Albanien mit Kindern – ein tolles Abenteuer
Schulferien, allen voran die Sommerferien, sind ein stressiges Thema für Eltern wie uns. Alles ist voll, alles ist ausgebucht, alles ist teuer. Es sei denn, man hat bereits ein Jahr vorher alles „klar“ gemacht. Zu dieser Kategorie gehöre ich, gehören wir nicht – und wollen das auch gar nicht. Auf Kommentare der Planerfraktion wie „Wie, ihr habt noch nicht gebucht?!“ reagiere ich fast schon allergisch.
Aber hey, so ist das halt in den Schulferien. Wer in Italien, Frankreich, Österreich, Kroatien oder Holland nicht längst gebucht hat, fällt hinten runter. Jedenfalls weiß ich eines: 1.000 Euro für ein Mobile Home auf einem Campingplatz in der Bretagne? Zahle ich nicht!
Um aus diesem Teufelskreis rauszukommen, haben wir uns auf unsere Vergangenheit als Backpacker besonnen und uns ein Reiseziel ausgesucht, in dem spontanes Reisen noch problemlos möglich ist: Albanien.
Wie Montenegro oder auch Bulgarien – längst nicht mehr Kroatien oder Slowenien – geht das nämlich wunderbar und für einen Bruchteil des Preises.
Einige Kommentare haben wir bereits im Vorfeld erhalten: „Ist Albanien nicht furchtbar arm?“ oder „Was, ihr wollt da wirklich mit Kindern hin!?“ Die Vorurteile gingen noch viel weiter. Die Mafia wurde erwähnt, die Machokultur, Diskriminierung von Frauen.
Ich würde mal sagen: typische deutsche Angst, auf die die ganze Welt – und auch ich – überhaupt keinen Bock hat! Diese Haltung motivierte uns noch mehr, gerade dorthin zu reisen. Dahin, wo die Bedenkenträger nicht hingehen. Denn da ist es sicherlich herrlich entspannt an den Stränden und es gibt auch keine mit Handtüchern belegten Liegestühle. 😉
Wir waren also in Albanien, mit Kind und Kegel. Es war super, es war lecker und ja, es war auch wild und abenteuerlich. Aber zu keiner Zeit gefährlich oder unangemessen für Kinder.
Was wir so gemacht haben, erfahrt ihr in diesem Reisebericht.




Tirana
Tirana erinnert uns massiv an China. Sehr kommunistisch angehauchte Bausubstanz, ewig breite Straßen, riesige Plätze, das blanke Chaos auf den Straßen. Motorräder fahren auf Gehwegen, Autos parken mitten auf der Straße. Bettelnde Kinder an den Ampeln, Schuhputzer hier und dort.
Wohin man auch schaut, man kann sich nicht sattsehen. Das Einzige, was man tun muss, ist sich hineinzuwerfen in den Trubel und sich treiben zu lassen.
Wir sind dieses Jahr nicht mit dem Campervan gefahren, weil uns die Miete zu teuer war und die Strecke zu weit. Mit Ryanair ging es deshalb von Karlsruhe nach Tirana und von dort mit dem Mietwagen weiter.
Die erste und letzte Nacht haben wir in Tirana gebucht, eine kleine private Wohnung mitten im Zentrum. Das würde ich jederzeit wieder so machen. Die Fahrt vom Flughafen ist nicht weit, man kann sich schon ein bisschen an Land und Leute gewöhnen – und Tirana ist schlichtweg zu spannend, um die Stadt links liegen zu lassen.
Jahrzehntelang nahezu diktatorisch geführt, öffnete sich das hermetisch abgeschottete Albanien erst in den Neunzigern der Welt und erinnert uns gerade deshalb an das China der frühen Zwanziger, in dem wir ein paar Jahre gelebt haben.
In diese alten Strukturen schiebt sich nun das neue Albanien Stück für Stück hinein. Zuerst wurden die grauen Fassaden bemalt, dann wurde und wird neu gebaut, sodass sich alles im Umbruch befindet. Und gerade das macht diese Stadt so interessant und lebendig.
Flankiert von Meer und Bergen ist allein die Lage spektakulär. Am besten erlebt man das auf der „Pyramide von Tirana“, einem verlassenen Museum und heute Treffpunkt für jedermann.
Wir lassen uns durch das noble Viertel Blloku (Ish-Blloku) treiben, gehen eine Pizza essen und schlendern über den Skanderbeg-Platz, wo wir gleichzeitig die neue Architektur mit ihren Türmen und die alte Moschee bewundern.




