FahrradGesundheitLaufen, SportLiteratur, Bücher

Tim Krabbé: Das Rennen (Buchrezension)

Radrennen

„Meyrueis, Lozère, 26. Juni 1977. Warm, bewölkter Himmel. Ich nehme meine Sachen aus dem Auto und setze mein Fahrrad zusammen. Von Straßencafés aus schauen Touristen und Einwohner zu. Nicht-Rennfahrer. Die Leere in ihrem Leben schockiert mich.“

Diesen Satz habe ich in einem fantastischen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über ein Rennen von lauter Freaks gelesen, die im Prinzip nonstop (oft auch über Nacht) von Paris nach Brest fahren. Auf dem Weg dorthin passieren lauter unfassbare Dinge, die für die Fahrer selbst ganz bestimmt der blanke Horror, für den Leser aber überaus witzig sind. Zum Beispiel klemmt sich da einer eine Coladose unter das Kinn, weil die Nackenmuskeln versagen, ein anderer beschreibt die Suche nach einer bequemen Schlaflage auf einem Heizungsrohr, usw. Und natürlich läuft das auf die Frage hinaus, warum man sich sowas antut. Und dann kommt dieser Satz vom Tim Krabbé und liefert diesen. Und damit war klar, dass ich dieses Buch lesen musste. Nachdem es soweit ist, kann ich nur sagen. Grandios gut und zu Recht ein Klassiker der niederländischen Literatur.

Tim Krabbé Das Rennen
„Angreifen muss man so spät wie möglich, aber bevor es die anderen tun“ (Buchauszug, Bild: Pixabay)

Von Hinterradlutschern und Ausreißern
Irgendwann also findet im Bilderbuch-Südfrankreich das schwerste Rennender Saison statt, die Mont Aigoual Rundfahrt. 150 Kilometer führen über fünf Pässe und den höchsten Berg der Cervennen ins Ziel. Und während Tim Krabbé am Straßenrand sein Fahrrad zusammenbaut, treffen nach und nach weitere Rennfahrer ein. Barthelémy mit seiner dicken Brille, mit dem er Streit hat, Despuech, Kleber, Lebusque, Reilhan, der mysteriöse Fahrer von Cycles Goff und wie sie alle heißen. Freunde, Bekannte, Feinde. Während des Rennens werden sie andere Namen bekommen: Idioten, Versager, kleines Arschloch, Hinterradlutscher. Ob jemand nun ein Hinterradlutscher ist oder nicht, muss Krabbé nicht erfragen, das sieht er schon an deren Übersetzung.

„Am ersten Anstieg schüttelte ich Sauveplane von mir ab wie einen zerfransten Putzlappen.“

Über jeden gibt es etwas zu berichten, eine Geschichte zu erzählen, und hier unternimmt Krabbé Ausflüge in die Vergangenheit, berichtet von halsbrecherischen Rennen in Belgien über spiegelglattes Kopfsteinpflaster, von Frontalzusammenstößen mit Autos, von mutigen Ausreisversuchen, kräftezehrenden Kletterpartien, selbstmörderischen Abfahrten und vielen großen Momenten seiner eigenen Karriere. 1972 war es, als er sich sein erstes Rennrad kaufte, mit dreißig Jahren, viel zu spät. Mit dem Bindfaden vermaß er seine Strecken auf Landkarten, trainierte immer härter. Und nachdem er seine Amateurlizenz erwarb, durchlief er die ganze Hierarchie des Radsports, vom „abgehängt werden“ über „im Hauptfeld bleiben“, bis hin zum Sieg.

Tim Krabbé Das Rennen
„Ich höre nichts und ich sehe nichts, aber ich spüre, dass hinter mir einer nach dem anderen nicht mehr mitkommt.“ (Buchauszug, Bild: Pixabay)

Das Rennen
Schon nachdem die ersten Kilometer durch eine Schlucht in der Hochebene der Cervennen entlang der Les Gorges de la Jonte zurückgelegt wurden, weiß derjenige Leser, der von diesem Sport überhaupt keine Ahnung hat, jetzt schon mehr darüber als nach einer Woche Tour de France schauen. Wer geglaubt hat, dass derjenige ein Rennen gewinnt, der am schnellsten in die Pedale tritt, hat sich getäuscht. Löcher werden aufgerissen und durch den Pelotoneffekt, der ausgleichenden Kraft der Sogwirkung, wieder zugefahren. Ein Sog, der stärker ist als jene des Tempomachers. Immer? Nein nicht immer, aber fast. Da geht es um die Frage, wer sich nun hergibt, sprich der Depp ist, der das Loch zufährt, um sich im Anschluss von den Hinterradlutschern abhängen zu lassen.

