelegen, bedarf es mal wieder einer schrittweisen Akklimatisierung. In zwei Tageswanderungen wollen wir uns langsam an die Höhe gewöhnen und erst dann denn Aufstieg zur Lagune in die eisigen Höhen der Lagune 69 wagen. Die kleine Schwester, die Lagune Wilcacocha auf 3752 Metern, eignet sich hierfür hervorragend. Es macht sich bezahlt, spanisch zu sprechen in Südamerika, denn so können wir einen solchen Tagesausflug selbstständig unternehmen. Nachdem wir unsere nach der Nachtfahrt verbliebene Müdigkeit ausgeschlafen haben, machen wir uns auf den Weg zur Markthalle, wo wir mit einem Collectivo, einem kleinen öffentlichen Bus, aus der Stadt fahren wollen.

Meerschweinchen in einem Tragenetz
Meerschweinchen sind in Peru eine Spezialität (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Rund um die Markthalle geht es wild zu. Frauen in den bunten Gewändern der Anden, mit wunderschönen Hüten und Brillen mit runden Gläsern feilschen um die Preise von Gemüse, Brot und Fleisch der vielen Verkäufer, die wild rufend ihre Produkte verkaufen wollen. Männer ziehen riesige mit Obst und Gemüse gefüllte Wägen hinter sich her, und hier und da sieht man Netze mit lebenden Meerschweinchen, eine Delikatesse hier in Peru.

Zwei peruanische Frauen in traditioneller Kleidung
Huaraz (Bild: MaSan/Martin Seibel)

In der Halle decken wir uns für den Tag ein, kaufen Brot, Käse, Obst und Wasser und mit voll bepackten Rucksäcken fragen wir nach dem Bus. Man weist uns den Weg über die Straße, die einem bunten Gewusel aus Menschen und Autos, die in alle Himmelsrichtungen laufen und fahren, gleicht. Und da kommt er auch schon, der kleine Collectivo mit der großen Nummer 10, der uns aus der Stadt bringen soll. Ich schaue den Fahrer an, frage „Wilcacocha“, er bejaht und wir steigen ein. Auf dem Weg raus aus der Stadt hält er hier und da an, um weitere Mitfahrer einzusammeln, denn ein Bus in Südamerika ist immer, immer voll. Auf die Plätze vor uns setzt sich ein altes Paar in ihren Trachten der Anden. Was für schöne Menschen diese sind, denke ich. Ihre Gesichter gezeichnet von den erbarmungslosen Gezeiten, von brennender Sonne und eisigem Wind. Die pechschwarzen, traurigen Augen, die mehr erzählen, als es ein Buch vermag. Eine halbe Stunde später hält der Bus in einer Kurve auf der Landstraße an der Brücke Puenta Santa Cruz. D er Fahrer dreht sich zu uns um und sagt, „Wilcacocha.“ Wir werfen uns die Rucksäcke auf, geben ihm ein paar Soles und verlassen den Bus. Als wir eine kleine über einen Fluss ragende Brücke überqueren, stehen wir vor einer alpin anmutenden Landschaft, die steil hinauf ragt zu unserem Ziel. Zweimal durchatmen und los geht es.

Panorama der Cordillera Blanca in Peru
Wilcacocha – Blick von der Cordillera Negra auf die Cordillera Blanca (Bild: MaSan/ Martin Seibel)

Es ist wie Medizin, das Wandern, so finde ich immer wieder. Ein, zwei Schritte, und schon hat man alles um sich herum vergessen, die anstrengende Fahrt, die Geräusche der Stadt, stattdessen hört man seine eigenen Schritte, die Gesänge der Vögel und das Summen von Bienen. Unser Weg führt uns über Zickzackpfade immer weiter den Berg hinauf, vorbei an letzten einzelnen von Hunden bewachten Höfen, die wir Irgendwann hinter uns lassen. Nach drei Stunden erreichen wir die auf 3.752 Metern liegende Lagune und sind zunächst etwas enttäuscht ihrer kleinen Größe wegen. Doch also wir uns umdrehen, offenbart sich uns der Grund, warum sich die Wanderung hierher lohnt. In weiter Ferne, von einem riesigen Tal getrennt, offenbaren sich die zahllosen schneebedeckten Gipfel der Cordillera Blanca vor uns. Wir werfen unser Gepäck auf den Boden, bereiten ein kleines Picknick vor und blicken hinüber in diese Welt aus Schnee, die unser nächstes Ziel sein wird.

