Ericeira

Portugal – ein Roadtrip (Artikelfortsetzung)

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Im ersten Teil unseres Roadtrips ging es von Lissabon aus ins Surfernest Peniche, von wo aus wir Tagesausflüge zum Surf-Hotspot Nazaré und zum mittelalterlichen Óbidos unternahmen. Traumhaft!  Nun geht es weiter, über Porto und Coimbra ins idyllische Sintra, wo wir die schönsten Strände der Atlantikküste abklappern.

Karte: Unsere Route

3. Station – Porto
Wir verlassen Peniche nach zwei tollen und ruhigen Tagen und fahren nach Norden. Unser Ziel, Porto! Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Kanalstadt Aveiro, einem ruhigen, schnuckeligen kleinen Nest, kommen wir in die trubelige Stadt am Douro. Je näher man ins Zentrum kommt, desto dichter, chaotischer wird der Verkehr. Wir sind froh, das Auto endlich in einer Garage verschwinden zu lassen. Kostet zwar ein bisschen was, aber egal! Einen Parkplatz zu finden ist hier nämlich ein Ding der Unmöglichkeit, und außerdem der Mühe nicht wert. Auch hier in Porto machen wir es uns mal wieder in einer Airbnb-Wohnung bequem. Sie liegt gleich gegenüber des Mercado do Bolhão, einer urigen, heruntergekommenen Markthalle im morbiden Charme. Über Treppen mit gusseisernen Geländern geht es hinunter zu den Ständen, in denen Händler ihren Fisch feilbieten. Portwein, Käse, Gemüse, alles leuchtet in bunten Farben. Wer möchte, kommt hier auch zu einem tollen Mittagessen.

Porto
Blick über Porto. Bild: Ma San (Martin Seibel)
Mercado do Bolhão
Auf dem Mercado do Bolhão

Porto ist eine unglaublich spannende Stadt. Hügelig wie Lissabon, geht es steil hinab zum alten Hafenviertel, wo sich eine Spelunke an die nächste reiht, und wieder hinauf in die Touristenstraße Rua das Flores bis ins hippe Stadtviertel Vítoria, wo sich die vielen Studenten in kleinen Bars tummeln, um anschließend in die Clubs zu schwärmen. Die gefliesten Fassaden der uralten Häuser verleihen jedem auch noch so heruntergekommen Straßenzug ein Stück alten Glanz zurück. Wunderschön harmonieren sie mit den schmiedeeisernen Geländern der kleinen Balkone. Man sieht der Stadt die Rezession an, in der sich Portugal befindet. Man sieht, dass hier lange, lange nichts mehr gemacht wurde an diesen Häusern. Und genau das verleiht der Stadt so etwas wie einen Hauch Subkultur und etwas Geheimes. Etwas, das Lissabon nicht hat! Kein Wunder, dass Joanne K. Rowling sich diesen Ort ausgesucht hat, um die berühmte Geschichte des Harry Potter zu entwerfen.

Livraria Lello
Die Livraria Lello. Bild: MaSan (Martin Seibel)

Im Café Mayestic ging sie ein und aus und auch die uralte Livraria Lello diente ihr als Inspiration für ihre dicken Bücher, die sie dem kleinen Zauberer widmete. Die rauchigen Schwaden der Kastanienverkäufer verwandeln Porto in den Abendstunden in die verruchte mittelalterliche Stadt zurück, die sie einmal war. Blickt man dann über die mächtige, stählerne Ponte Luís über den Douro hinweg, befindet man sich gedanklich weit weg und wie in einer anderen Welt. Von der Ponte Luís hat man einen grandiosen Ausblick über die Stadt hinweg und kann dem Douro Fluss folgen, der in einer eleganten Kurve ins Meer mündet. Man sieht die kunterbunten Fassaden des Hafenviertels und nach Süden hin die berühmten Banner der Portwein Destillerien. Ja, Porto ist die Stadt des Portweins. Die Engländer waren es einmal mehr, die aus der Not eine Tugend machten und den Port erfanden. Im Handelskrieg mit den Franzosen musste sie, was ihren Weinkonsum anging, kreativ werden. Sie verschifften ihren eigenen Wein kurzerhand von Portugal, aus dem berühmten Dourotal in die Heimat. Doch das Schaukeln auf hoher See machte den Wein ungenießbar. Man gab einfach einen Schuss Brandwein hinzu, Problem gelöst und der Portwein war geboren. Das nenne ich englisch Pragmatismus! Deswegen sieht man hier am Südufer der Douro die übergroßen Banner der Portwein Hersteller wie zum Beispiel jenes von Sandman.

