Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte
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Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte (Buchrezension)

Japan. Ein Mann verliert seinen Job. Dennoch verlässt er jeden Morgen das Haus, als sei alles bestens. Seine Frau soll es nicht erfahren, zu sehr schämt er sich dafür. Der Mann sucht nun jeden Morgen einen Park auf, lässt sich auf einer Bank nieder, um pünktlich nach ‘Feierabend’ wieder nach Hause zu kommen. Auf der Parkbank gegenüber allerdings, das merkt er anfänglich gar nicht, sitzt ihm ein junger Mann gegenüber, der genauso wie er seinen Platz jeden Tag aufsucht.  Es ist ein Hikikonori. Jemand, nicht unüblich in Japan, der sich vollends aus der Gesellschaft zurückgezogen hat. Irgendwann kommen die beiden ins Gespräch. Was Milena Michiko Flasar hier geschaffen hat, ist ganz große Literatur. Halb Japanerin, offenbart Sie uns einen tiefen Einblick in eine interessante Facette Japans. Ich nannte ihn Krawatte wurde im Jahr 2012 für den österreichischen Literaturpreis Alpha ausgezeichnet. Ein Buch, zu dem man weinen und lachen kann, das Hoffnung macht und einen viel nachdenken lässt. Ein Must-READ weit abseits des Mainstreams.

Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte

Zwei Männer, ein Schicksal
Die beiden Männer, wie sie so gegenüber auf der Bank sitzen, sind zwar zunächst äußerst ungleich, jedoch in ihrer Situation vereint. Sie beide sind Ausgestoßene, gescheiterte Persönlichkeiten in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Die Bank steht zwar in einer japanischen Großstadt, könnte aber auch hier bei uns in einem Park um die Ecke stehen. Der junge Mann, den der nun arbeitslose Mann gegenüber anfänglich gar nicht bemerkt, ist ein sogenannter Hikikonori. Er hat sich irgendwann aus dem Leben in sein Zimmer zurückgezogen, wo er völlig isoliert sein Dasein fristet und niemanden an sich heran lässt. Seine Eltern können nichts dagegen tun, erreichen ihn nicht mehr. Hikikonori sind ein japanisches Phänomen. Plötzlich ziehen sich Menschen zurück in ihre stille Enklave, sind nicht mehr zugänglich und alles, was man tun kann, ist zu warten, bis sie eines Tages wieder zurück ins Leben zurückkehren. Woran das liegt, weiß niemand. Dieser junge Mann wagt sich nun nach Jahren erstmals wieder nach draußen, auf eben jene Bank in diesem Park, wo ihm ein Mann mit Krawatte gegenüber sitzt.

Annäherung
Nach jahrzehntelangem Angestelltendasein verliert der Mann, vielleicht in seinen Fünfzigern, seinen Arbeitsplatz. Das ist äußerst tragisch in Japan, einem Land, in dem Arbeit alles bedeutet. Bestückt mit seiner Bento-Box, die ihm seine Frau jeden Morgen mit auf dem Weg gibt, macht er sich auf den in den Park, packt die Zeitung aus, liest, schläft, und bemerkt seinerseits den jungen Mann gegenüber. In der Hoffnung, der junge Mann würde am nächsten Tag nicht mehr auftauchen, täuscht er sich. Jeden Morgen sitzen sich die beiden gegenüber und verbringen den Tag miteinander, schweigend. Doch nach und nach nähern sich die beiden aneinander an. Zu groß  ist die Neugier, was zum Teufel jener Mann gegenüber wohl hier den ganzen Tag macht. Zögernd entsteht ein Dialog und die beiden erzählen sich peu à peu etwas aus ihrem Leben. Es ist weniger so, dass jeder der beiden Charaktere eine chronologische Lebensgeschichte vorträgt, vielmehr werden bruchstückhaft Erinnerungen preisgegeben, ganz subtil, doch so treffend, dass der Leser sich seine eigene Vorstellung darum stricken kann.

Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte

Eine sehr berührende Geschichte
Was die beiden sich erzählen, ist durchaus erschütternd, undenkbar traurig, lustig und zugleich hoffnungsvoll. Der ehemalige Angestellte findet einen Draht zu dem jungen Hikikonori, etwas, was sonst niemand jahrelang geschafft hat. Das ist nur möglich aufgrund der Tatsache, dass sein Gegenüber ein zwar ganz eigenes, doch irgendwie schicksalhaft ähnliches Geheimnis hegt. Verstoßen, nicht mehr gebraucht, erweckt der ältere Herr die Sehnsucht des jungen Mannes, zu helfen. So entsteht ein tiefes Band zwischen den beiden und die große Hoffnung, dass jeder für sich einen Weg hinaus aus der Einsamkeit zurück in die Gesellschaft, ins Leben findet.

Universell gültig
Dieser Roman ist so wunderbar gefühlvoll geschrieben, schwebt zerbrechlich dahin wie ein kleines Boot auf einem wilden Ozean. Milena Michiko Flasar hat ein Buch geschrieben, das äußerst beeindruckt und vollends anders ist, was man als Mainstream bezeichnen kann. Die Einfachheit der Handlung, die Schicksale der beiden Männer berührt den Leser und erzeugt eine große Spannung, die beiden mögen doch bitte zurück ins Leben finden. Es ist der große, tragische Konflikt des Einzelnen mit der leistungsorientierten Gesellschaft, die nicht nur Gewinner hervorbringt, sondern Menschen eben auch scheitern lässt. Die Autorin schildert dies wunderbar greifbar. Es geht um nichts weniger als den Verlust und das Wiederfinden von Menschlichkeit, das alles verpackt in tragische, gleichsam melancholische Sätze, die einem auf Messers schneide dazu bewegen können, zu weinen oder zu lachen. Dass die Geschichte ebenso bei uns spielen könnte, macht den Roman universell gültig. Eines der besten Bücher, was ich in den letzten Jahren lesen durfte!

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