Leben und Arbeiten in China

Veröffentlicht am Veröffentlicht in China, Gedanken, unterwegs

Wie es mich beruflich nach China verschlug und warum ich dort blieb

2009 reiste ich nach China, wo ich eine Stelle in einer Stadt namens Tianjin angenommen hatte. Eine Stadt, die hierzulande niemand kennt, und doch größer ist als jede europäische Metropole. Aus drei Monaten, solange wollte ich eigentlich bleiben, wurden zwei Jahre. Grund für diesen Schritt war die katastrophale wirtschaftliche Situation in ganz Europa zu Zeiten der Finanzkrise. Als frisch diplomierter Architekt waren meine Berufsaussichten gleich null. Also blickte ich dorthin, wo ich eine Chance hatte, nach China, und wurde in Tianjin fündig. Heute blicke ich ganz anders auf dieses Land als vorher, lerne mittlerweile Chinesisch und verstehe die Menschen, das glaube ich jedenfalls, viel besser als damals. Ich veröffentliche diesen persönlichen Bericht deshalb, weil ich der Ansicht bin, dass mir China eine Chance bot, während mir Deutschland, Europa den Rücken zukehrte. Ich weiß, dass es immer mehr Menschen beruflich nach China zieht, aus Spanien, Italien, aus Griechenland, aus Deutschland – weil das von Arbeitslosigkeit geprägte Europa keine Perspektiven mehr für sie bietet. In China werden auch sie das finden, was ich fand, eine Chance. Ich möchte ein wenig die Angst vor diesem Schritt nehmen und zeigen, wie es sich anfühlt, sich auf die chinesische Arbeitswelt einzulassen.

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Bild: MaSan/Martin Seibel

Die Krise und der Blick nach China
2009 war ein sehr schlechtes Jahr für Architekten, besonders für Berufsanfänger wie mich. Nur zu gut kannte ich die Geschichten von Absolventen, die für 1.000 Euro im Monat oder gar umsonst arbeiteten, und bewarb mich erst gar nicht in meinem Heimatland. Ich tat es 60.000 Deutschen gleich und ging nach London, wo ich nach kurzer Suche einen Job fand. Doch das Glück währte nicht lange, denn die Krise traf letztlich auch England mit der vollen Breitseite. Hunderte Mitarbeiter mussten gehen. Deutschland war jetzt erst recht mehr keine Option, zu schlecht waren die Aussichten, dort etwas zu finden. Warum sich also darauf einlassen.

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Die Sonne ist immer verdeckt (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Auch für China ist der Lonely Planet der ideale Wegbegleiter – wie immer mit Fokus auf Informationen statt auf Bildern

Ein Anruf
Es war an einem heißen Tag im Juni. Ich spazierte gerade durch den Park, als mein Handy klingelte. Unbekannte Nummer. Förmlich meldete ich mich mit Vor- und Nachnamen, hatte ich doch etliche Bewerbungen versendet in der letzten Zeit. Das Hintergrundrauschen deutete darauf hin, dass es sich um einen Anruf aus dem Ausland handelte. Am anderen Ende der Leitung begrüßte mich eine gut deutsch sprechende Chinesin. Sie rufe aus Tianjin an. Noch nie hatte ich von dieser Stadt gehört. Man habe mein Profil im Internet gefunden, sagte die Anruferin, ob ich denn immer noch auf der Suche sei. „Nun ja“, sagte ich, „im Grunde genommen schon.“ Ob ich mir denn vorstellen könne, in China zu arbeiten. Als ich daraufhin fragte, wie Sie sich das denn vorstelle und um was es denn genau ginge bei diesem Angebot, erwiderte die Chinesin, ich solle mir keine Sorgen machen. Man kümmere sich um Flug und Visum, und auch für die Wohnung sei schon gesorgt. Wann ich denn anfangen könne, fragte sie. „Halt, halt“, dachte ich und erwiderte, es ginge gerade etwas schnell und ich sei ja doch sehr überrascht. „Kein Problem“, antwortete sie. Man habe mir bereits alles per E-Mail geschickt und ich solle es mir möglichst schnell überlegen. Ich sagte zu, was hatte ich schon zu verlieren. „China, wieso denn nicht“, dachte ich. Ich hatte zwar keine Ahnung, was mich erwarten würde, aber das wusste ich damals auch nicht, als ich in Spanien studierte, und auch später nicht in London. Die Visa-Angelegenheiten waren in einer Woche erledigt, und für die notwendigen Impfungen reichte die Zeit gerade so aus. Die Eltern zu beruhigen war die größte Arbeit, aber was ich mir einmal in den Kopf gesetzt hatte, tat ich auch. Eine weitere Woche später saß ich in einem Flugzeug nach Peking.

