GOING ULTRA – Platz 506 (32.AK) beim UTMB TRAIL ALSACE / TDC
Kurz vor 19 Uhr sitzen wir auf dem Marktplatz in Barr und warten darauf, dass das Flammkuchen-Restaurant aufmacht. Wo lässt es sich besser warten als an einem VP bei Kilometer 110 eines 160-Kilometer-Rennens? Die Sonne scheint, die Atmosphäre ist entspannt und mit großen Lücken dazwischen trudelt das hintere Feld hier langsam ein. Nach 110 Kilometern und mehr als 24 Stunden Laufzeit lacht hier eigentlich keiner mehr. Keiner – außer einem. Der steht grinsend an der Absperrung, plaudert fröhlich und hat seine Sporttasche schon vor sich stehen. Der Mann steigt aus dem Rennen aus.
Aber warum geht der jetzt raus, denke ich mir, so kurz vor dem Ziel? Wobei „kurz“ bei einem Ultralauf natürlich ein dehnbarer Begriff ist. Morgen werden wir selbst einen 50-Kilometer-Ultra laufen. Für uns lang. Für die Typen hier? Eher Kurzstrecke zum Warmwerden.
Unbreakable
Das Interessante bei einem UTMB-Lauf wie diesem ist: Über die Startnummer erfährt man unfassbar viel über die Leute. Also schauen wir mal bei dem Mann nach. Und plötzlich erscheint eine Liste, bei der uns die Kinnlade runterfällt. Der Typ bewegt sich beim „Krassheitsgrad“ irgendwo in einem Paralleluniversum – und dass er hier aussteigt, juckt ihn offenbar exakt null komma null.
Da steht unter anderem der Swiss Peaks Ultra Legend mit 397 Kilometern und 28.000 Höhenmetern. Zwei Wochen später lief er einfach noch einen Zweihunderter hinterher. Und die Liste geht endlos weiter. Ähnliches gilt für viele andere Läufer hier draußen. Menschen, die nach 110 Kilometern, einer bereits durchgelaufenen Nacht und einer weiteren bevorstehenden Nacht noch sieben, acht oder neun Stunden unterwegs sein werden.
Komplett geisteskrank. Und gleichzeitig maximal faszinierend.
Es geht los
Mit diesem Eindruck gehen wir ins Restaurant, gönnen uns einen Flammkuchen mit Münsterkäse und dazu ein Meteor 0,5 – wie sich das bei Trailläufern gehört. Danach geht’s brav ins Bettchen, denn morgen um 7 Uhr fällt der Startschuss.
Beim UTMB D’Alsace gibt es verschiedene Distanzen von 10 bis 160 Kilometern, alle mit unterschiedlichen Startorten, aber demselben Ziel: Obernai. Wir laufen den Trail des Celtes – nach den 100 Meilen und den 100K die drittlängste Distanz. Knapp 50 Kilometer mit dezenten 1.800 Höhenmetern.
Der Wecker klingelt um 5 Uhr morgens. Erst mal duschen, dann Toast mit Butter und Marmelade sowie ein Glas Ultrasports Buffer. Danach beginnt das übliche Ultra-Ritual: Was muss mit, was nicht? Es ist kalt heute Morgen, gerade mal fünf Grad, später wird’s warm. Was zieht man an?
Als ich den Trailrucksack aufsetze – den Salomon ADV Skin 5, völlig ausreichend für 50K – sitzt alles perfekt. Vorne die Flasks, hinten der Köcher mit den gut greifbaren Stöcken, dazu Handy, Gels, Snacks. Alles da. Los geht’s Richtung Start.
Freakshow
Es herrscht direkt diese echte UTMB-Atmosphäre, als sich die Läufer in den engen Gassen der Altstadt sammeln. Verschiedene Startwellen, sortiert nach UTMB-Index-Ranking.
Ich stehe in Welle 2 und warte auf den Start. Kurz vorher taucht plötzlich ein Typ mit langen orangenen Haaren auf – null Equipment. Keine Weste, keine Stöcke, nichts. Shorts, T-Shirt, fertig. Er stellt sich ganz vorne rein.