Himarë
Nach Himarë fahren wir am nächsten Tag locker fünf Stunden. Die Straßen sind alle völlig okay, die Überquerung des Llogara-Passes später wirklich schön und spektakulär. Aufgrund der Serpentinen braucht man eben seine Zeit, aber das ist völlig in Ordnung.
Mit Himarë, wo wir uns eine Airbnb-Wohnung gemietet haben, erreichen wir unser Strand-Domizil für eine Woche. Rückblickend kann ich sagen, dass das für uns als Familie mit kleinen Kindern ein toller Standort war.
Wir haben uns ganz bewusst gegen Ksamil entschieden – viel zu touristisch und viel zu eng – und gegen Sarandë, da zu groß. Mit Himarë haben wir ein gutes Mittelmaß gefunden.
Das kleine Städtchen bot genug, aber eben auch nicht zu viel Infrastruktur. Der Strand war stets fußläufig erreichbar und hatte ganz tolle Abschnitte. Dazu gab es Ausflugsmöglichkeiten in die Umgebung. Perfekt also für uns.
Unser Apartment befand sich auf der Anhöhe direkt hinter dem Strand. Das hatte den Vorteil, dass wir jederzeit für eine Pause der Hitze entfliehen und uns in der klimatisierten Wohnung zurückziehen konnten.




Gekocht haben wir selbst und der Weg zum Supermarkt oder zum Bäcker war nie weit. Liegen haben wir auch nicht gemietet, sondern uns für ein paar Euro einen Schirm gekauft und – wie viele andere auch – das Geld für teure Liegen gespart, die in Ksamil zum Beispiel fast obligatorisch sind.
Durch Selbstkochen und solche Kleinigkeiten kann man gerade im Familienurlaub einiges an Geld sparen.
Mit dem Auto haben wir dann die Gegend erkundet, unter anderem den schicken Livadhi Beach und den Dhermi Beach. Besonders gut gefallen hat uns aber die Altstadt von Himarë, weit oben über dem Strand gelegen. Alte steinerne Gassen, diese Ruhe – fast wie in einer anderen Welt.

Auch toll war ein Abstecher nach Porto Palermo, wo sich die alte Festung spektakulär ins Meer hineinschiebt.
Himarë bedeutet Strandurlaub und so haben wir das auch gehalten. Morgens waren wir am Strand und nach einer Pause mittags dann auch noch einmal nachmittags bis in den Abend hinein. Abends kochten wir zu Hause oder aßen mal in einem Strandrestaurant oder machten noch einen kleinen Ausflug.
Die tollsten Strandabschnitte findet man übrigens eher in Richtung Süden. Je weiter weg vom Städtchen, desto schöner.

Mesopotam, Gjirokastër und Blue Eye
Eine Woche Himarë fühlt sich insgesamt perfekt an – nicht zu kurz, nicht zu lang – und wir fahren weiter in Richtung Süden.
Zunächst machen wir einen kurzen Abstecher nach Sarandë und sind froh, dass wir uns für Himarë entschieden haben. Der Verkehr hier ist schrecklich, ein unablässiger Strom aus Blech, und die Stadt ist zu groß für eine entspannte Zeit mit Kids, wie wir finden.
Wir lassen Sarandë hinter uns und fahren ins Landesinnere. Spontan mieten wir uns für drei Tage im Ort Mesopotam in ein agrotouristisches Hotel mit Pool ein.
Die Temperaturen sind zu dieser Zeit Wahnsinn und der Pool deshalb eine einzige Wohltat. Außerdem ist es schön, nach sieben Tagen Strand mal raus aus dem Sand zu sein und einfach dazusitzen, während die Kids unaufhörlich in den Pool springen.
Und Kids lieben Pools. Das ist eine kosmische, universelle Wahrheit.
Hier auf dem Land ist quasi nichts los. An dem Örtchen fließt ein glasklarer, türkisfarbener Fluss vorbei und ansonsten brütet das Land in der Hitze. In der Nähe ragen bereits die albanischen Berge steil in die Höhe, mit ihren kahlen Hängen.



In der Nähe von uns gibt es eine Taverne – ein absoluter Topspot, wie sich herausstellen sollte. Wir bestellen Kartoffeln, Zucchini, Aubergine, Tzatziki, Brot und Salat und bezahlen gerade mal knapp 20 Euro für uns vier.
Wow! So etwas ist an der Küste definitiv nicht zu finden.
Dass am Blue Eye viel los ist, wissen wir. Wir gehen aber dennoch hin, allerdings früh morgens vor dem großen Andrang.
Das Blue Eye ist eine natürliche Quelle, mehr als 50 Meter tief und strahlend blau – also ein echtes Naturspektakel. Vom Parkplatz aus ist es allerdings ein gutes Stück zu Fuß, was bei 35 Grad und ohne Schatten nicht ganz ohne ist.
Die Landschaft drumherum ist wunderschön und das Schauspiel die Mühe wert, wie ich finde.
Einen weiteren Tagesausflug unternehmen wir nach Gjirokastër. Gerne hätten wir dort auch eine Nacht verbracht, aber bei der Hitze entscheiden wir uns für einen Besuch gegen Abend.