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Mittagsschläfchen (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Am anderen Ende der Welt
Elf Stunden später am anderen Ende der Welt hieß es erst mal durchatmen, oder besser gesagt, die neue Luft einatmen. Da war es ja, das Schild, das ich in der Menge gesucht hatte, mit meinem Namen darauf, sehr schnodderig mit einem dicken schwarzen Filzstift auf ein Blatt Papier gekritzelt. Der Fahrer sprach kein einziges Wort Englisch, brachte mich zum Auto und auf ging es nach Tianjin. Die Fahrt dauerte zwei Stunden und vom beeindruckenden Flughafen in Peking bis nach Tianjin veränderte sich die Umgebung und Architektur. Alles wurde immer wilder. Die Fahrt war halsbrecherisch. Auf einer vierspurigen Autobahn fuhr jeder und überholte so, wie er wollte. Ein LKW auf der linken Spur musste rechts überholt werden. Oh je, dann ein Fahrrad ganz rechts, dann zog ein anderer LKW, viel zu schnell, an uns vorbei. In Schlangenlinie schlug sich der Fahrer bis nach Tianjin durch und ich musste mehr als einmal die Luft anhalten.

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Baustellen sind überall (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Ein klasse Buch von Kai Strittmatter über Land und Leute

Die neue Stadt und erste Eindrücke aus dem Büro
Angekommen in der neuen Stadt, befand ich mich gleichzeitig in einer anderen, mir komplett fremden Welt. Die ganze Stadt, ein einziger Brei anonymer Baumasse. Und diese Hitze, ich war mittlerweile schweißgebadet. Durch eine Straße, daran erinnere ich mich noch ganz genau, war alles voller kleiner, schmutziger Garküchen, die an Garagen erinnerten. Hier und da ein Tisch mit großen Fleischstücken darauf und einem Beil. Dahinter der große dampfende Topf und Frauen, die scheinbar lieblos, hastig und laut das Essen an die Gäste verteilten, die auf winzigen Hockern sitzend ihre Mahlzeit verputzten, als wären sie in großer Eile. Davor spielten alte Männer Karten und Kinder im Schatten Fangen, jedenfalls sah es danach aus. Danach bogen wir in eine Hauptstraße ab, und plötzlich wurde die eben gesehene Szenerie durch einen großstädtischen Maßstab abgelöst. Man sah modern gekleidete Menschen mit Einkaufstüten in der Hand, nur eine Ecke weiter. Ebenso schnell befanden wir uns plötzlich in einer Wohngegend, die ungefähr so aussah wie eine Mixtur aus den eben gesehenen Garagen und der modernen Hauptstraße. Der Wachmann eines Compounds, eines Wohnviertels, winkte uns durch, und da standen wir vor dem Wohnblock, der, wie sich herausstellen würde, für das nächste Jahr mein neues zu Hause sein sollte. Eine junge Chinesin kam auf uns zu und begrüßte mich. Sie stellte sich als Sekretärin des Architekturbüros vor, in dem ich arbeiten würde. „Erst mal die Sachen in die Wohnung bringen“, sagte Sie lächelnd.

