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Mission Baden Marathon #3 – Geschwindigkeit ist nicht das Problem

Vielleicht habe ich jahrelang am falschen Hebel gezogen. Wenn man lange genug Marathon läuft, entwickelt man gewisse Überzeugungen. Eine davon habe ich seit Jahren: Der Longrun ist die wichtigste Einheit der Woche. Dafür brauche ich weder eine KI noch irgendeinen Trainingsguru. Das wusste ich schon lange bevor ich meinen ersten Ultra gelaufen bin. Und ganz sicher lange bevor ich angefangen habe, mit ChatGPT über Marathontraining zu diskutieren. Deshalb bestand mein Training in den letzten Jahren auch nie aus einem wilden Sammelsurium von Intervallen. Die langen Läufe waren immer da. Teilweise sehr lang. Teilweise sehr viele. Teilweise so viele, dass ich Freitagabends losgelaufen bin, wenn die Familie längst auf dem Sofa saß. Der Preis für diese Einheiten war nicht selten hoch. Aber genau das erschien mir logisch. Wer Marathon laufen will, muss lange laufen. Punkt.

Das eigentliche Problem war ein anderes.

  • Trotz Longruns
  • Trotz hoher Umfänge. Trotz vieler Kilometer
  • Trotz Wochen mit 100 Kilometern und mehr

Kam am Ende nie die Zahl heraus, die ich mir erhofft hatte. Irgendwo zwischen Kilometer 30 und 35 wurde es regelmäßig kompliziert. Und genau deshalb ist die aktuelle Vorbereitung interessant. Nicht weil ich plötzlich entdeckt hätte, dass Longruns wichtig sind. Sondern weil ich zum ersten Mal ernsthaft hinterfrage, ob ich die Longruns bisher wirklich optimal genutzt habe.

Dienstag – Bahn geht immer

Die Woche in Woche 3 meiner Vorbereitung auf Karlsruhe begann auf der Bahn.

4 x 2000 Meter.

Eigentlich genau die Art von Einheit, die ich mag. Tempo. Struktur. Leiden. Da gibt es kein Verstecken. Du läufst los und irgendwann wird es unangenehm. Sehr unangenehm. Genau deshalb mag ich solche Einheiten. Die Wiederholungen liefen ordentlich. Hart. Aber kontrolliert. Kein völliges Aus-dem-Leben-Schießen. Einfach ehrliche Arbeit. Und anschließend kam wieder dieser Satz von ChatGPT. Ein Satz, der mich mittlerweile fast verfolgt.

„Geschwindigkeit ist nicht dein Problem.“

Wenn ich ehrlich bin, wollte ich das anfangs gar nicht hören. Denn Geschwindigkeit ist ein einfaches Problem. Geschwindigkeit kann man trainieren. Mehr Intervalle. Mehr Tempo. Mehr Belastung. Fertig.

Leider sprechen die Zahlen inzwischen eine andere Sprache. Eine 37er-Zeit über 10 Kilometer passt nicht wirklich zu einem Marathonläufer, der permanent knapp an der Sub 3 scheitert. Eine Halbmarathonzeit um 1:22 ebenfalls nicht. Und genau deshalb wird die Frage langsam interessant:

Vielleicht fehlt gar nicht die Geschwindigkeit. Vielleicht fehlt die Fähigkeit, diese Geschwindigkeit bis ins Ziel zu tragen

Donnerstag – Der Lauf des Elend

Donnerstag stand ein lockerer Lauf auf dem Programm. Zumindest theoretisch. Praktisch war es ein einziger Kampf. Schwere Beine. Kein Rhythmus. Mehrere Gehpausen. Einer dieser Läufe, bei denen man ständig auf die Uhr schaut und hofft, dass sie kaputt ist. War sie leider nicht. Die Pace war langsam. Die Beine fühlten sich noch langsamer an. Und natürlich begann sofort das Kopfkino. Bin ich platt? Verliere ich Form? War das alles zu viel? Die Antwort von ChatGPT war erstaunlich unspektakulär.

„Vielleicht bist du einfach müde.“

Danke für nichts.😄

Aber wahrscheinlich war genau das die richtige Antwort. Die Bahn vom Dienstag steckte noch in den Beinen. Die Vorwochen ebenfalls. Und manchmal ist ein schlechter Lauf eben einfach ein schlechter Lauf. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Samstag – Die Einheit, über die niemand schreibt

Samstag folgte ein lockerer Lauf über Feldwege. Nichts Besonderes. Keine Rekorde. Keine spektakulären Zahlen. Wahrscheinlich genau die Art von Einheit, die in den sozialen Medien komplett untergeht. Dabei sind es genau diese Kilometer, die langfristig den Unterschied machen. Nicht jeder Lauf muss eine Geschichte erzählen. Manche müssen einfach nur gelaufen werden.

