Laufen – in meinem Element
Ich schließe die Haustür und stehe in der Kälte, laufe los gen Westen und lasse Landau hinter mir. Wie schnell das doch geht. Mein Weg führt mich durch Weinberge und schließlich nach Siebeldingen, wo der Haardtrand sich aus der Ebene erhebt. Ab hier beginnt der Wald. Ab hier geht es nach oben. Ich nehme die Trailstöcke von der Seite meines Rucksacks und laufe hoch, immer hoch Richtung Hohenberg.
Ich habe keine Lust auf irgendwelche Laufveranstaltungen momentan. Sonntagfrüh aufzustehen und irgendwo hinfahren, um auf Zeit zu ballern – es interessiert mich gerade nicht. Im März steht ein Marathon an, im Mai dann zwei tolle Traiilläufe, darauf freue ich mich aber schon.
Als ich nach oben laufe, eröffnet sich mir ein atemberaubender Blick über die Weinberge hinweg in die Ebene. Wie schnell man doch draußen ist, richtig draußen! Ein paar Wanderer kommen mir entgegen, und erst wieder oben auf dem Hohenberg treffe ich Gleitschirmflieger.

Ich rede nicht, ich laufe einfach. Manchmal bleibe ich stehen, an einem Ausblick oder einfach nur so. Ich bin ganz allein und höre nichts – nichts! Knappe 30 Kilometer werde ich heute laufen mit knapp 1.000 Höhenmetern, so wie die Woche davor und auch jene vor dieser. Es ist verblüffend immer wieder zu erfahren, wie schnell sich der Körper an Belastung adaptiert, wie viel leichter einem so etwas von Mal zu Mal fällt. Laufen ist die totale Tuchfühlung mit dem Körper, ein intensivstes Bewusstsein, ein Hineinhorchen in das Innere. Und das auch mental, psychisch.
Leistung spielt dabei primär keine Rolle. In dem Sinne, dass ich merke, dass gut ich mich immer besser fühle mit den Höhenmetern und der Strecke, aber nicht in Form eines Wettkampfes oder sowas. Ich fühle mich frei hier und habe einfach Lust an dem, was ich tue, nicht mehr und nicht weniger. Und wenn ich später nach Hause komme, bin ich auf wundersame Art und Weise geerdet und glücklich. Ich merke, dass sich meine Haltung zum Laufen zunehmend ändert, so wie sich meine Haltung zum Leben ändert mit der Zeit. Meine Haltung, Dinge zu sehen. Ich laufe seit Ewigkeiten, und bis dato war das ein Prozess. Ich glaube nicht, dass ich das noch machen würde, wenn es nur um Zeit geht, nur um Leistung.
Leistung ist nichts weiter als ein Gradmesser, im Worst Case nichts weiter als ein knallharter Vergleich. Wenn nur das Nahrung ist für das Tun, dann verblasst der Sinn irgendwann, wenn einem die Realität des Leistungsabfalls klar wird. Nein, das war Laufen noch nie für mich. Ich finde immer wieder zurück zu dem, was ich beim Laufen seit dem ersten Schritt fand. Einem Weg zu mir selbst, zu einer Form des Ausgleichs eines künstlichen, alles umfassenden Alltag, der sich immer mehr von der wahren Natur des Menschen entfernt. Manchmal, wenn mich Leute fragen, was ich mache und ich ihnen das dann erzähle, reagiert der ein- oder andere mit der Frage des WARUM. Es scheint manchmal, als habe sich der Mensch in der Breite in völligem Komfort eingerichtet und vergessen, dass in der Bewegung seine wahre Natur liegt. Es ist zwecklos auf die Frage eines WARUM zu antworten. Die Lösung in der artifiziellen Form dieses Alltags zu finden, der in Form von völlig absurden Gebilden wie Fitnessstudios oder “Fitnesstrackern” zum Zählen von Schritten wirklich beachtliche Sphären erreicht, ist für mich völlig absurd – aber scheinbar normal und nicht verbunden mit der Frage eines WARUM.
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