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Typisches Compbound (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Mein neues Zuhause
Die verschmutzte Eingangstür ging auf, und ich erblickte das noch schmutzigere Treppenhaus. Den Lichtschalter anzuknipsen kostete Überwindung, denn auch dieser war extrem verschmutzt, richtig klebrig. Die Betonstufen waren mit schwarzem Dreck überzogen, so dass die Schuhe daran kleben blieben. Fußspuren waren an der weißen Wand zu sehen, und ich fragte mich, wie um Himmels willen die wohl dahin gekommen sind. Um mich davon schocken zu lassen, war ich schon zu viel herum gekommen, und ordnete die Situation in die Kategorie Abenteuer ein. Ich ließ mir nichts anmerken und dachte, es ließe sich zur Not ganz gewiss etwas Anderes finden. An verschmierten Wänden vorbei ging es in den schmutzigen Fahrstuhl, beleuchtet durch eine am Kabel baumelnde Glühbirne, und dann hinauf in den fünften Stock. Cindy, so sollte ich Sie nennen (Chinesen geben sich oft einen selbst gewählten westlichen Namen), öffnete die Wohnungstür – ich hielt die Luft an. Dann die Überraschung, eine astrein saubere Wohnung.

Für alle, die mehr über die Kulturrevolution wissen möchten, ist „Mein Leben unter zwei Himmeln“ sehr zu empfehlen

Meinen Mitbewohner, sagte Sie, ebenfalls Deutscher, würde ich gleich im Büro kennen lernen. Ich ließ mir mein Zimmer der großzügigen Wohnung zeigen, warf einen flüchtigen Blick hinein und hätte mich am liebsten gleich ins Bett geworfen, um den Jetlag auszuschlafen. Ich stellte meine Sachen ab und los ging es ins Büro, denn man wollte den Neuankömmling kurz kennenlernen. Das 20-geschossige Bürogebäude befand sich direkt an einer stark befahrenen Straße unweit des Apartments. Ein grässliches, schmutziges Gebäude, wie eine Fabrik sah es aus. An einem schlafenden Wachmann und einem Frisörsalon zum Fahrstuhlbereich, dann in den 15ten Stock hinauf. An einem mit Essensresten überfüllten und dementsprechend riechenden Mülleimer vorbei zur Glastür, und da stand ich in meinem neuen Büro. Das Erste, was ich sah, waren drei deutsche Mitarbeiter. Man zeigt seine ausländischen Mitarbeiter wohl gerne, dachte ich. Etwa 60 Mitarbeiter hatte das Büro, und Herr Wei, der Chef, begrüßte mich herzlich und stellte mich den Mitarbeitern vor. Das Großraumbüro bot einen imposanten Blick hinaus in die graue, riesige Stadt. Die Sonne war als große gelbe Kugel hinter einer Mischung aus Smog, Staub und Dunst zu sehen. Dann durfte ich nach Hause ins wohlverdiente Bett.

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Maler bei der Arbeit (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Der gewöhnungsbedürftige Arbeitsplatz
Der Arbeitsalltag stellte sich, wie das bereits Geschehene, als gewöhnungsbedürftig heraus. Mein Arbeitsplatz befand direkt am Fenster bei den deutschen Kollegen, mit Blick hinaus in die graue Suppe. Unter meinem Tisch stand eine große Schüssel, welche als Auffangbecken der Klimaanlage diente. War diese voll, brachte ich sie auf die Toilette zum Ausleeren. Hinaus aus dem Büro und um ein Atrium herum, in dem häufig Badminton gespielt wurde, brachte ich den Eimer also dorthin. Die Chinesen bevorzugten beim Verrichten des Geschäfts die Tür offenstehen zu lassen, rauchten dabei, lasen Zeitung oder schauten dem Ausländer unbeeindruckt beim Ausschütten des Eimers zu. Schlimm war es dann, wenn ich vergaß, die Schüssel rechtzeitig wegzubringen. Denn dann war der Teppich um meinen Schreibtisch herum eine einzige große Lache. Zu diesen zweifelhaften hygienischen Bedingungen kam noch, dass alles im Büro, von der Tastatur, der Schüssel unter dem Tisch bis zur Kaffeemaschine in der offenen Küche wie mit einem Film überzogen, klebrig war. Nach kurzer Zeit akzeptierte ich das, man gewöhnt sich schließlich an alles, und beschloss, mir einfach ständig die Hände zu waschen.