Ponte Luís I
Die Ponte Luís I. Bild: MaSan (Martin Seibel)
Porto
Am Südufer des Douro befinden sich die Portwein Destillerien. Bild: MaSan (MartiN Seibel)

Es lohnt sich, in einer solchen Destillerie einmal verbeizuschauen. Sei es, um einen Blick in die alten Keller zu werfen, eventuell auch im Rahmen eines Fadoabends, oder auch nur, um sich eine Flasche als Mitbringsel mitzunehmen. Wer kennt es nicht, das mystische Logo des Sandman Ports, der mystische, düster drein schauende Mann im langen Mantel. Ich jedenfalls lasse es mir nicht entgehen, dort einmal anzuklopfen und verlasse das Gebäude von Sandman mit einem Ruby Tawny, yes! Eine Flasche Port muss ich einfach mitnehmen! Was man sonst in Porto noch so tun kann? Jede Menge. In einer rauchigen Spelunke einen Fadoabend genießen, durch die Galerien rund um die Rua de Miguel Bombarda schlendern, sich die Livreria Lello auf die Spuren Harry Potters begeben, oder sich vielleicht doch lieber moderner Architektur widmen, man hat die Wahl. Für letzteres bieten sich die Casa de Musica oder das Museum für zeitgenössische Kunst an, das Millionen Besucher Jahr für Jahr anlockt.

In der Portwein Destillerie Sandman
In der Portwein Destillerie Sandman. Bild: MaSan (Martin Seibel)

Alles in allem reichen uns unsere gemütliche drei Tage in der Stadt. Den letzten Abend lassen wir in einem kleinen, familienbetriebenen Restaurant namens Brasil – ein echter Geheimtipp – einmal mehr bei Stock- und Tintenfisch ausklingen, bevor es für uns weiter geht.

4. Station – Coimbra
Zu einer anderen Jahreszeit wäre ein Besuch des blühenden Dourotals, Ursprungsort des Portweins und UNESCO Weltkulturerbe, obligatorisch. Doch jetzt im März lohnt der Besuch nicht, weil die Reben noch weit davon weg sind, in ihrer strahlenden Pracht zu blühen. Auch der Norden schließt deshalb aus. Wir beschließen deshalb, wieder gen Süden zu fahren und einen Abstecher in der Studentenstadt Coimbra zu machen. Das Städtchen liegt gemütlich da vor einem Fluss, an dessen Ufer Studenten entlang joggen und in sattgrünen Parks faulenzen. Hoch oben – die alles dominierende Universität, für die Besucher hierher kommen. Eine Universität, zu der es junge Menschen aus dem ganzen Land hierher zieht. Die Räumlichkeiten sind uralt und können im Rahmen einer Führung besucht werden.

Coimbra
Die Universität von Coimbra. Bild: Ma San (Martin Seibel)

Coimbra ist allerdings noch für etwas anderes bekannt, nämlich für den Fado. Neben Lissabon ist Coimbra der Hotspot für Fado in ganz Portugal. Jedoch ist der Stil hier ein ganz anderer. Fado in Coimbra stammt von den Studenten. Genau genommen von männlichen Studenten und wird auch heute noch ausschließlich von Männern gespielt bzw. gesungen. Historisch gesehen ging und geht es mal wieder um das eine große Thema – die Liebe.

Fado in Coimbra
Fado in Coimbra

Wenn ein junger Mann an der Universität so richtig verliebt war, dann schlich er sich des Nachts vor das Fenster der Geliebten und begann zu singen. Jepp, Fado, das ist großes Drama! Kein Wunder, dass die Sänger ihre Hand fest auf das Herz legen. Gefiel der Angebeteten das Stück, räusperten sich die herbeigeeilten Zuschauer drei Mal. Klatschen wurde vermieden, um den Papa der kleinen Juia nicht aufzuwecken. Ja, ja, so lief das also ab vor der Zeit von Tinder Parship & Co. Man musste sich so richtig ins Zeug legen, statt Smartphone Screens hin und her zu schieben. Coimbra, das ist eine Stadt fürs Herz. Übrigens: Das Fado ao Cenro ist DIE Institution für Fado in der Stadt. Eine Show gibt es jeden Abend für zehn Euro. Dazu gibt es, wie es sich gehört, ein Glässchen Port. Vor und nach jedem Stück wird etwas zum jeweiligen Stück erklärt und auch geschichtlich so richtig weit ausgeholt. Absolut empfehlenswert! Ein weiterer echter Tipp ist das Restaurant Zé Manes dos Ossos. Winzig klein, bilden sich jeden Abend vor Öffnung lange Schlangen. Das Warten lohnt sich, denn das Restaurant ist nicht nur sensationell günstig, sondern auch sehr gut. Kein Wunder, dass man sich hier unter Einheimischen wiederfindet. Der kleine Raum ist allerdings ziemlich abgefahren, wenn ich das mal so sagen darf, und könnte aus einem Quentin Tarrantino Film stammen. Lasst euch überraschen.

Abstecher nach Ericeira
In einem Schwung fahren wir wieder gen Süden, lassen Lissabon diesmal links liegen und machen einen Abstecher nach Ericeira, einem Surfernest,  das am Wochenende die Surfer aus Lissabon anlockt und das wir deshalb als Base vermieden haben. Dennoch sind wir sichtlich verblüfft von den makellosen Stränden, die wir hier vorfinden. Ein einziges, großes Wow!