Sonntag – Die eigentliche Keysession

Und dann kam der Longrun. Für mich schon immer die wichtigste Einheit der Woche. Daran hat sich nichts geändert. Geändert hat sich allerdings der Fokus. Früher ging es häufig um die Frage:

  • Wie weit?
  • Wie schnell?
  • Wie viele Kilometer?

Heute kommt eine weitere Frage hinzu: Wie bekomme ich im Wettkampf ausreichend Energie ins System?

Der Longrun wird zum Ernährungslabor

Die größte Veränderung dieser Vorbereitung hat nichts mit Pace zu tun. Und auch nichts mit Kilometern. Sie steckt in den Softflasks. Denn wenn ich auf meine vergangenen Marathons zurückblicke, fällt ein Muster auf. Die Form war meistens da. Die Geschwindigkeit ebenfalls. Trotzdem wurde es irgendwann schwierig. Deshalb trainiere ich aktuell nicht nur die Beine. Sondern auch die Energieversorgung. Nicht weil ich bei einem lockeren 25-Kilometer-Lauf Angst habe, leerzulaufen. Sondern weil ich den Magen darauf vorbereiten möchte, im Wettkampf deutlich größere Mengen Kohlenhydrate verarbeiten zu können. Der Longrun wird dadurch zu mehr als einer Ausdauereinheit. Er wird zum Testlabor.

Diesmal landeten rund 65 Gramm Kohlenhydrate in den Softflasks. Dazu Wasser. Dazu etwas Buffer. Kein Hexenwerk. Aber ein weiterer Schritt. Denn genau solche Dinge habe ich früher häufig eher nebenbei behandelt. Mittlerweile bekommen sie dieselbe Aufmerksamkeit wie die eigentliche Trainingseinheit.

Die spannende Erkenntnis: Der Test funktionierte problemlos. Kein Völlegefühl. Keine Probleme. Keine Warnsignale. Natürlich beweist das noch gar nichts. 25 Kilometer in lockerem Tempo sind nicht 42 Kilometer im Wettkampftempo. Aber genau darum geht es. Schritt für Schritt Belastung und Energieaufnahme zusammenzubringen. Nicht erst am Wettkampftag. Sondern schon Wochen vorher.

Vielleicht funktioniert Greif für 95 Prozent

Und bevor jetzt jemand Schnappatmung bekommt: Nein. Das hier ist kein Anti-Greif-Artikel. Ganz im Gegenteil. Die hohen Umfänge haben mich stärker gemacht. Die vielen Longruns ebenfalls. Sonst würde ich heute nicht dort stehen, wo ich stehe.

Trotzdem muss man irgendwann ehrlich zu sich selbst sein. Wenn man jahrelang auf einem ähnlichen Leistungsniveau unterwegs ist, darf man zumindest die Frage stellen:

Fehlt wirklich noch mehr Training?

Oder fehlt vielleicht etwas anderes? Genau diese Frage beschäftigt mich momentan. Denn möglicherweise liegt der größte Hebel nicht in einer weiteren Tempoeinheit. Nicht in weiteren 20 Kilometern Wochenumfang. Nicht in einem noch härteren Trainingsblock. Sondern in Dingen, die bisher eher nebenbei liefen:

  • Ernährung
  • Energieversorgung
  • Ermüdungsresistenz
  • Regeneration

Gespräch der Woche

Ich: „Kann es sein, dass du mich manchmal zu viel lobst?“

ChatGPT: „Wenn ich Unsinn lobe, wäre das ein Problem. Aber genauso falsch wäre es, Fortschritte zu ignorieren.“

Ich: „Muss mir das peinlich sein, dass ich seit Jahren keine Sub 3 laufe?“

ChatGPT: „Nein. Peinlich wäre es, immer wieder exakt dasselbe zu machen und ein anderes Ergebnis zu erwarten.“

Das blieb hängen.

Vielleicht auch deshalb, weil es ein bisschen weh tat.

Fazit

Die wichtigste Erkenntnis dieser Woche steht auf keinem Trainingsdiagramm.

  • Nicht bei der Pace.
  • Nicht beim Puls.
  • Nicht bei den Intervallen.

Vielleicht besteht der Weg nach Baden nicht darin, noch schneller zu werden. Vielleicht besteht er darin, die Geschwindigkeit, die längst vorhanden ist, endlich über die komplette Marathondistanz verfügbar zu machen. Das klingt deutlich weniger spektakulär als ein neuer Rekord auf der Bahn. Aber vielleicht liegt genau dort die Antwort, nach der ich seit Jahren suche. Wir werden sehen. Mission Baden Marathon läuft weiter. Nicht mit mehr Tempo. Nicht mit mehr Kilometern.

Sondern mit der Hoffnung, endlich am richtigen Hebel zu ziehen. 🏃‍♂️💭

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