Über Leben – ein Abend mit Rheinhold Messner
Lange stehe ich nicht in der Schlange. Zum Glück habe ich das Buch noch gefunden, das ich einst in Bozen auf Schloss Juval gekauft habe. Damals im Museumsshop – mit der vagen Vorstellung, dass er es mir irgendwann vielleicht signieren würde. Vielleicht an einem Lagerfeuer. Vielleicht für meinen Sohn.
Und dann stand er plötzlich vor mir. Einfach so. Bei meinem Gang durch die Ausstellung. Ich sprach ihn nicht an. Der Moment war nicht richtig.
Heute ist er es.
Er sitzt vor der Lesung an einem Tisch und signiert Bücher. Als ich an der Reihe bin, blickt er nicht auf. Unterschrift folgt auf Unterschrift. Routine. Ich lege ihm mein Buch hin – nicht eines von hier, sondern das aus Bozen. Er nimmt es, mustert es kurz, schlägt die erste Seite auf, signiert.
Ich warte. Nehme es nicht sofort. Will keine Eile in diesen Moment bringen. Er klappt das Buch zu, reicht es mir – und sieht auf. Nur ein kurzer Blick. Aber in diesem Blick liegt alles.
Ein Mensch, der Dinge gesehen hat, die für die meisten von uns – mich eingeschlossen – unvorstellbar sind. Einer, der dem Tod näher war als dem Leben. Und der trotzdem immer wieder zurückgekommen ist. Der sich neu erfunden hat. Dem man zuhört, wenn er spricht.
Weil seine Worte Gewicht haben. Reinhold Messner.
ÜBER LEBEN
Der Titel des Abends ist kein Zufall. „Über Leben“ – das ist beides: Überleben und Leben. Auf der Bühne: ein Sessel, eine kleine Lampe, ein Glas Wasser. Mehr nicht.
Als Messner den Raum betritt, wird es schlagartig still. Hunderte Menschen – und man könnte eine Nadel fallen hören. Alle Altersgruppen. Alle aufmerksam.
Es ist diese besondere Art, die er hat: unaufgeregt, klar, authentisch. Keine Inszenierung. Kein Pathos. Und genau deshalb wirkt es. Wenn er spricht, hört man zu. Weil man spürt: Das ist nicht erzählt. Das ist erlebt.
Messner sieht sich nicht als Stellvertreter für all jene, die seine Wege gern gegangen wären. Im Gegenteil. Er spricht von einem Leben in Wandlung. Vom Extremkletterer zum Bergsteiger. Vom Bergsteiger zum Durchquerer der großen Ebenen. Später Museumsgründer, Entwicklungshelfer. Und heute: Geschichtenerzähler.
Er vergleicht sich mit den Ältesten, die er auf seinen Reisen erlebt hat. Menschen, die am Feuer sitzen und erzählen. Und alle hören zu. Genau das passiert hier.
Die Kunst, nicht zu sterben
Messner spricht über Wildnis. Über das, was sie wirklich ist – und was wir heute daraus gemacht haben.
Die Kunst, sagt er, bestehe darin, sich in Situationen zu bringen, in denen man sterben könnte – und es nicht tut. Ein Satz, der hängen bleibt.
Er spricht über Kletterhallen. Über Plastikgriffe. Über Sicherheit. Und darüber, dass das nichts mit dem zu tun hat, was draußen passiert. Am Fels. Am Berg. Dort, wo es ernst wird.
Schon als Kind ist er unterwegs. Mit seinem Bruder Günther. Tagelang. Die Eltern lassen sie gehen. Nicht aus Gleichgültigkeit – sondern aus Vertrauen. Oder vielleicht aus einer anderen Zeit heraus.
Sie suchen nicht das Einfache. Sie suchen die Herausforderung. Lernen das Klettern selbst, steigern das Risiko. Immer weiter.
Und dann diese Szene, die er erzählt: Ein Sprung. Ein Griff. 70 Meter Tiefe unter ihm. Wenn er ihn verfehlt – ist es vorbei. Für ihn. Für seinen Bruder.
Er erreicht ihn. Und klettert weiter.