Ericeira
Ericeira. Bild: MaSan (Martin Seibel)

5. Station – Sintra
Sintra liegt einfach märchenhaft da zwischen hügeligen Tannenwäldern, die sich am Rande des Parque Natural de Sintra Cascais dahinziehen. Überall aus dem Wald ragen die gezuckerten spitzen Dächer hoher Märchentürmchen hervor, bei denen man sich fragt, what the fuck das hier eigentlich ist. Nun denn. Sintra ist UNESCO Welt-Kulturerbe, liebe Leser, und hat eine lange Historie. Siedlungsspuren gehen bis in die Steinzeit zurück (bla, bla), und auch in der Zeit der maurischen Eroberung des iberischen Kontinents und der folgenden Reconquista, der Rückeroberung, hatte die Stadt eine außerordentliche Prominenz. Das maurische Schloss, das hoch über dem Ort thront, ist ein Relikt aus dieser Zeit des Konflikts. Der ganze Ruhm kam dann mit einigen Klöstern, die sich hier aufgrund des reichhaltigen Bodens ansiedelten. Es folgten die Künstlerszene und die Schriftsteller. Später dann die reiche Oberschicht, die es sich hier abseits der Lissabonner Trubels gemütlich machte. Herrenhäuser wurden gebaut und tolle Paläste mit Lustgärten und alles, was der Schnick-Schnack damals so her gab. Sie sind der Grund, warum hier Touristen in den Hunderttausenden einströmen und die wunderschöne kleine Stadt in ein Verkehrschaos verwandeln. Jetzt im März hält sich alles noch in Grenzen, ich möchte allerdings nicht wissen, was im Hochsommer hier los ist.

Sintra
Sintra. Bild: MaSan (Martin Seibel)
Quinta da Regaleira
Quinta da Regaleira, der meiner Meinung nach schönste Palast in Sintra

Wir quartieren uns einmal mehr n einem privaten Apartment ein, und wieder einmal lohnt es sich, dass wir im Frühjahr hier sind. Wir mieten und im Five House ein, ein wunderschönes zu Hause eines portugiesischen Pärchens, das hier seit längerem lebt. An dieser Stelle möchte ich dieses kleine Paradies jedem ans Herz legen. Um ehrlich zu sein, Sintra ist ein ganz schön überlaufenes Pflaster, vollgepackt mit kleinen Souvenirläden, die die Welt nicht braucht. So sieht’s aus und das ist leider genau das, was der Stempel UNESCO Weltkulturerbe aus einem Ort wie diesem hier macht, ein völlig überlaufendes, einziges Chaos. Eine Stadt, die unter dem nie aufhörenden Verkehr zusammenbricht. Aber ganz ehrlich, eigentlich sind wir gar nicht hier, um uns die Stadt hier anzusehen. Obwohl wir das natürlich trotzdem machen. Besonders Abends, wenn alle wieder weg sind (-: . Wir haben es auf die Umgebung abgesehen. Denn wie schon gesagt, liegt Sintra am Rande des wunderschönen Parque Natural de Sintra Cascais, einem wahren Schmuckkästchen. Der Nationalpark beherbergt wunderschöne Wanderwege und einige von Portugals schönsten Ständen überhaupt. Sintra ist die ideale Base, um Ausflüge in die Natur zu unternehmen. Und genau das machen wir.

Ursa Beach
Ursa Beach
Praia Grande do Guincho
Surfer am Praia Grande do Guincho. Bild: MaSan (Martin Seibel)

Da wären der Praia de Aoeira, Ursa Beach, der Praia da Adraga oder der Praia Grande do Guincho, nur um einige zu nennen. Es ist eine wahre Freude, mit dem Auto durch die schönen Tannenwälder zu schippern und das satt-blaue Meer im Kontrast zu dem Grün des Waldes zu sehen. Die Strände laden zum Verweilen ein, und wer ein wenig Zeit mitbringt, kann hervorragend an der Küste entlang wandern. Unser Ausflug nähert sich dem Ende und was bleibt, sind eine Menge Impressionen eines wunderschönen Landes. Alles war nicht drin, aber dafür ausgewählte Orte, und diese intensiv. Wir haben einen tollen Eindruck vom wilden Norden bekommen und Lust auf mehr bekommen. Das Douro Tal, der an die spanische Provinz Galizien grenzende Teil des Landes werden in der Zukunft tolle Reiseziele abgeben. Was bei einer Tour in den Norden besonders charmant ist – man hat es nicht mit den Touristenmassen zu tun. Verschlafene Fischerdörfer zeigen sich vielleicht nicht von der geleckten Seite, wie man es an der völlig überlaufenen Algarve kennt, bieten dafür aber herzlichen Charme und die Chance, etwas von Land und Kultur, von den Menschen hier mitzubekommen. Kleine, von Familien betriebene Restaurants und Pensionen, leere Landstriche und einsame Strände sind der Grund, hierher zukommen. Wir werden es wieder tun, ganz bestimmt.

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MaSan
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