„Schalten ist eine Form der Schmerzbekämpfung, also gleichbedeutend mit Aufgeben.“

Es wird zu Sprints angezogen, neue Spitzen werden formiert, und Helden der Abfahrt werden abgelöst durch die Meister des Kletterns, wie Krabbé einer ist. Und auch Klettern ist alles andere als einfach den Berg hochzufahren. Für den Abfahrer der Horror, für den Kletterer ein Rausch, manchmal auch die Beschwichtigung der Proteste der eigenen Organe. Und auch hier wird gegrübelt: Schalte ich, während ich klettere, oder bleibe ich auf dem großen Blatt? Das sind nicht nur Fragen, sondern auch Aussagen.

Tim Krabbé Das Rennen

Von 46 Fahrern sind bald 39 abgehängt, und Krabbé ist vorne dabei. Und während der eine ausreist, arbeiten andere zusammen, um diesen wieder einzuholen. Jeder muss etwas investieren, aber nicht alle machen es. Grund genug, um Streit anzufangen und sich zu beschimpfen! Aber jetzt noch nicht, denn das Rennen ist ja noch lang. Und so geht es weiter, durch einsame Käffer und Landschaften, die man vor lauter Schmerz schon bald nicht mehr wahrnimmt: „Eine Landschaft gibt es hier nicht, es gibt nur Lebusques Hinterrad.“ Die Kilometer schwinden, Ausreißer werden zu Abgehängten, der Rhythmus wird gefunden und reicht dann doch nicht mehr aus, um die Schmerzen zu verschleiern. Alles dreht sich um den Zeitpunkt von portionsweise eingesetzten Kraftinvestitionen zum jeweils richtigen Zeitpunkt. Um Fragen, ob man attackiert oder nicht, und wenn ja, wann. Es geht ums Gewinnen und auch ums Gewinnen lassen und auch um das schöne Gefühl, den Reifen des Gegners platzen zu hören.

Große Momente des Radsports
Immer wieder geht Krabbé auf große Momente in großen Rennen ein. Auf die Flandern Rundfahrt 1976 zum Beispiel, als Roger de Vlaeminck und Fred Maertens sich einfach weigern, ein Loch zuzufahren und es bevorzugen, dass ein Dritter gewinnt statt der verhasste Rivale. Voller Anmut wird über Charly Gaul berichtet, dem Rennfahrer der Apokalypse, als dieser sagenhafte 15 Minuten Rückstand auf das Gelbe Trikot bei der Tour de France einholt, indem er durch Schnee, Eis und Stürme rast. Oder über die Tour de France 1951, als Hugo Koblet etwas gelingt, was zuvor nie passierte, Auszureisen, ohne dass sich das Loch hinter ihm wieder schließen wird.

Fazit
Das Rennen ist im Prinzip eine autobiografische Erzählung von Tim Krabbé und seine Obsession im Amateur-Radsport. Hier schreibt ein Mensch voller Leidenschaft in einem noch nicht einmal 200 Seiten langen Werk präzise und schnörkellos auf den Punkt gebracht über die wunderbaren Facetten dieses Sports und alles, was diesen ausmacht.

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, würde ich mich deinen Kommentar freuen!

Dieses Buch auf Amazon kaufen (bei deinem Kauf erhalte ich eine Provision, der Preis für dich ändert sich nicht!)

Weitere Rezensionen über Bücher, die ich richtig gut finde:

Viele weitere Buchrezensionen findest du in der Kategorie Bücher!

Und dann ist da noch mein Buch über den schönsten Sport der Welt für Marathon-Einsteiger 

MaSan
Ma San

Ein Gedanke zu „Tim Krabbé: Das Rennen (Buchrezension)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.