Die Fahrt über Sarandë nach Gjirokastër ist richtig toll, denn es geht auf einer großartigen Straße immer weiter hinein in die Berge bis zur „Stadt aus Stein“.
Im Prinzip flanieren wir einfach vergnügt durch die Gassen, bewundern die alten Steinhäuser und genießen den Blick in die Berge. Wer Zeit und Muße mitbringt, kann dort einiges besichtigen, allen voran die Burg über dem Ort.
In einem Straßenrestaurant essen wir Qifqi, Reisbällchen, wie sie für die Region typisch sind. Die Kids essen Pizza und wir betrachten das bunte Treiben überall um uns herum.
Es ist leider schon etwas viel Tourismus hier – und dennoch: Der Ort ist bezaubernd und urig obendrein. Gerne würde ich hier im Winter verweilen und durch die verschneiten Gassen schlendern.

Lukova
Danach geht es noch einmal ans Meer, in einen winzig kleinen Ort über der Steilküste: Lukova.
Wir kommen in einer Ferienwohnung bei Einheimischen unter, mit einem grandiosen Blick über die Bucht bis nach Korfu – Wahnsinn.
Oben an der Hauptstraße gibt es ein, zwei Tavernen und einen Kiosk, das war es eigentlich. Das hier ist ein Ort, um völlig herunterzukommen und sich einfach mal so zu fühlen, als wohne man am Meer.
Wir verbringen viel Zeit an ganz tollen Stränden. Diese sind hier etwas schwieriger zu erreichen, haben deshalb aber auch einen tollen, abenteuerlichen Charme.
Buneci Beach erreicht man über einen Feldweg steil bergab. Es gibt eine kleine Strandbar, einen Campingplatz und das war’s. Genau diese Klientel findet sich hier am Strand und es hat einen gewissen Touch von der guten alten Hippiezeit.



Es gibt einen langen Betonsteg, wahrscheinlich einen alten Militärsteg, von dem man herrlich ins Meer springen kann.
Toll ist auch, dass hier ein Fluss ins Meer fließt. Süß- trifft also auf Salzwasser: hier warm, dort kalt. Auch das habe ich so noch nie gesehen.
Dort sind wir zweimal und leihen uns ein SUP, mit dem wir entspannt herum paddeln – für einen Fünfer, der jeden Cent wert ist.
Genauso toll, vielleicht sogar noch besser, ist der Lukova Beach. Dort unten entscheiden wir uns für die rechte Seite und mieten uns das einzige Mal in unserem Urlaub zwei Strandliegen.
Das Wasser ist traumhaft, dieser Ort ist traumhaft, die dazugehörige Beach Bar ist traumhaft – alles hier ist traumhaft.
Am nächsten Morgen geht es zurück nach Tirana, wo wir noch einen Abend verbringen, bevor es zum Flughafen geht.

Fazit
Albanien ist ein Land, das man leicht und gut mit Kindern bereisen kann. Wir haben sehr viele Familien mit Kindern überall getroffen, einige auch aus Deutschland, und einige sind sogar von Deutschland aus mit dem Auto gefahren.
Bezahlt haben wir nahezu überall mit Visa-Karte. Entgegen mancher Quellen ist es also nicht nötig, Unmengen an Bargeld herumzuschleppen.
Die Menschen sind wahnsinnig nett und kinderfreundlich. Auch das Fahren war insgesamt ungefährlich, wenn auch mancherorts chaotisch.
Nervig und problematisch ist allerdings der Müll überall. Beliebte Orte können enorm verdreckt sein, weswegen wir Hotspots wie Ksamil oder Gjipe Beach erst gar nicht aufgesucht haben.
Bei solchen touristischen Hotspots wird dann allerdings auch richtig hingelangt und man zahlt fürs Parken, für die Liege, für alles eben.
Es lohnt sich also, der eigenen Nase zu folgen. Und genau das bietet Albanien: ein Land, in dem man sich spontan treiben lassen kann, das Platz bietet und an vielen Stellen wirklich wunderschön ist.
Für uns als Familie war es jedenfalls genau das, was wir gesucht haben: ein bisschen wild, ein bisschen chaotisch, unglaublich lecker – und vor allem ein echtes Abenteuer.
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