Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede (Buchrezension)

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Haruki Murakamis Hommage an das Laufen

Es ist gut möglich, dass Haruki Murakami in diesem Moment irgendwo auf der Welt, vielleicht in Tokio, in Hawaii oder entlang des Charles River in Harvard, gerade läuft und dabei Musik der Rolling Stones hört. Über viele Jahre nimmt er an einem Marathon pro Jahr teil, trainiert dafür fast täglich. Doch ist dies kein Buch über das Laufen, sondern über das Schreiben. Die Sache ist nun die – für den wohl bekanntesten japanischen Autor bedingt das eine das andere. Wer das Schreiben als rein intellektuelle Tätigkeit begreift, wird hier eines besseren belehrt – Laufen ist weit mehr als ein Sport, viel mehr. Beim Laufen geht es ums Innehalten, um das alleine sein mit sich selbst, um das Erreichen dieser sonderbaren Leere, in die kein Gedanke mehr eindringen kann.

Ein Baseballspiel
Mit 30 Jahren, bis dato ein Betreiber eines Jazzclubs in Tokio, fasst Haruki Murakami während eines Baseballspiels den Entschluss, zu schreiben. Einfach so, weil er ein starkes Gefühl danach hat. Dabei besitzt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Füller. Seine ersten Werke, Hear the Wind sing und Pinball, erreichen direkt große Aufmerksamkeit. Es ist sein Wesen, bei allem, was er er tut, einhundert Prozent zu geben. Versagen ist für ihn nie eine Option. “If something’s worth doing, it’s worth doing it your best.“ So verkauft er gegen den Rat vieler Freunde seinen gut gehenden Club und widmet sich ganz seiner neu entdeckten Leidenschaft. Nebenbei übersetzt Werke von F.Scott Fitzgerald (The Great Gatsby). Sein Folgewerk A Wild Sheep Chase bringt zwar nicht den Durchbruch, doch markiert schließlich den Startpunkt deiner Karriere. Das viele Rauchen und zunehmendes Gewicht hinterlassen langsam sichtbare Spuren. Irgendetwas müsse er tun, um in Form zu bleiben. So kommt Murakami zum Laufen. Oder besser gesagt, das Laufen kommt zu ihm.

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„There’s no such thing as winning or losing.“

Warum man läuft und warum man dabei bleibt
Langlauf passt, so sagt er, ganz einfach zu seiner Persönlichkeit, dass sei einfach so. Deshalb hören viele damit auch wieder auf, weil sie es nicht gerne tun, es nicht zu ihnen passt. In Teamsportarten fühlt er sich des Wettbewerbes wegen nie wohl. Es interessiert ihn nicht, ob er gegen andere gewinnt oder verliert. Es geht ihm lediglich um das Erreichen seiner sich selbst gesetzten Ziele. Gleiches gilt beim Schreiben. „There’s no such thing as winning or losing.“ Auch heute, nach unzähligen Marathons und Triathlons, beschreibt er sich als eher mittelmäßigen Läufer. Darum geht es aber auch nicht, sondern lediglich darum, ob man sich gegenüber dem Vortag verbessert oder nicht.

Alles, was er über das Schreiben wisse, habe er vom Laufen gelernt, schreibt der leidenschaftliche Läufer Haruki Murakami in seinem Buch

Laufen, um diese Leere zu erreichen
Ein Vorteil des Laufens ist, dass man es alleine machen kann. Haruki Murakami ist ein Mensch, der Dinge gerne alleine macht, sich diese selbst beibringt. Wie das Schreiben, das Übersetzen, das Laufen. Er ist ein Mensch, der die Einsamkeit regelrecht sucht. Diese vergleicht er als Klinge, die ihn beschützt, aber auch in der Lage ist, Besitz von ihm zu ergreifen. Er findet es nicht schmerzhaft, alleine zu sein, stundenlang alleine am Tische zu schreiben. Schon als Kind bevorzugt er Bücher und Musik der Gesellschaft mit anderen, was sich ändert, als er nach dem Collage seine Jazzbar eröffnet. „I learned the importance of being with others and the obvious point that we can’t survive on your own.“ Er taucht in die Gesellschaft ein, erlernt, wie er es beschreibt, die praktischen Fähigkeiten zum Überleben in der Gesellschaft. Ohne diese zehn Jahre, sagt er, hätte er nie geschrieben. Doch der Drang, alleine zu sein, hat sich nicht geändert. Die Stunde Laufen pro Tag gibt ihm bei seiner Berühmtheit das, was er braucht. Mit niemandem reden, niemandem zuhören, an nichts denken. „What exactly do i think about when I’m running? I don’t have a clue.“ Er läuft einfach, wie in einem leeren Raum, oder wie beschriebt, läuft, um diese Leere zu erreichen. Ein Zustand der Leere, in die nichts mehr einzudringen vermag. Eine grandiose Beschreibung eines Gefühlszustandes, die garantiert jeder Läufer nachvollziehen kann.