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Bild: MaSan/Martin Seibel

In China sollte auch der Trekkingrucksack nicht fehlen – Vaude und Deuter sind zwei der renommiertesten Hersteller

Arbeitsalltag
Im Rahmen meines ersten Projektes befasste ich mich mit einem Museum mit ca. 10.000 m² nebst 50.000 m² Parkanlage, ein gigantisches Bauvorhaben. Es stellte sich schnell heraus, dass man hier eine andere Arbeitsweise als die in Europa gewohnte pflegte. Ich war es gewohnt, aus einer Analyse heraus ein Gebäudekonzept zu entwickeln, so dass sich das Äußere des Gebäudes als logische Konsequenz des Inneren ergibt. Meine chinesischen Kollegen aber arbeiteten umgekehrt. Zuerst war das Bild da, wie das Gebäude aussehen sollte, man arbeitete also von außen nach innen. Natürlich gab es häufig Kontroversen und der Dialog mit Arbeitskollegen gestaltete sich oft sehr mühsam und kräfteraubend. Auch die Kommunikation gestaltete sich schwierig, denn meinerseits waren keine Chinesisch-Kenntnisse vorhanden und meine Kollegen sprachen nur spärlich Englisch. Trotzdem kamen wir Tag für Tag besser miteinander aus und es gelang uns, das Projekt voranzutreiben.

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Mao ist überall (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Facejobs
Die Ergebnisse stellten wir dann regelmäßig bei dem Bauherrn vor, wo wir Ausländer den Projektstand in englischer Sprache vortrugen. Mein Chef übersetzte dann auf Chinesisch und man kann schwer einschätzen, wie oder was oder ob er überhaupt übersetzte. Die Bauherren jedenfalls waren so gut wie nie des Englischen mächtig und man ahnt jetzt, worum es hier ging. Nämlich in erster Linie darum, dem Bauherrn einen Ausländer zu zeigen, was in einer Stadt wie Tianjin großen Eindruck macht. In solchen Momenten beschlich mich das schlechte Gefühlt, mich in gewisser Hinsicht verkauft zu haben. Solche Machenschaften empfinde ich als heuchlerisch und ich war ein Teil davon. Es ist in den Städten Chinas, in denen man Westlern nicht allzu oft über den Weg läuft, wie in Tianjin der Fall, nicht unüblich, Ausländer zu sogenannten Facejobs zu engagieren. Es gibt Fälle, in denen ausländische Studenten auf diese Art ihr Studium finanzierten, indem Sie beispielsweise auf Firmenveranstaltungen gewisse Rollen spielen, wie die eines ausländischen Investors.

Wer des Chinesischen nicht mächtig ist, dem empfiehlt sich das „ICOON global picture dictionary‘, mit Symbolen für jede Situation zum draufzeigen

Unangenehme Aufgaben
Es gab auch andere zweifelhafte Aufgaben innerhalb meines Tätigkeitsbereichs. So musste ich des Öfteren in eine Modellwerkstatt, um den Bau von Architekturmodellen zu überwachen. Mit unserer Übersetzerin fuhr ich dafür hinaus in die Vorstadt. An den vielen Werkbänken dort klebten Arbeiter Plastikteile zusammen, manche schliefen mit dem Gesicht in die Arme gelegt und es roch entsetzlich nach Klebstoff. Einmal verbrachte ich dort die ganze Nacht, um ein Modell fristgerecht abzuliefern. Sogar die Frau eines Arbeiters half beim Bau mit und erstaunt stellte ich fest, dass die Menschen hier mit ihren Familien in der Werkstatt lebten. Natürlich legte ich selbst auch Hand an, was zunächst zwar aus falschem Stolz abgelehnt, später aber dankbar angenommen wurde. Wir arbeiteten bis in den Morgen. Während einer Pause durchstreifte ich den Komplex und fand auch die Behausungen der Arbeiter. Sie lebten in um vermüllte Höfe gruppierten, barackenartigen Gebäuden, etwa vier bis sechs Leute in einem kleinen Zimmer. Natürlich beschlich mich dieses Gefühl der Schuld, an etwas Falschen teilzuhaben. Doch man muss sich auch einmal klarmachen, dass ein solcher Lebensstandard für viele hier oftmals sogar einen Fortschritt bedeutet aus noch viel schlechteren Verhältnissen.

