Halbmarathon in 1:28

Wie man einen Halbmarathon in 1:28 Stunden schafft und über die Kunst des konstanten Laufs

Der absolute Besserwisser-Spruch beim Laufen ist folgender: Geh niemals zu schnell los! Ich kann es nicht mehr hören, und doch stimmt es! Vielleicht hasse ich den Spruch einfach deshalb, weil ich so oft gegen seine These angerannt bin und bitter verlor. In meinen offiziellen Marathons (ich bin mehr inoffizielle gelaufen) bin ich immer zu schnell los, obwohl ich wusste, dass man das nicht macht. Mein Verstand sagte, bleib cool !, doch das Herz hat gesiegt, vorerst. Am Ende wurde ich bitter einkassiert, jedes Mal, das verdammte Herz! Es ist verrückt, aber obwohl das jeder weiß, passiert es bei einem Marathon wirklich sehr vielen Läufern. Die genaue Zahl habe ich gerade nicht im Kopf, aber es sind weit mehr als zwei Drittel aller Teilnehmer, glaube ich. Neulich ist mir das beim Müggelsee-Halbmarathon auch passiert, diese Wahrheit ist nämlich Distanz-unabhängig. Da denkt man fünfzehn Kilometer weit, dass man die Welt zerreißen kann, und dann Ende Gelände. Es ist ja nicht so, dass man dann stehen bleibt, aber man wird so signifikant langsamer, dass am Ende die folgende Frage nicht so ganz leicht zu beantworten ist: Komme ich schneller ins Ziel, wenn ich bei einem Halbmarathon 15 oder 18K Vollgas laufe und die letzten 3 bzw. 6 nicht mehr so schnell, oder aber bei einer konstant gelaufenen, langsameren Pace? Neulich bin ich wieder los und dachte, heute will ich es wissen. Also fing ich an zu laufen, beschleunigte auf eine Pace von 4:10 und sagte mir: Ich laufe keine Sekunde auf den Kilometer schneller als diese verdammte 4:10. Die 4:10 sind so ein Erfahrungsding, man spürt das, weiß das, und 4:10 sind auch nicht immer 4:10, sondern waren es eben nur heute. Mit in die Kalkulation flossen der Rotwein vom Vortag ein und die Tatsache, dass ich mich nicht auf eine PB auf die 21 vorbereitet hatte. Nicht vorbereitet stimmt natürlich so nicht, denn als Läufer läuft man ja sowieso immer. Was ich meine ist, dass ich nicht nach Plan trainiert habe, also keine steigernden Intervalleinheiten, Tapering, dieses ganze Gedöns. Letztlich spielt das aber keine Rolle, weil prinzipiell jeder Marathoni spontan zu schnellen 21K fähig ist, das geht immer, weil man es irgendwann einfach kann. Aber egal! Diese Pace jedenfalls hielt ich, und zwar bis zum verdammten Ende. Ich wusste, dass ich schneller laufen kann, aber dieses Mal mal lies ich das Herz da, wo es war, ein Verstandslauf quasi. Den Rest mache ich kurz. Ich kam mit einer 1:28 Komma noch irgendwas über die imaginäre Ziellinie und fühlte mich richtig gut, trotz Rotweinchen. Das ist schon beachtlich, wenn ich bedenke, wie ich mich zerrissen habe für diese Distanz die Jahre zuvor, mich steigerte, Stück für Stück. Ganz vergleichbar ist das natürlich nicht, denn ich bin heute ein besserer Läufer als damals, vielleicht auch – weißer. Ähnliches ist mir im Anschluss auch über die 10K in knappen 39 Minuten gelungen sowie über die 5K unter 19. Alles in rigoroser Konstanz gelaufen. Und um jetzt auf die Grundsatzfrage zurückzukommen: Ja, eine konstante Pace über den Wettkampf ist wohl in den meisten Fällen dem zu schnellen Angehen eines Rennens zu bevorzugen. Vorausgesetzt, die Pace ist richtig gewählt. Der beste Beweis dafür ist der Marathon-Weltrekord von Eliud Kipchoge beim Berlin Marathon 2018. Es war der konstanteste offizielle Marathon, der jemals gelaufen wurde. 180 Schritte die Minute, wie ein Uhrwerk, vollendete Kunst! Und trotz allem bin ich mir nicht sicher, was beim nächstem Wettkampf mein Herzchen wieder macht! Bleibe ich cool, wenn  einer dieser jungen Aufstrebenden mit Stöpseln im Ohr und Angeber- T-Shirt gleich zu Beginn an mir vorbeizieht? Oder bleibe ich nicht cool?

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Ma San

6 Gedanken zu „Wie man einen Halbmarathon in 1:28 Stunden schafft und über die Kunst des konstanten Laufs

  1. Hi Martin,
    je lockerer man sowas angeht, desto einfacher wird es. Auch meine Erfahrung. Wer alleine seine Wunschzeit schafft, kann sich im Wettbewerb nur verbessern. Vorausgesetzt man läuft sein Ding, ablenkungsfrei. Lass sie ziehen die schnellen Hirsche, ich kenne ja die Rennstrategie von denen nicht, bleib bei deinem Tempo, und die letzten 500m sprintest du dann mit allem was noch da ist durchs Ziel. War noch was da, dann kannst du nächstes mal noch schneller laufen.
    Bleib dran und bleib cool 🙂

    1. Da hast du absolut recht. Sein Ding zu laufen bedingt so einiges an Erfahrung, denke ich. Und mittlerweile komme ich langsam an den Punkt, dass ich die habe. Damit meine ich das Kennen der eigenen Grenzen, nachdem man wiederum die Grenzen der Selbstüberschätzung kennengelernt hat. Ich glaube ich bin nah an dem Punkt, für meine Verhältnisse einen perfekten HM und 10K zu laufen. Bei Marathin bin ich aber von diesem Optimum noch Meilen weg. Auch da gilt es wohl….sich nicht verrückt machen lassen und cool bleiben (-;

      Liebe Grüße

  2. Hi Martin,

    Sehr cooler Artikel. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht! Und das sogar auch auf dem Laufband!
    Auch beim laufen ist es wichtig sich nicht von anderen Einschüchtern oder auch ablenken zu lassen!

    Lieben Gruß
    Olli

    1. Hi Olli,

      danke fürs Vorbeischauen! Das Laufband ist wahrscheinlich perfekt für einen gleichmäßigen Lauf, denke ich. Und ablenkungsfrei obendrein. Gerade erst wurde ja auch der 100K Weltrekord auf einem Laufband geknackt, Wahnsinn! Ich laufe auch mal gerne auf der Bahn, wenn ich es auf eine PB auf die 5 oder 10K abgesehen habe oder eben für sehr schnelle Läufe… auch so ist eine ungestörte Konstanz möglich!

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