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Mit dem Zug zum Trail – und auf ihm zurück

Ich fahre mit dem Zug weit weg von zu Hause, um anschließend dorthin zurückzulaufen. 34 Kilometer, 1.200 Höhenmeter, drei Anstiege. Ein Lauf durch Matsch, Wind und Einsamkeit – und durch eine Frage, die mich schon länger beschäftigt: Wie naturverbunden ist Trailrunning wirklich?

Anreise in die Distanz

Gestern nahm ich den Zug gen Westen nach Rinnthal. Im Warmen sitzend blickte ich durch die vom Regen gesprenkelte Scheibe hinaus in die Landschaft. Verlässt man Landau in westlicher Richtung, sieht man zunächst Wiesen – dann Wald. Nur noch Wald.

Die Dauer der Fahrt setzte ich ins Verhältnis zu dem Tag, der vor mir lag. Das ist weit. Und lang. Und gleich würde ich genau diese Strecke zurücklaufen – nicht mehr hinter Glas, sondern draußen, mitten in dieser Landschaft.

Noch eine Station. Rucksack schultern. Reißverschluss hochziehen. Aussteigen. Loslaufen.

Zum Trail laufen statt fahren

In letzter Zeit laufe ich zum Trail, anstatt mit dem Auto hinzufahren. Nicht immer. Aber immer öfter.

Das Prinzip ist simpel: Ich nehme den Zug, fahre bewusst weit weg – und laufe nach Hause zurück. Die Alternative wäre die klassische Variante: hinfahren, Runde drehen, heimfahren. Effizient. Zeitsparend. Praktisch.

Doch Effizienz ist nicht alles.

Neulich hörte ich im Deutschlandfunk eine Diskussion über Gletschertourismus. Naturbewusste Menschen reisen um die halbe Welt, um Gletscher zu sehen, bevor sie verschwinden – und beschleunigen mit ihrem Verhalten genau diesen Prozess. Ein Wissenschaftler nannte das ein Absurdum.

Der Gedanke blieb hängen.

Das Absurdum im Trailrunning

Lässt sich dieses Paradox auf unsere Szene übertragen?

Trailrunning versteht sich als naturnah, reduziert, ursprünglich. Doch gleichzeitig boomen Fernreisen zu Events, Alpenüberquerungen, internationale Rennserien. Nach Madeira zum UTMB. Nach Nepal für Höhenmeter über 4.000. Zwei Tage Kurztrip in die Alpen – nur fürs „Draußensein“.

Die Frage drängt sich auf:
Ist es nicht widersprüchlich, Wildnis zu feiern und sie zugleich durch unseren Lebensstil massiv zu belasten?

Der CO₂-Fußabdruck eines Fluges relativiert viele nachhaltige Alltagsentscheidungen. Und doch inszenieren wir uns als besonders naturverbunden.

Ich stelle diese Fragen nicht aus moralischer Überlegenheit. Im Gegenteil.

Keine Moral, sondern Reflexion

Ich nehme mich ausdrücklich nicht aus. Ich bin kein Asket, kein Radikaler. Auch ich nutze den Komfort des Reisens.

Aber ich denke darüber nach. Und mein Verhalten verändert sich. Nicht perfekt. Nicht konsequent. Aber spürbar.

Der Lauf von Rinnthal nach Hause ist kein Statement. Er ist ein Versuch.

34 Kilometer Wildnis

Der Einstieg in den Wald fühlt sich tatsächlich ein wenig wie Wildnis an. Grau. Nass. Matschiger Trail. Drei längere Anstiege summieren sich auf knapp 1.200 Höhenmeter über 34 Kilometer.

Ich begegne niemandem.

Die Einsamkeit ist intensiv – zugleich bedrückend und faszinierend. Mal gehe ich, mal bleibe ich stehen, mal renne ich bergab, als gäbe es kein Morgen.

Nach dem dritten Anstieg wartet der Orensfels. Er thront wie ein Turm über dem Pfälzerwald und öffnet den Blick über scheinbar endlose Baumkronen. Wolken jagen die Hänge hinauf, der Wind peitscht Regen gegen meine Kapuze.

Von hier an nur noch Downhill.

Irgendwann verlasse ich den Wald. Die Weinberge nehmen mich wieder auf. Und ich laufe nach Hause.

Was bleibt?

Vielleicht ist der entscheidende Unterschied nicht, ob wir reisen – sondern wie selbstverständlich wir es tun.

Dieser Lauf war langsamer. Umständlicher. Weniger effizient.

Aber er fühlte sich stimmiger an.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort:
nicht im Verzicht, sondern im bewussteren Umgang mit dem, was wir lieben.

2 Kommentare

  • Oliver

    Ich bin immer wieder erstaunt wieviele Läufer sich ins Auto setzen, ne Weile fahren, um dann irgendwo in der Natur zu laufen. Regelmäßig bis fast immer. Null Verständnis bei mir dafür. Das tolle am Laufen ist doch genau die Einfachheit. Klamotten an, Haustür zu, loslaufen.
    Oder eben sowas zu machen wie du das beschreibst. Richtig klasse und eine Gute Idee! Einfach mit der Bahn irgendwo rausfahren und zurücklaufen. Klar, da muss man etwas planen und vielleicht wird es nicht so easy. Aber auch das gehört dazu. Und der Erlebnisfaktor ist um einiges höher.
    Deshalb laufe ich übrigens so wenig Events “ausserhalb”, also die mit langer Anreise. Im besten Fall verbinde ich sowas mit Urlaub, oder lasse es eben. Nur CO2 produzieren um irgendwo zu laufen, das mach ich nicht. In der Nachbarschaft gibts genug kleine, feine Veranstaltungen oder ich mach was für mich allein. Ist mir eh am liebsten 🙂

    • MaSan

      Hi Oliver,

      ich bin auf den Text hier gekommen durch einen Artikel in der Tagesschau über das sogenannte “Absurdum Gletschertourismus”. Im Prinzip geht es darum, dass in diesem Fall die Gletscher wirklich extrem durch genau diejenigen zerstört werden, die von sich selbst glauben, Umweltschützer zu sein und sich entsprechend darstellen. Der Co2 Ausstoß von Leuten, die von der Ferne anreisen und sich den Gletscher auch noch per “Heli” ansehen, geht gegen den “Orbit”. Dieses absurde Verhalten beobachte ich überall, auch bei jungen Menschen, die für die Umwelt demonstrieren, aber mindestens zwei Fernreisen pro Jahr machen. Oder Leute, die in Australien wohnen und drei Mal die Familie in Deutschland pro Jahr besuchen, als wäre die Standortentscheidung vom Universum vorgegeben und nicht in der eigenen Hand. Sowas ist einfach absurd. Es gibt Ausnahmen die ich bewundere, Kilian Jornet zum Beispiel. Jornet publiziert den eigenen CO2 Footprint auf seiner eigenen Website. Er setzt sich aktiv für den Schutz der Umwelt ein und nutzt dafür seine Prominenz. Dafür ist ein CO2 Impact halt einfach notwendig, der aber um ein Vielfaches kompensiert wird, weil er den Bekanntheitsgrad nutzt, um Positives zu bewirken. Mich bedrückt im Großen und Ganzen einfach dieses Verlangen vieler, möglichst aufwendig in die entlegensten Winkel zu reisen, um sich möglichst abzugrenzen, was immer schwieriger wird, weil es alle machen. Wenn ich bei der Besteigung der Zugspitze anstehen muss für ein Selfie, dann stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Ich will mit so etwas nichts zu tun haben.

      Liebe Grüße

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