Der DJ ballert einen emotionalen Song über den Platz, alle bekommen Gänsehaut. Startschuss.
Und der Typ mit den orangenen Haaren schießt los wie komplett irre.
Später erfahre ich: Das ist Christian Allen, amerikanischer Trail-Eliteläufer. Er wird das Rennen gewinnen und die 48 Kilometer in 3 Stunden und 11 Minuten pulverisieren. Ich schaue mir später seinen Lauf auf Strava an. Bei jedem einzelnen Kilometer steht da eine 3:30er Pace oder schneller. Auch berghoch.
WHAT. THE. FUCK.
Der Mann hat einen Marathon in 2:09 stehen, einen Halbmarathon knapp über einer Stunde – und so geht das weiter. Das zeigt einfach brutal, was hier bei einem UTMB-Rennen unterwegs ist. Hier laufen Leute herum, die in der Weltspitze mitmischen können und Chamonix im Visier haben. Fitnesslevel, die komplett absurd wirken.
Und gleichzeitig ist das maximal inspirierend. Hier werden Grenzen verschoben. Alle sind ein bisschen durchgeknallt. Aber genau das macht diese Szene so geil.
Start und Renntaktik
Und dann geht’s auch für mich los. Knapp 50K, 1.800 Höhenmeter. Let’s go.
Die ersten 17 Kilometer gehen fast durchgehend bergauf – rund 1.000 Höhenmeter am Stück. Danach wieder runter. Und das Ganze später nochmal. Jeder Trail ist anders. Dieser hier lebt von zwei großen Anstiegen statt hundert kleiner.
Nach dem Pfalz Trail vor ein paar Wochen, bei dem ich mich nach 20 Kilometern komplett abgeschossen hatte, ist das Learning jetzt angekommen: Sobald es richtig steil wird, höre ich auf zu laufen und gehe.
Es geht zunächst hoch durch die Weinberge. Die Sonne liegt über der weiten Ebene. Was für eine Aussicht. Dann tauchen wir in den Wald ein. Vor mir eine riesige Schlange aus Läufern, langsam ziehen alle ihre Stöcke.
Ich warte noch etwas ab, gehe im Eilschritt und stütze die Hände auf den Oberschenkeln ab. Uphill muss nicht langsam sein. Manche versuchen hier hochzurennen. Großer Fehler. Das sind Körner, People. Und die braucht man später noch.
Irgendwann hole ich dann doch die Stöcke raus. Auch da kann man viel falsch machen. Wichtig ist, Druck auf die Stöcke zu bekommen, Kraft in die Arme zu verlagern und sich aktiv hochzudrücken. Die Stöcke nach hinten pressen, während die Beine nach oben arbeiten.
So ziehe ich das über 1.000 Höhenmeter durch. Wo es flach wird, laufe ich. Steile Passagen gehe ich im Speedwalk hoch. Die Downhills lasse ich rollen. Nicht komplett wahnsinnig – aber schon ordentlich.
Bis Kilometer 17 läuft das alles erstaunlich locker.
An der VP lege ich den Rucksack ab, gehe aufs Klo, ziehe die Jacke aus und schlendere erst mal entspannt übers Buffet.
„EAT AS MUCH YOU CAN“, hatte mir beim Grand Ballon mal jemand gesagt.
Genau so halte ich das auch.
Bis hierhin habe ich nur an den Softflasks genippt – Ultrasports Buffer und Wasser – plus ein Gel. Wenig, magenschonend. Jetzt wird nachgelegt. Puls runter, Magen beruhigen, Snacks rein. Danach geht’s weiter Richtung nächste 10 Kilometer.
Und mir geht’s richtig gut.
Grandiose Stimmung
Immer wieder gibt es mitten im Wald kleine Spots, an denen Leute stehen und uns anfeuern. Sie sehen das kleine deutsche Fähnchen auf meiner Startnummer und sprechen mich direkt auf Deutsch an.