Ich frage mich nicht, ob das verrückt ist. Ich verstehe, warum er das getan hat. Ein Leben im Tal, geprägt von Enge, Dunkelheit, Autorität. Kein Sonnenlicht im Winter. Die Berge dagegen: Freiheit. Licht. Weite.
Oben stehen und ins nächste Tal schauen. Und sich fragen, was dahinter liegt. Ich verstehe das. Die eigentliche Frage ist eine andere: Hätte ich den Griff erreicht?
Überleben
Die ehrliche Antwort: nein. Und genau hier wird es spannend. Denn immer, wenn ich über Messner spreche, kommt irgendwann dieser Punkt: „Das ist doch verrückt. Dieses Risiko. Dieses bewusste Sich-in-Gefahr-Bringen.“
Ich sehe das anders. In „Free Solo“ sagt Alex Honnold, dass es nicht auf die Länge des Lebens ankommt, sondern auf seinen Inhalt. Ein Gedanke, der hängen bleibt.
Was ist die Alternative? Ein sicheres Leben. Planbar. Kontrolliert. Risikoarm. Vielleicht lang. Aber ist es auch erfüllt?
Der Mensch ist nicht für Stillstand gemacht. Nicht für ewige Sicherheit. Er ist ein Entdecker. Schon immer gewesen. Von den ersten Wanderungen durch unbekannte Landschaften bis zu den großen Expeditionen. Zu den Polen. In die Tiefsee. Auf den Everest. Zum Mond.
Und irgendwann vielleicht noch weiter. Das, was Messner getan hat – Grenzen verschieben, immer wieder –, ist kein Wahnsinn. Es ist zutiefst menschlich.
Von Bergen und Leere
Dann spricht er über den Nanga Parbat. Den Berg, an dem sein Bruder stirbt. Die Geschichte ist bekannt. Und doch trifft sie, wenn er sie erzählt, anders. Direkter.
Der Abbruch der Expedition. Seine Entscheidung weiterzugehen. Der Gipfel. Und dann: Günther. Unerwartet. Geschwächt. Ohne Sicherung.
Kein Zurück mehr. Nur noch ein Weg nach unten – ein anderer, gefährlicherer. Was folgt, ist kein Abenteuer mehr. Es ist Überleben. Kälte. Erschöpfung. Angst. Ein Zustand am Rand.
Und wieder stelle ich mir die gleiche Frage. Und wieder lautet die Antwort: nein.
Später erzählt er von der Antarktis. Von endlosen Tagen. Vom Ziehen des Schlittens. Vom Weiß. Vom Wind. Von einer Monotonie, die alles verschluckt. Keine Dramatik mehr. Nur noch Durchhalten. Auch das ist eine Form von Grenzerfahrung.
Der letzte Weg
Es gibt nicht viele Menschen, denen ich wirklich gern zuhöre. Menschen, von denen ich etwas mitnehme.
Messner gehört dazu. Vielleicht, weil er Klarheit hat. Weil er Dinge ausspricht. Weil er Haltung zeigt – auch wenn es unbequem ist.
Als er über Grönland spricht, wird es kurz humorvoll. Kein Anspruch auf Besitz, sagt er. Ein trockener Seitenhieb. Und der Hinweis: Unter 3.000 Metern Eis gibt es dort ohnehin nichts zu holen.
Dann wird es wieder ruhig. Er spricht über den Tod. Über seinen letzten Weg. Ohne Pathos. Ohne Angst. Er freue sich darauf, sagt er. Auf die Stille. Die Ruhe. Die Unendlichkeit. Ein Satz, der nachhallt.
Der Abend endet. Aber eigentlich endet er nicht. Er wirkt nach. Wie damals in Bozen, am Lagerfeuer. Und vielleicht bleibt am Ende vor allem eines: Das Leben ist kurz. So oder so.
Und vielleicht geht es nicht darum, es möglichst sicher zu verbringen. Sondern darum, es wirklich zu leben. Nicht immer nur sichere Ufer zu suchen. Sondern aufzubrechen. Auch im Kleinen.
Und den Mut zu haben, Dinge zu verändern.
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