Eine Hochgebirgslagune
Wilcacocha (Bild: MaSan/Martin Seibel)

La Laguna 69
Nach einem weiteren Tagesausflug über hohe Gebirgspässe zur archäologischen Stätte Chavin de Huántar – eine Kultur, die bis 250 v. Chr., also lange vor den Inka in Peru lebten – sind wir bereit für unser letztes großes Ziel in Peru, die Lagune 69 im Herzen der weißen Kordilleren . Auf stolzen 4.600 Metern gelegen, wird es viel von uns abverlangen, denn selbst unsere Wanderung zum Machu Picchu führte uns nicht in solche Höhen. Früh morgens holt uns der Bus in unserer Herberge ab, und danach peu a peu noch weitere Trekker in verschiedenen Unterkünften abzuholen. Der Fahrer des Busses fährt mal wieder, wie die meisten, wie eine gesengte Sau, als gebe es kein Morgen, aber das ist leider normal in ganz Südamerika und ich hoffe mal wieder, dass ich auch diese Fahrt überleben werde. Wir verlassen die Stadt in Richtung Norden, geradewegs zu auf die höchsten Berge des Landes, und irgendwann verlassen wir die Landstraße, um uns auf immer steiler werdenden Serpentinen den Weg in die Höhe zu bahnen. Irgendwann taucht er dann auf, ganz unverhofft hinter eine Kurve, und ich muss schlucken, als mir ein Schauer über den Rücken läuft – der mächtige Huascarán. Mit 6.768 Metern ist er der mächtigste Berg in dieser Welt des Eises.

Der Huascaran, Perus höchster Berg
Der Huascarán – Perus höchster Berg (Bild: Ma San / Martin Seibel)

Wir passieren ihn in sicherer Distanz und fahren auf einer kleinen Schotterstraße weiter ins Gebirge. Auf dem Weg machen wir Halt an einem großen, blauen Gebirgssee, dem Llanganuca Chinancocha. Nachdem wir auch den etwas höher gelegenen See Llangunaca Orconcocha passieren, sind wir kurz darauf an unserem Ausgangspunkt, dem Tal Cebollapampa auf 3.900m Höhe. Der Fahrer des Busses weist uns nur unfreundlich mit dem Finger den Weg und deutet auf seine Uhr, dass er ganz genau sechs Stunden, und keine Minute länger, auf uns warten wird. „Danke auch“, du Pappnase, denke ich insgeheim über unseren unfreundlichen Fahrer. An der Stelle soll erwähnt werden, dass sich in Huaraz viele solcher Zeitgenossen herumtreiben, und dass man sich vor allem bei geführten Touren, die unsere ist keine, seine professionellen Begleiter sehr genau aussuchen sollte.

Wieder mit unseren Rucksäcken bepackt, durchwandern wir also Cebollapampa, jenes Tal, dass auch als Basislager für Expeditionen zum 5.752 Meter hohen Nevado Pisco dient. Immer weiter gehen wir entlang eines sich durch das Tal schlängelnden Baches, bis am Rand des Tals unser steiler Aufstieg nach oben beginnt. Mit zunehmender Höhe weicht das satte Grün der Wiesen dem Grau von Stein und Fels, die Bäume kleineren Gewächsen, und die Geräusche von Vögeln und Insekten denen des Windes und den einsam die Kanten der Berge hinabfallenden Wasserfällen. Von nun an wird es mühsam.

Die Laguna Chinancocha bei Huaraz in Peru
Laguna Chinancocha (Bild: MaSan/ Martin Seibel)

Die Gruppe aus dem Bus hat sich aufgeteilt in viele kleine. Jeder hat sein eigenes Tempo – wir das unsere – das einem das Gesetz der Höhe auferlegt. Ab einem bestimmten Punkt macht sich jeder Meter in die Höhe bemerkbar, und wehe dem, der sich nicht darauf vorbereitet. Schwindel, Kopfschmerzen, Atemnot und Übelkeit können unvermittelt zuschlagen, wenn man sich zu schnell in zu große Höhen wagt. Wichtig ist es, genug zu trinken und vor allem, bevor man Durst hat. Ist man durstig, ist es schon zu spät. Man sollte mehrere kleine Portionen essen statt wenige große, weil sonst zu viel Blut in den Magen gerät, das wiederum den Muskeln fehlt. Bis 5.000 Meter kann sich der Mensch dauerhaft an Höhe gewöhnen und dort leben. Höher ist das nur ein paar Tage möglich, nicht länger.

Auf dem Weg zur Laguna 69 in Peru
Cebollapampa, 3900m (Bild: MaSan/ Martin Seibel)

Ab 7.500 Metern beginnt die Todeszone, in der man sich nur noch ein paar Stunden aufhalten kann. Der Luftdruck ist in solchen Höhen so gering, dass die Lunge nicht genug Sauerstoff bekommt und der Körper sich dadurch selbst in Ruhe nicht erholen kann, sondern immer weiter abbaut. In solche Höhen wagen wir uns zum Glück nicht, und unsere Akklimatisierungsausflüge in den Tagen zuvor machen sich bezahlt, so dass wir die ersten paar hundert Höhenmeter mühelos schaffen. Nach eineinhalb Stunden haben wir einen kleinen Gebirgssee erreicht und damit einen Großteil des Weges. Von hier aus erstreckt sich ein Tal bis zu den Ausläufern des mächtigen Gletschers Chacraraju, und nach einer Pause wandern wir schnurstracks auf eine riesige, hunderte Meter vertikal in die Höhe ragende Felswand zu.

