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Leben in Zeiten des CORONA VIRUS: Warum es jetzt wichtig ist, Haltung zu zeigen

Bild von Grae Dickason auf Pixabay

Gestern am späten Abend beim Spazieren gehen stand am Gehwegrand ein Einkaufswagen. Darin flatterte eine Plastiktüte im Wind, die sich in den metallenen Maschen verheddert hatte. Alles war ganz still, so ganz anders als sonst, nur dieses Flattern war zu hören. Diese Situation erinnerte mich an das Buch „The Road“ (Die Straße) von Cormac McCarthy. Darin geht es um einen Vater, der mit seinem kleinen Jungen immerzu eine Straße entlangläuft, stets einen Einkaufswagen vor sich herschiebend, mit all ihren Habseligkeiten darin. Sie laufen immer entlang dieser Straße in Richtung Meer. Es ist eine Endzeitgeschichte. Irgendetwas war passiert, der Leser weiß auch nicht was, und eigentlich geschieht auch nie etwas. Doch die Spannung in dieser Ruhe, die Erwartung, dass eben irgendetwas passieren könnte, macht einen fertig, ist kaum auszuhalten. Es ist ein unfassbar gutes Buch. Kommen die beiden an einem verlassenen Haus vorbei, durchsuchen sie dieses nach Nahrungsmitteln. Der Junge hat dabei stets große Angst, während Papa seine Waffe zieht und hinein geht. Angst, vor was? Der Leser erfährt es nicht, noch nicht! Ab und zu begegnen sie noch einem Menschen, laufen wortlos an diesem vorbei. Er ist einer von Ihnen, was impliziert, dass es da noch die anderen gibt. Und was machen die anderen in einer Situation wie dieser, in der die Weltordnung zusammengebrochen ist, es keine Gesetze, keine Nahrungsmittel mehr gibt?

Ich möchte mit dieser Geschichte auf etwas hinaus. Nämlich darauf, dass man selbst in einer Extremsituation, in welcher der Vater mit seinem Jungen sind, immer eine Wahl hat. Die Wahl, ein guter Mensch zu sein oder nicht, den Guten anzugehören oder den Bösen. Übertragen auf die derzeitige Situation, in der wir mit dem Corona-Virus leben müssen, wird das nur allzu deutlich. Auch jetzt haben wir die Wahl, und mehr denn je wird die innere Geisteshaltung deutlicher als jetzt, der wahre, echte Charakter des Einzelnen. Es bleibt uns überlassen, das Desinfektionsmittel in einem Krankenhaus zu klauen oder nicht. Es ist unsere Entscheidung, die letzten zwei Packungen Toilettenpapier im Supermarkt einzusacken oder noch eine übrig zu lassen für den, der nach uns kommt. Es liegt an uns, im Interesse der Alten und Schwachen alles daran zu setzen, nicht selbst Überträger zu werden oder wissentlich die Gefahr einzugehen, sich anzustecken, indem man trotz aller Warnungen in den Club oder die Kneipe geht mit der Haltung: Ich bin nicht gefährdet, ihr Deppen! Es liegt in der Macht des Arbeitgebers, im Interesse der gesamten Gesellschaft die Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken und die Gefahr der Ansteckung für alle zu minimieren. Oder aber sich um diese Frage nicht zu scheren und das Problem auf den Arbeitnehmer zu übertragen ganz nach dem Motto: Es interessiert mich nicht, wie du dich jetzt um dein Kind kümmerst, wenn die Kita für Wochen geschlossen bleibt! Man hat immer eine Wahl. Das wird in diesen Tagen besonders deutlich.

Bild von StockSnap auf Pixabay
Bild von StockSnap auf Pixabay

Interessant ist dabei auch das jeweilige Selbstbild. Also die Vorstellung, die man selbst über sich hat in der steten Überzeugung, selbst das Richtige, Angemessene zu tun. An dieser Stelle fällt mir T.C. Boyle ein und sein fantastisches Werk „The Tortilla Curtain“ ein. Darin geht es um illegale mexikanische Einwanderer, die ihr Glück in Kalifornien suchen und stattdessen Ablehnung finden. Einer der Hauptcharaktere, ein Amerikaner, ist überaus aufgeklärt, politisch korrekt und überaus umweltbewusst. In dem Moment, in dem er jedoch selbst mit dem Elend der Mexikaner in Berührung kommt, wird er radikal. Unfähig zu erkennen, dass die eigentliche, innere Haltung, die gut ist,  seinem Tun, welsches böse ist, in entsetzlicher Art und Weise widerspricht. Im festen Glauben, einer derjenigen zu sein, der das Richtige tut, macht er genau das Falsche.

Ich habe mir schon oft die folgende Frage gestellt: Wenn ich das Pech gehabt hätte, so etwa im Jahr 1920 geboren gewesen zu sein und in meinen Zwanzigern in die Nazizeit geraten wäre, wie hätte ich mich dann verhalten? Wäre ich selbst ein Nazi gewesen, ein Mitläufer vielleicht? Oder hätte ich mich gar dagegen gewehrt? Gerne wäre ich letzteres gewesen, aber aus der heutigen Distanz heraus kann man diese Frage für sich selbst gar nicht beantworten. Der ein- oder andere würde gewiss nein sagen und dann doch gleichzeitig sein Kreuz bei der AFD setzen. Aber nein, rechtsradikal sei man ja nicht, aber diese Flüchtlinge bla, bla, bla. Das Tun, das Kreuz, welches man auf den Zettel setzt, das ist entscheidend!

Geralt, Pixabay

Für mich steht deshalb außer Frage, dass man die Frage, ob man ein guter Mensch ist oder nicht, im eigenen Tun, in der wirklich konkreten Handlung zu finden ist und weniger in der Idee, die man vom Guten hat. Ich kann nicht das Klima schützen wollen und SUV fahren, das ist ein gravierender Widerspruch. Und ich kann in diesen Zeiten meinem Großvater auch nicht in die Augen sehen, wenn ich als Mitzwanziger durch die Kneipen ziehe statt zu Hause zu bleiben. Und ich kann nicht vier Brote kaufen und einfrieren, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Weil ich dabei vergesse, dass derjenige, der nach mir kommt, und auch derjenige danach, keines hat, und ich vier.

Und dann muss ich tatsächlich an Sebastiao Salgado denken, an „Das Salz der Erde“. An einem Punkt sagt er das Folgende: „Wir Menschen sind eine entsetzliche Spezies. Niemand von uns verdient es zu leben!“ Das sind harte Worte, die man eigentlich nicht sagen darf. Salgado aber darf das, weil er einer der ganz wenigen Menschen auf dieser Welt ist, die wirklich etwas zu sagen haben. In diesen Zeiten, in denen ich sehe, dass Menschen Desinfektionsmittel aus den Kliniken stehlen, da habe ich den traurigen Verdacht, dass Salgado leider recht hat.

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