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Das Klima hat sich schon immer verändert – warum dieses Argument ins Leere läuft

Während ich diesen Artikel schreibe, rollt wieder einmal eine Hitzewelle über Deutschland. Die Thermometer klettern auf Werte, bei denen man sich fragt, ob man noch in Mitteleuropa lebt oder bereits versehentlich nach Südeuropa umgezogen ist. Und wie zuverlässig die nächste Hitzewelle kommt auch das nächste Argument der Klimawandel-Skeptiker:

„Das Klima hat sich schon immer verändert!“

Herzlichen Glückwunsch. Das ist tatsächlich richtig. Das Problem ist nur: Niemand behauptet das Gegenteil.

Die Lieblingsausrede der Klimaleugner

Wenn jemand sagt: „Das Klima hat sich schon immer verändert“, klingt das zunächst wie ein schlagendes Argument. Ist es aber nicht. Denn die Aussage beantwortet nicht die entscheidende Frage: Warum verändert sich das Klima gerade jetzt? Menschen werden auch seit Jahrtausenden krank. Trotzdem würde niemand behaupten, dass Rauchen deshalb keinen Lungenkrebs verursachen kann. Waldbrände gab es schon immer. Trotzdem kann ein Mensch einen Wald anzünden. Naturereignisse gab es schon immer. Das bedeutet nicht, dass menschliche Einflüsse ausgeschlossen sind.

Blick auf die letzten 300 Jahre

Schauen wir uns einmal an, was sich in den letzten Jahrhunderten verändert hat. Die erste Grafik zeigt den menschengemachten CO₂-Ausstoß seit Beginn der Industrialisierung.

Was fällt auf? Über Jahrtausende war der menschliche Einfluss auf die Atmosphäre praktisch vernachlässigbar. Erst mit Kohle, Öl, Gas und der Industrialisierung schießen die Emissionen förmlich durch die Decke. Vor allem seit etwa 1950 sieht die Kurve aus wie eine Rakete. Und jetzt kommt der spannende Teil: Zur gleichen Zeit beginnt auch die globale Durchschnittstemperatur deutlich anzusteigen. Natürlich beweist eine Korrelation allein noch keine Ursache. Aber wir kennen die Ursache bereits. CO₂ wirkt als Treibhausgas. Das ist keine politische Meinung, sondern Physik. Wenn mehr CO₂ in der Atmosphäre ist, bleibt mehr Wärme im System Erde zurück. Die Überraschung wäre also nicht die Erwärmung. Die Überraschung wäre, wenn trotz massiv steigender Treibhausgase nichts passieren würde.

Ja, das Klima hat sich schon immer verändert

Kommen wir zum Lieblingsargument zurück. Natürlich hat sich das Klima schon immer verändert. Die Erde war bereits deutlich wärmer und deutlich kälter als heute. Es gab Eiszeiten. Es gab Warmzeiten. Niemand bestreitet das. Aber hier wird häufig ein entscheidender Punkt unterschlagen: Die Geschwindigkeit.

Die zweite Grafik erzählt die eigentliche Geschichte

Die zweite Grafik zeigt die Temperaturentwicklung seit dem Ende der letzten Eiszeit.

Man erkennt deutlich, dass sich das Klima in der Vergangenheit tatsächlich verändert hat. Aber man erkennt noch etwas anderes: Diese Veränderungen verliefen meist über viele Jahrtausende. Nach dem Ende der letzten Eiszeit stieg die globale Temperatur um mehrere Grad Celsius – allerdings verteilt über etwa 10.000 Jahre. Heute haben wir etwa 1,3 Grad Erwärmung innerhalb von rund 175 Jahren erlebt. Das ist, als würde jemand behaupten, ein Fahrrad und ein Formel-1-Wagen seien praktisch dasselbe, weil beide Räder haben. Die Größenordnung der Geschwindigkeit ist eine völlig andere.

Warum die Geschwindigkeit wichtig ist

Stellen wir uns vor, der Meeresspiegel steigt um einen Meter. Wenn das über 5.000 Jahre geschieht, werden Küstenstädte dutzende Generationen Zeit haben, sich anzupassen. Wenn das über wenige Jahrzehnte geschieht, sieht die Sache anders aus. Dasselbe gilt für Landwirtschaft, Infrastruktur, Wälder und Ökosysteme. Natur kann sich an Veränderungen anpassen. Aber Anpassung benötigt Zeit. Genau diese Zeit wird immer knapper.

Der Elefant im Raum

Was mich an vielen Diskussionen überrascht: Die gleichen Menschen, die beim Benzinpreis eine Veränderung von zehn Cent sofort bemerken, erklären gleichzeitig, dass ein globaler Temperaturanstieg um über ein Grad in historisch kurzer Zeit völlig bedeutungslos sei. Das erscheint zumindest bemerkenswert. Vor allem, wenn die Datenlage inzwischen sehr umfangreich ist. Wir messen steigende CO₂-Konzentrationen.