Auf dem Weg zur Laguna 69
(Bild: Ma San/ Martin Seibel)

Einige Wanderer vor uns erscheinen winzig, wie Ameisen davor. Am Rand der Wand wird es richtig hart – die letzte Anhöhe, die steil in die Höhe ragt. Wir bewegen uns bereits weit über 4.000 Meter, und jeder weitere Schritt nach oben verlangsamt unser Tempo, verschnellert die Atmung. Ganz langsam gehen wir weiter, Schritt für Schritt. Die Landschaft um uns herum ist nun nicht mehr für den Menschen gemacht, erscheint fast feindlich. Nur Stein und Geröll, Schnee und Eis und eine Totenstille, es ist unheimlich hier oben. Auf halber Strecke inmitten des Anstiegs wird diese Ruhe durch ein heftiges Donnern zerrissen, dass noch lange nachhallt zwischen den Wänden der weißen Berge. Es sind die Gletscher des Chacraraju über uns, die uns sagen, wer hier der Boss ist, und dass wir nicht hierher gehören. Doch es ist nicht mehr weit, und nach einem letzten Kraftakt erreichen wie die Lagune 69  auf 4.600 Metern Höhe.

Gebirgskulisse nahe der Lagune 69
(Bild: Ma San/ Martin Seibel)

Wie ein Juwel liegt Sie da, vor dem Chacraraju, dessen Hängegletscher in die Tiefe bis fast ins Wasser hinein ragen. Dichter Nebel verbirgt den Riesen vor uns und lässt die kristallblaue Lagune vor uns wie einen mystischen Traum erscheinen. Ehe man sich versieht, würde man aufwachen, denke ich. Wir sind sichtlich erschöpft von nunmehr drei Stunden Marsch in die Höhe, doch glückglich lassen wir uns am Ufer der Lagune nieder, die in gespenstischer Stille vor uns liegt. Immer wieder hören wir ein dunkles Rumoren, mal in der Ferne, mal ganz nah, irgendwo aus dem Nebel kommend. Doch es ist bereits spät, und der Aufstieg, so viel wissen wir bereits, ist immer nur der halbe Weg. Irgendwo in der Tiefe wartet unser Busfahrer auf uns, und nachdem wir diesen fast sakralen Ort auf uns haben wirken lassen, ist es Zeit für den Abstieg. Immer wieder drehe ich mich um, bis das Blau des Wassers aus meinem Blickwinkel erlischt, und wir steigen wieder hinab, Meter für Meter.

Die blaue Lagune 69
Laguna 69

Abschied
Wieder im Bus, auf unserer Fahrt nach Lima, von wo aus wir den Flieger nach Hause nehmen werden, schaue ich aus dem Fenster in diese herrliche Landschaft, über die weiten Wiesen hinweg zu den Bergen im Hintergrund. Wie harmlos sie aussehen von der Ferne aus betrachtet. Doch, das weiß ich jetzt, dieser Schein trügt. Es ist Zeit, ein Resümee zu ziehen über diese Reise. Wie lässt einem Südamerika, wie lässt einem Peru zurück? Ich blicke aus Fenster des fahrenden Busses, und sehe plötzlich ganz andere Projektionen vor mir. Unsere tagelange Wanderung von Cusco über den Lares Pass bis zum Machu Picchu. Dieses Bild, als die ersten Fragmente der archäologischen Stätte im Nebel auftauchen, ich werde es nie vergessen. Es ist das endlose Grün der Wälder des Amazonas, die ich sehe. Die Kraft und Vielfalt der Natur in ihrer unerschütterlichen Schönheit, aber auch der Gedanke, dass wir im Begriff sind, dieses Wunder zu zerstören. Es sind Bilder von Gesichtern, die ich sehe. Gesichter von Menschen, denen ich hier begegnet bin und die diese Welt ganz anders sehen als wir, die trotz großer Armut das Lächeln nicht vergessen haben. Gesichter, die verraten, dass in unserem so fortschrittlichen Europa etwas auf der Strecke blieb – die Fähigkeit, sich des Lebens zu freuen, jeden Tag! Dann verdrängen die Berge wieder meine Träumereien. Schon bald werden sie hinter der letzten Kurve verschwinden. Sie sind ein Wunder, denke ich. Südamerika ist ein Wunder.

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MaSan
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