Flucht nach Shanghai

Veröffentlicht am Veröffentlicht in China, Impressionen

Warum Shanghai nach 1941 der letzte Zufluchtsort für in Deutschland lebende Juden war

Blickt man vom Shanghaier Bund, dieser Prachtstraße entlang des Flusses Huangpu, in Richtung Osten, sieht man ein Meer von Wolkenkratzern, die sich aus dem Geschäftsbezirk Pudong erheben, um die Wolken zu erklimmen. Sie stehen sinnbildlich für das neue China, das nach vorne schaut und sich wenig schert um die Vergangenheit. Richtung Westen aber, entlang und hinter der großen Prachtstraße selbst, reihen sich einige der ältesten, schönsten und prachtvollsten Gebäude der Stadt. Darunter das Peace Hotel und, etwas weiter westlich, das Astor House. Diese Gebäude stammen aus einer längst vergangenen Zeit, als sich eine kleine internationale Gemeinschaft von Geschäftsleuten hier niederließ und Shanghai zu nie dagewesener Blüte führte.

Einige dieser Geschäftsleute waren Juden, und ihre Spuren wiederum führen weg vom schönen Bund in Richtung Nordosten in eines der heruntergekommensten Viertel der Stadt – nach Hongkou. Die Geschichte wollte es, dass zu Zeiten des zweiten Weltkrieges abertausende Juden vor den Nazis hierher flohen, in das letzte Exil, das es nach 1941 noch gab, nach Shanghai, nach Hongkou. Doch auch hier endete ihre Odyssee nicht, denn der Wahnsinn folgte ihnen bis hierher. Heute leben kaum noch Juden in der Stadt, sie sind längst weg, doch wohin? ‚Flucht nach Shanghai‘, ein Artikel über ein hochspannendes historisches Ereignis.

Shanghai ghetto in 1943
Bild: Shanghai ghetto in 1943 (Aus Wikimedia Commons, dem freien Medienarchiv) / Street in the shanghai ghetto area around 1943

Weg, nur weg
1938, Reichspogromnacht, zerbrochene Scheiben überall. Ab jetzt ist ein Leben in Würde in jenem einst so beachteten Deutschland nicht mehr möglich. Wer nicht sowieso schon weit weg ist, für den wird es eng. Die allermeisten Staaten machen ihre Grenzen dicht und die Juden werden alleine unter Wölfen zurückgelassen. Von da an richtet sich ihr Blick gen Osten, nach China – nach Shanghai. Dort siegen die Japaner bei der Schlacht um die Stadt ein Jahr zuvor, und seitdem gibt es kein Einreiserecht mehr, was so viel bedeutet, dass man ohne gültiges Visum einreisen kann. Damit ist die Stadt an der Mündung des Yangtse die Hoffnung verzweifelter und verfolgter Juden geworden, nach dem Jahr 1941 sogar die Einzige. Schwieriger als die Einreise nach Shanghai gestaltet sich allerdings die Ausreise aus Europa, denn dazu bedarf es einer Genehmigung, die schwer zu bekommen ist.

Es sind oft die Taten einzelner, die in dunkler Stunde hell leuchten und Hoffnung spenden, wo der Horror herrscht. Ha Feng Shan ist einer von ihnen. Als chinesischer Generalkonsul in Wien erteilt er zwischen 1938 und 1940 ohne Erlaubnis seines Vorgesetzten jeden Monat hunderte solcher Genehmigungen und rettet damit tausende Menschen vor den Konzentrationslagern. Nicht einmal seine Familie weiß von seinen Taten. Später wird man ihn als Gerechten unter den Völkern gedenken und seine Tochter wird sich an die Arbeit machen, den Taten ihres Vaters, der 1997 stirbt, nachzugehen und diese niederzuschreiben. Die Überfahrt nach China erfolgt dann mit Dampfschiffen aus italienischen Hafenstädten, aus Genua und Neapel und groteskerweise in luxuriösen Dampfschiffen. Manche Passagiere verschwinden in Ägypten und versuchen, illegal nach Palästina zu gelangen, doch für die allermeisten endet die Reise in Shanghai.

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Bild: Old Jewish ghetto Shanghai (Aus Wikimedia Commons, dem freien Medienarchiv) / Houses in the former Jewish ghetto, Shanghai, China, 10. September 2007, Urheber: gruntzooki

Ankunft in der Fremde, mittel- und heimatlos
Die Ankunft in Shanghai ist für die meisten Flüchtlinge wohl weit mehr als ein Kulturschock, als sie mit ihren wenigen Habseligkeiten nach wochenlanger Überfahrt wieder Land betreten. Die Kultur, die Sprache, die Hitze, alles ist neu und das alte Leben für alle Zeit ausgelöscht. Doch auch hier in der Ferne erwartet sie ein Stück Heimat. Zwei jüdische Gemeinden, unter ihnen die Baghdadi, sind bereits seit langer Zeit ansässig. Nach den Opiumkriegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zieht es viele von ihnen hierher, zusammen mit einer Schar Geschäftsleuten aus Amerika, England und auch Deutschland. Sie betreiben Handel, werden reich und legen die Grundsteine, die aus einer schäbigen Hafenstadt eine Weltmetropole machen werden. Prächtige Gebäude entstehen entlang dem Bund, dieser Prachtstraße, die noch heute jeden Tag zehntausende Touristen aus aller Welt anzieht. Zunächst läuft es gut für die Ankömmlinge, die sich in der Stadt niederlassen, Geschäfte eröffnen und das Beste aus ihrer Situation machen. Doch die Nazis richten ihren Blick bereits gen Osten.