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erschöpfte Bauarbeiter (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Völkerverständigung
Neben diesen fragwürdigen Geschehnissen gab es natürlich viele schöne und lustige Momente. Zum Beispiel, wenn man feststellte, das um einen herum plötzlich alle chinesischen Arbeitskollegen tief und fest schliefen, mitten am Tag. Wir trieben zusammen Sport, wurden zu Hochzeiten eingeladen, feierten Geburtstage und kamen einander näher. Zwischen den deutschen Kollegen im Büro entstand schon früh eine große Verbundenheit. Tianjin ist keine international geprägte Stadt wie Peking oder Schanghai, wo man ein komplett westliches Leben führen kann. In Tianjin kam es vor, dass ich eine ganze Woche lang keinen einzigen Ausländer sah. Im Gegenteil, man erregt als Langnase“ sehr oft Aufmerksamkeit. In einer solchen Situation verbindet natürlich die Heimat. Wir gingen zusammen essen, Bier trinken, fuhren zusammen in Urlaub und unterstützten uns gegenseitig.

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Gespenster in der Wohnung
An einem Sonntagmorgen klopfte einmal mein Mitbewohner an meine Zimmertür. Müde und im Pyjama bekleidet öffnete ich und folgte mit meinem Blick nur seinem Finger, der ins Wohnzimmer zeigte. In unserer Wohnung stand ein wildfremder Mann und brachte in aller Seelenruhe Fließen an der Wand an. Er drehte sich von seiner Leiter aus zu uns um, lächelte und winkte uns zu, während wir verdutzt dastanden. Wie man also sieht, kann auch das Verständnis für Privatsphäre eine andere sein.

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morgendliches Tai Chi (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Aufbruch
Nach einem Jahr beschloss ich, Tianjin den Rücken zu kehren und nach Schanghai zu ziehen. Ich bewarb mich bei großen internationalen Büros bekam und prompt eine Stelle in einem deutschen Büro mit Ableger in Shanghai. Nur die Tatsache, dass ich bereits in China war, bot mir diese Möglichkeit und soll hier zum Ausdruck bringen, welche Chancen sich hier bieten können. Die Erfahrungen, die ich dort machte, waren natürlich völlig andere als zuvor in Tianjin. Schanghai ist eine pulsierende Supermetropole, in die es Jahr Menschen aus aller Welt zieht. Meine dortigen chinesischen Kollegen hatten fast durchweg in Europa oder den USA studiert und sprachen gut Englisch, manche sogar deutsch. Die Arbeit war gut organisiert und die Büroräumlichkeiten zudem in einem Topstandard. Ausländer sah man so gut wie an jeder Straßenecke und man konnte sich aussuchen, italienisch, spanisch oder doch chinesisch zu Abend zu essen.

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Gong Bao Ji DIng, mein Lieblingsgericht (Bild: MaSan/Martin Seibel)

Sich auf China einlassen
Und doch, meine Zeit in Tianjin möchte ich nicht missen. Das geschafft und gemeistert zu haben, macht mich in gewisser Hinsicht stolz und zeigt mir, dass ich alles schaffen kann. Tianjin eröffnete mir einen wesentlich intensiveren Zugang zu Kultur und Menschen, als dies in Schanghai der Fall war. Sich auf eine Stadt wie Tianjin einzulassen bedeutet, sich auf China einzulassen.