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„What exactly do i think about when I’m running? I don’t have a clue.“

Warum das Schreiben des Laufens bedarf
„Schmerz ist unvermeidbar, Leiden ist optional, will heißen, der Schmerz gehört einfach dazu, aber ihn zu ertragen hängt vom Läufer ab.“ Als wichtigste Fähigkeiten eines Autors nennt Murakami zuerst Talent. Doch auch Talent habe einen eigenen Willen. Oft sprudele es auf und trockne dann für immer aus. Als Zweites nennt er die Fähigkeit, sein limitiertes Talent zu konzentrieren. Ohne Konzentration schaffe man nichts von Wert. So ist es für ihn wichtig, sich jeden Morgen für mehrere Stunden absolut auf das Schreiben zu konzentrieren. Auch dann, wenn nichts dabei herauskommt. Als dritten Punkt nennt er Ausdauer. Ohne diese halte man die Konzentration nicht durch und sei somit nicht in der Lage, ein langes Werk zu schreiben. Letztere beiden Fähigkeiten könne man im Gegensatz zum Talent schärfen, durch Training, durch harte Arbeit. Gleiches gilt fürs Laufen. Läuft man jeden Tag, entwickelt sich eine Läuferphysik. Für ihn ist das Schreiben zwar eine mentale, das Fertigstellen aber eher eine physische Handlung. Er nennt Raymund Chandler als Beispiel, der jeden Tag, auch wenn er nichts schrieb, da saß und sich konzentrierte, um eine physische Ausdauer zu entwickeln.

Viele Leute denken laut Murakami beim Schreiben fälschlicherweise an eine ruhige, intellektuelle Arbeit, an einen exzessiven Lebensstil als Notwendigkeit des Schreibens. Doch für ihn ist der Aufbau einer Grundausdauer unerlässlich und ein Muss für die Tätigkeit eines Autors. „Most of what i know about writing I’ve learned through running every day.“ Wie weit kann man sich selbst pushen? Wie viel ist zu viel? Wie viel von der Welt draußen soll man wahrnehmen, wie viel von der Inneren? Murakami läuft nicht, weil er etwa länger leben will, sondern weil er ausgiebig leben will. Es sei besser, klare Ziele zu haben als im Nebel zu gehen, und laufen hilft dabei. „Excerting yourself to the fullest within your individul limits: that’s the essense of running, and a metaphor of life.”

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„Most of what i know about writing I’ve learned through running every day.“

Das Leben ist nicht fair
Ist man jung, sagt er einmal, ist es so, als ob man Flügel hätte. Alles kommt mühelos aus einem heraus. Doch diese Leichtigkeit schwindet, die Flügel erlahmen. Während andere nichts tun müssen, arbeiten andere sehr hart. Murakami muss hart arbeiten. Er vergleicht seine Arbeit mit der Suche nach einer Quelle, nach der er mühsam graben muss – Die Quelle der Kreativität. Dies schafft man nur mit sehr viel Ausdauer und mit großem Willen. Halbherzig schafft man das nicht, halbherzig schafft man auch keinen Marathon. Murakami beschreibt sich als physischen, weniger als intellektuellen Typ. „I’m nothing more or less (mot likely honest) professional writer who knows his limits, who wants to hold on to his abilities and vitality for as long as possible.“ Man müsse nicht der beste Literat sein. Wenn es ihm nur erlaube, das Leben zu leben dass er sich wünscht, dann sei es gut.

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Wie man zum Marathonläufer wird
Die Ziellinie zu erreichen, niemals zu gehen und das Rennen zu genießen – diese drei Dinge, in dieser Reihenfolge, sind seine Ziele, schreibt er. 1983 nimmt Murakami zunächst an einem fünf Kilometerlauf teil, später an einem fünfzehn Kilometerlauf, folglich an seinem ersten Marathon. Der Zufall will es, dass dies im Rahmen eines Artikels in Griechenland ist und er die Originalstrecke von Athen nach Marathon läuft. Seitdem packt ihn dieser Wettbewerb. Die Sommer verbringt er in Hawaii, wo er sechs Tage die Woche eine Stunde täglich trainiert. Seine Ziele sind sehr streng gesetzt. 6 Meilen die Stunde, 36 Meilen die Woche, 156 im Monat. Auf die Distanz kommt es ihm an, in erster Linie nicht auf die Zeit. Läuft man schneller, wird die Zeit kürzer, so einfach ist das. Nur so läuft es bei Langstreckenrennen. Das Interessante ist, sagt er, dass er den Endzustand eines Laufs mit in den nächsten Lauf am folgenden Tag nimmt. So sei das auch beim Schreiben. Er hört an einem Punkt auf, an dem er denkt, nicht mehr weiter schreiben zu können, und setzt am nächsten Tag an diesem Punkt an. „To keep on going, you have to keep up the rythm.“ Das sei wichtig für Langzeitprojekte. Murakami weiht uns in die kleinen Details ein. Z.B. dass der harte Teil eines Marathons erst nach 22 Meilen beginnt. Dass man seinem eigenen Körper sagen muss, wer der Boss ist. Dass man den Muskeln klarmachen muss, was diese zu leisten haben, und dass man beim Training für einen Marathon niemals zwei Tage hintereinander pausieren darf. Dass man den Höhepunkt einen Monat vor dem Wettkampf erreichen sollte, und wie man Anfänger von gestandenen Läufern ganz leicht unterscheiden kann. Mit40 ist er auf seinem körperlichen Höhepunkt, schafft einen Marathon in 3,5 Std. Doch von da geht es bergab, auch das eine Lebenserkenntnis. Aber – so lange er kann wird er laufen, sagt er, ganz egal, was andere davon halten: „What I mean is, I didn’t start running because someone asked me to be a runner.“ So wie er anfing zu schreiben, fing er mit dem Laufen an. Ganz einfach, weil er Lust darauf hatte. „I’ll be happy if running and I can grow old together.“

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