„Super, Martin! Courage!“
Das ist etwas, das ich in Frankreich extrem feiere. Die Leute hier sind nicht ausschließlich auf Fußball fixiert, sondern – Tour-de-France-geprägt – generell begeistert von Ausdauersport jeder Art.
Die machen sich mitten im Wald auf den Weg und feuern Menschen an, die sie überhaupt nicht kennen.
„Courage!“
In Deutschland halten dich nicht wenige für komplett bescheuert, wenn du so etwas machst. Hier nicht. Hier bekommt jeder Respekt, der sich auf den Weg macht und versucht, etwas durchzuziehen.
Man merkt das überall. Auf den Serpentinen im Elsass wird ein Radfahrer nicht als Störfaktor gesehen, sondern mit Respekt behandelt. Diese Begeisterungsfähigkeit fehlt mir bei uns oft.
Mehr machen. Weniger nur bewerten.
Frankreich hat für mich echten Sport-Spirit.
Ruhig bleiben und Erfahrung ausspielen
Ab jetzt beginne ich mitzuzählen: Wie viele Leute überhole ich – und wie viele überholen mich bis zur nächsten VP bei Kilometer 30?
Die Vorsichtslampen bleiben weiter an. Noch ist hier gar nichts entschieden.
Der zweite große Anstieg kommt. Auch diesmal bleibe ich eisern. Kein sinnloses Hochrennen. Sticks raus, Speedwalk, Puls unten halten. Das echte Rennen wird später entschieden.
Dem Magen geht’s weiterhin gut. Ein paar Tropfen Iberogast, dazu immer wieder kleine Schlucke aus den Flasks. Nicht zu viel auf einmal.
Neben mir steckt sich plötzlich einer den Finger in den Hals und kotzt. Wenig später sackt ein anderer mit Krämpfen zusammen. Ich frage kurz, ob alles okay ist.
Alles gut. Weiter geht’s.
Ab Kilometer 30 wird’s brutal downhill. 35 Läufer habe ich bis hierhin eingesammelt – jetzt dreht sich das Spiel. Meine Waden machen dicht, die Achillessehnen brennen. Downhill tut inzwischen richtig weh.
Also lasse ich andere ziehen und nehme Tempo raus. Magen schonen. Beine irgendwie am Leben halten.

Ist das überhaupt noch Rennen?
An VP2 angekommen, snacke ich mich erst mal durchs Buffet. Essen fällt inzwischen schwer, der Magen rebelliert langsam. Also gehe ich erst mal ein Stück. Die Sonne knallt jetzt brutal rein.
Noch 18 Kilometer.
Ab hier läuft der Kurs in Wellen weiter. Kleine Anstiege, kleine Downhills. Die ganz großen Bretter sind geschafft.
Rennen? Nee. Das hier ist inzwischen kontrolliertes Joggen mit Gehpassagen bergauf.
Mit einem Straßenmarathon hat das nichts mehr zu tun. Dort läufst du konstant deine Pace durch. Hier geht es nur noch darum, sich nicht komplett zu zerstören.
Wer jetzt noch eine 5er Pace laufen kann, kassiert hunderte Leute ein. Dazu gehöre ich definitiv nicht. Aber komplett eingehen tue ich eben auch nicht.
Es ist heiß inzwischen. Kein Wald mehr. Nur noch Weinberge und Wiesen. Kein Schatten.
Brutal.
Aber hey: Mir ist nicht schlecht. Ich kann noch joggen. Viele andere gehen nur noch.
Das Ding heimbringen
Und so bringe ich das Ding nach Hause.
So ein Ultra zieht sich brutal. Das ist irgendwann nur noch Kopfsache. Und dann taucht irgendwann Obernai auf. Man hört unten in den Gassen schon den Jubel.
Ich rolle die letzten Hügel hinunter, laufe in die Altstadt hinein und schließlich ins Ziel, wo heute wirklich jeder einzelne Läufer herzlich empfangen wird.
Und genau darum geht’s hier am Ende auch irgendwie. Nicht um Pace. Nicht um Platzierungen.
Sondern einfach darum, dieses verdammte Ding nach Hause zu bringen
KEEP ON RUNNING, PEOPLE!
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