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Bild: MaSan/Martin Seibel

Erinnerungen
Gerne erinnere ich mich an den Da-Bing-Verkäufer, der auf meinem Weg zur Arbeit aus seiner winzig kleinen Wohnung diese herrlichen Eierpfannkuchen für umgerechnet 30 Cent verkaufte. Da stand er mit seiner Pfanne, direkt dahinter sein kleines Bett, und schien doch so zufrieden zu sein mit sich und der Welt. Eine Lektion in Bescheidenheit, die mich sehr beeindruckte. Und die vielen Parks – abends waren diese voll mit Menschen. Senioren hingen mit langen Stäben ihre Vogelkäfige nebeneinander in die Bäume, so dass die Vögelchen etwas Gesellschaft hatten. Lieder wurden gesungen, in großen Gruppen zu Salsa getanzt und Tai Chi praktiziert. Die Wege glichen einer Rennbahn, auf der Menschen jeden Alters vor- und rückwärts ihre Runden drehten. Männer ließen leuchtende Drachen steigen, kleine Kinder fuhren mit Skateboards herum und andere klopften sich einfach rhythmisch auf den Bauch. In Sachen Lebensfreude haben uns diese Menschen einiges voraus, soviel ist sicher.

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Bild: MaSan/Martin Seibel

Last Train Home, von der Machern von Up The Yangtse, beschäftigt sich mit der langen und harten Reise nach Hause zum chinesischen Neujahrsfest – Ein Must See!

Fazit
Zur Arbeit als solche ist zu sagen, dass die Projekte, an denen ich arbeitete, einer Größenordnung und Bedeutung angehörten, von denen Architekten in Europa nur träumen können. Ich befasste mich mit Bauvorhaben mit zehntausenden Quadratmetern, von Museen bis zu Hochhäusern. Ich hatte oft freie Hand bei Entwürfen und empfand die extrem flachen Hierarchien als sehr angenehm und auch vorteilhaft. Auch hiervon könnte man sich bei uns eine Scheibe abschneiden. Auch die Tatsache, in welch kurzer Zeit solche Projekte realisiert wurden, sagt einiges aus über die Rolle Chinas, dass es in der Welt heute schon spielt und morgen spielen wird. Nach meiner Zeit in China bekam ich in Deutschland schnell einen Job, was vorher nicht denkbar gewesen wäre. Dafür bin ich meinen chinesischen Arbeitgebern äußerst dankbar. Sie gaben mir eine Chance, einen Job und eine faire Bezahlung. Dinge, die in Deutschland wirklich nicht mehr selbstverständlich sind. Ich kann den vielen Absolventen von morgen, von denen es künftig immer mehr geben wird und die sich unter großer Konkurrenz durchsetzen müssen, nur den Schritt nach Asien empfehlen. Ich jedenfalls würde dies genauso wieder machen. Oft wurde ich von Kollegen in Schanghai mit großen Augen gefragt, wie das denn gewesen sei in Tianjin, in einem richtigen chinesischen Büro. Wie es mit der Verständigung geklappt hätte und überhaupt, wie man denn so etwas aushält. Schrecklich müsse das doch sein und man könne sich das ja gar nicht vorstellen. Dann musste ich lächeln und kam mir vor wie ein richtiger Abenteurer.

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Bild: MaSan/Martin Seibel
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3 Gedanken zu „Leben und Arbeiten in China

  1. Wirklich toller Erfahrungsbericht! Besonders gut nachvollziehen kann ich deine Erfahrung mit dem Verkäufer der Eierpfannkuchen um 30 Cent verkauft. In vielen östlichen Ländern sieht man wie Menschen für wirklich ganz wenig Geld anstrengende Arbeit verrichten, unter klimatisch sehr fordernden Bedingungen, und dabei einfach nur glücklich und dankbar aussehen – diese Leute strahlen oft förmlich vor Unbeschwertheit und Fröhlichkeit. Nicht selten hat man den Eindruck dass diese Leute eigentlich besser dran sind als viele von uns Europäern, zumindest was die eigene Zufriedenheit und Dankbarkeit betrifft.

    1. Ja, das habe ich mir auch schon oft gedacht. Manchmal schauen wir vielleicht zu sehr auf das, was uns fehlt statt auf das, was wir haben. Am besten gesagt hat das wohl Udo Jürgens….“Ist das nichts“. … Ist das nichts, daß du sagen kannst: „Ich esse mich satt.“. Während irgendwo jemand kein Reiskorn mehr hat. … LG

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