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Bild: Girls of the Shanghai Ghetto (Aus Wikimedia Commons, dem freien Medienarchiv) / A Jewish girl and her Chinese friends in the Shanghai Ghetto during WWII / from the collection of the Shanghai Jewish Refugees Museum

Das Shanghaier Ghetto
Die größte Einwanderungswelle findet zwischen 1937 und 1939 statt. 1941 kommen die Letzten über den Landweg ins Land. Im Dezember gleichen Jahres, die Japaner überfallen Pearl Harbour, ist auch eine Einreise nach Shanghai unmöglich. Jetzt steigt auch in hier der Druck auf die jüdischen Ankömmlinge. Die mit Deutschland verbündeten Japaner werden von den Nazis dazu gedrängt, ein Ghetto zu errichten, und bis 1942 werden alle jüdischen Einwohner im nordöstlich vom Zentrum gelegenen Armutsviertel Hongkou angesiedelt. Die schiere Masse von 20.000 bis 30.000 Menschen überfordert die Japaner und die Zustände in dem nur etwa 3 Quadratkilometer großen Areal sind denkbar schlecht. In den zwei bis dreigeschossigen Gebäuden leben bis zu zehn Menschen in einem Raum, acht Zimmer teilen sich ein WC. Es gibt wenig zu essen, keine Medizin, keine Arbeit, und dennoch schaffen es die Menschen, ein intaktes Gemeindeleben zu führen.

Dies gelingt unter anderem durch die Unterstützung der alteingesessenen Baghdadi, die zum Bau einer Moschee, von Schulen und sogar zum Druck einer Zeitung beitragen. Doch mit zunehmenden Kriegsereignissen wie Pearl Harbour werden die Bedingungen immer härter. Die Hilfe der Baghdadi wird untersagt, eine Ausgangssperre verhängt und das Shanghaier Ghetto so zu einem Gefängnis gemacht. 2.000 Menschen werden dieses nicht überleben. Und dennoch, das Leben in Shanghai, so schlimm es auch ist, bedeutet das Überleben des Holocaust. Natürlich planen die Deutschen mit dem Shanghaier Ghetto die Ermordung der dort lebenden Juden durch die Japaner bzw. drängen diese zu deren Auslieferung. Nach einer Überlieferung von Warren Kozak, einem amerikanischen Journalisten, rief ein ranghoher japanischer Militär die Führer des Ghettos zusammen und fragte sie: „Warum hassen euch die Juden so sehr?“ Rabbi Shimon Sholom Kalish antwortete: „Weil wir aus dem Orient stammen.“ Die Japaner widersetzen sich den deutschen Befehlen.

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Vergessen
1944 fliegen die Amerikaner Luftangriffe auf Shanghai, das ein Jahr später endgültig von den Japanern befreit wird. Fast alle Juden verlassen die Stadt in Richtung Australien, Amerika und später in den Staat Israel, der wenige Jahre später gegründet wird. So sind sie verschwunden, die jüdischen Friedhöfe mitsamt ihren Grabsteinen. Beschriftungen alter Geschäfte werden überdeckt von neuer Farbe und die engen Häuser bewohnt von Chinesen. Dass Hongkou nicht den Planierraupen der Modernisierung zum Opfer fällt, die das Innenstadtviertel schon längst im Visier haben, ist bemerkenswert in Shanghai, das eigentlich rigoros alles dem Erdboden gleichmacht. Man möchte das Viertel teilweise erhalten, weil man touristisches Potential erkennt. Die alte Ohel Moishe Synagoge wird restauriert und es gibt sogar ein Museum, sehr zur Freude von vielen Enkeln und Enkelinnen ehemaliger Ghettobewohner, die hier die Spuren ihrer Großeltern aufsuchen und ihnen gedenken wollen. In besonderem Maße ist es auch Einzelnen zu verdanken, die sich für den Erhalt des Viertels einsetzen. Die erkannt haben, dass erinnert werden muss an das, was sich hier ereignete. Einer von ihnen ist der israelische Journalist Dvir Bar-Gal, der in Shanghai lebt und auch als Reiseleiter Gruppen durch Hongkou führt. Das Shanghaier Ghetto ist ein weitgehend unbekanntes, doch unsagbar spannendes, interessantes und wichtiges Kapitel der Geschichte. Umso erfreulicher ist es, dass Shanghai sich hier entschlossen hat, zwischen den vielen Wolkenkratzern ein Stück Geschichte zu bewahren.

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MaSan
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