  • Wir wissen, dass der zusätzliche Kohlenstoff überwiegend aus fossilen Brennstoffen stammt.
  • Wir messen steigende Temperaturen.
  • Wir beobachten schmelzende Gletscher.
  • Wir beobachten steigende Meeresspiegel.

An irgendeinem Punkt wird aus „kritischem Hinterfragen“ schlicht das Ignorieren von Daten.

Selbst wenn die Skeptiker recht hätten …

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment.

Nehmen wir an, die Klimaskeptiker hätten recht. Nehmen wir an, die aktuelle Erwärmung wäre vollständig natürlich. Dann bliebe trotzdem eine unbequeme Tatsache bestehen: Die Erde würde sich erwärmen.

Die Folgen wären dieselben. Hitzewellen würden nicht verschwinden. Dürren würden nicht plötzlich harmlos werden. Steigende Meeresspiegel würden nicht zwischen natürlichem und menschengemachtem Wasser unterscheiden. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Ursache vollständig natürlich wäre, hätten wir weiterhin allen Grund, unsere Lebensgrundlagen zu schützen, Energie effizienter zu nutzen, Ressourcen zu schonen, Wälder zu erhalten und unsere Umwelt widerstandsfähiger zu machen. Der Astrophysiker Carl Sagan formulierte es einst treffend:

„That’s here. That’s home. That’s us.“

„Das ist hier. Das ist unsere Heimat. Das sind wir.“

Wir handeln in vielen Bereichen nach dem Vorsorgeprinzip. Wir schließen Versicherungen ab. Wir tragen Sicherheitsgurte. Wir installieren Rauchmelder. Nicht weil wir wissen, dass etwas passieren wird. Sondern weil die möglichen Folgen groß sind. Warum sollte ausgerechnet beim einzigen Planeten, auf dem wir leben können, ein anderer Maßstab gelten?

Der Blick von oben

Vielleicht braucht man manchmal ein paar hundert Kilometer Abstand, um die Dinge klarer zu sehen. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat nach seinen Missionen auf der ISS immer wieder beschrieben, wie sich die Perspektive auf die Erde verändert, wenn man sie von außen betrachtet. Von dort oben sieht man keine Ländergrenzen. Keine politischen Lager. Keine Ideologien. Man sieht nur einen kleinen blauen Planeten in der Schwärze des Alls. Einen Planeten, auf dem alles stattfindet, was uns wichtig ist.

  • Unsere Familien
  • Unsere Städte
  • Unsere Geschichte
  • Unsere Zukunft

Mehr haben wir nicht. Es gibt keinen Planeten B. Keine zweite Erde in Reserve. Nur diesen einen blauen Punkt. Gerade deshalb erscheint es seltsam, wenn manche Menschen jede Diskussion über Klimawandel reflexartig mit dem Satz beenden wollen:

„Das Klima hat sich schon immer verändert.“

Ja, hat es.

Aber wir leben nicht auf der Erde vor 20.000 Jahren. Wir leben auf der Erde von heute. Und für diese Erde tragen wir Verantwortung.

Fazit

Ja, das Klima hat sich schon immer verändert. Ja, es gab Warmzeiten lange vor Autos, Flugzeugen und Kohlekraftwerken. Aber daraus folgt nicht, dass die heutige Erwärmung ebenfalls rein natürlich sein muss. Das ist ungefähr so logisch, wie zu behaupten:

„Es hat schon immer Waldbrände gegeben. Deshalb kann niemand einen Wald anzünden.“

Die Erde verändert sich ständig. Die eigentliche Frage ist, welchen Anteil wir daran haben. Und wenn man sich die CO₂-Kurve der letzten 300 Jahre neben die Temperaturentwicklung der letzten 20.000 Jahre ansieht, wird die Antwort ziemlich offensichtlich. Selbst wenn sie manchen nicht gefällt.

Und noch was: Was ich hier schreibe ist keine Hysterie: Die Welt wird nicht untergehen, der Mensch wird nicht ausgerottet. Eines aber wird passieren, wenn das so weitergeht – die Welt wir dann zunehmend unbewohnbar. Wenn alle Systeme versagen (Jetstream, Golfstrom, usw.), dann werden vielleicht alle Lebensformen sterben auf der Welt – alle außer uns. Wir werden vielleicht Städte bauen unter riesigen Kuppeln und dort weiterleben, jedenfalls die Außerwählten unter uns. Jedenfalls werden wir Wege finden. Die Frage ist doch aber: WOLLEN WIR DAS? IST DIESE WELT DANN NOCH LEBENSWERT.

Wir haben nur diese eine Welt. Da draußen ist nichts. Wir haben nur diesen kleinen, blauen Punkt, unser Zuhause!

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