„Ganbei!“ Über das chinesische Geschäftsessen

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Tianjin. Während einem gemütlichen Essen mit Kollegen nach Feierabend suche ich die Toilette des Restaurants auf. Als ich so dastehe, stürzt ein Chinese die Tür herein, gesellt sich neben mich und übergibt sich ins Pissoir. „Oh, oh, Geschäftsessen“, denke ich instinktiv. Ganz normal in China!

Ganbei
Ein Wort wird man, insofern man in China beruflich tätig ist, sehr schnell lernen und voraussichtlich niemals vergessen – „Ganbei!“ Ganbei übersetzt sich mit „trockenes Glas“ und bedeutet schlicht „auf ex“. Ein geselliges „Prost“ gibt es hier nicht, was unzähligen ausländischen Geschäftsreisenden stets große Verwunderung beschert. Nämlich dann, wenn es darum geht, bei einem vermeintlich gemütlichen Abendessen den „Deal“ zu besiegeln. Denn, ein chinesisches Geschäftsessen muss man erst einmal unbeschadet überstehen!

Zu Tisch
Die Wege in den unzähligen Restaurants einer jeden chinesischen Stadt sind stets labyrinthartig. Schon am Eingang wird man von feierlich gekleideten Damen empfangen und durch das eigentliche Restaurant hindurch in einen Bereich mit Separees geführt. In einem jeden Separee steht ein großer runder Tisch mit einer ebenfalls runden drehbaren Glasplatte darauf. So sieht der Ort aus, an dem in China Geschäfte besiegelt werden. Einmal Platz genommen, wird man von einer Armee von Bediensteten umschwärmt, die die große Glasplatte alsbald mit vielen kleinen Tellerchen anrichten. Erst mal Vorspeise! Auf den Tellerchen findet man Gerichte wie scharfen Gurkensalat mit Sesam, die allseits sehr beliebten Quallen, kleine aus Reis gebackene Reisbrötchen und so weiter. Der Gastgeber des Essens leitet nun das Festmahl mit einem „Ganbei“ ein, und alle Anwesenden werden damit aufgefordert, ihr Glas hochprozentigen „Pijiu“, Schnaps, auf ex hinunter zu kippen. Nach der Vorspeise ist dann auch gleich der Gast dran, seine Dankbarkeit zu erweisen, mit einem Ganbei natürlich, also einem weiteren Schnaps.

Dann geht es richtig los
Danach wird richtig aufgetischt. Fisch in herrlichen Saucen, butterweiche Aubergine, Lobster auf Eis, Mapo Tofu, ein Streifzug durch die chinesische Küche, herrlich. Wenn nur das Trinken nicht wäre! Gemütlich ein Bier bestellen oder ein Glas Rotwein, an dem man dann gemütlich herumnuckelt, das gibt es hier nicht. Vielmehr geht es jetzt richtig los. Der Gastgeber läuft einmal um den Tisch herum und stößt mit jedem Gast zwei Mal an, Ganbei x 2 also. Das Glas ausgetrunken, wird es mit beiden Händen vor sich gehalten, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass es auch tatsächlich leer ist. Bei manchen Geschäftsessen werden nicht nur kleine Schnapsgläser gefüllt, sondern in richtigen Gläsern teurer Rotwein mit Cognac gemixt und hinunter gekippt. Der Phantasie sind hier eigentlich keine Grenzen gesetzt. Als Grundregel werden stets sehr teure Weine mit anderen sehr teuren Spirituosen bunt zusammen gemixt.

Geschäftsessen China
Zu einem Geschäftsessen in China sollte man nicht nur Appetit mitbringen, sondern auch jede Menge Trinkfestigkeit. Bild: Pixabay

Dann noch ein bisschen Fanta oder Cola dazu, fertig! Das Resultat ist meist absolut ungenießbar und man hat eigentlich gar keine Wahl, als möglichst schnell damit fertig zu werden. Lange hält das natürlich niemand durch, schon gar nicht die Chinesen, die aufgrund einer mutierten Aldeyd-Dehydrogenase, die bei mehr als 50% der Chinesen (beziehungsweise der Asiaten) auftritt, fast gar keinen Alkohol vertragen, weil dieser schlicht nicht gut abgebaut wird. Das ist auch der Grund, warum sich der arme Chinese neben mir auf der Toilette übergeben musste.

Abruptes Ende
Das ganze Ganbei Prozedere ist kurz und hart. Nach spätestens zwei Stunden sind zumindest alle nicht trinkfesten Chinesen sturzbetrunken. Auf einmal, vielleicht ist man gerade dabei, das vorletzte Stückchen (das letzte Stückchen eines jeden Essens lässt man der Höflichkeit halber immer übrig), stehen alle abrupt auf und das Miteinander, das eigentlich keines war, weil man permanent angestoßen und dadurch eigentlich keine Zeit für eine Unterhaltung hatte, ist beendet. Derart schnelles Ende habe ich gar bei Hochzeiten erlebt, die messerscharf und brutal nach maximal drei Stunden enden. Alle stehen auf, und „adios“, ähm, „zaijian“ natürlich. Man ist ja schließlich nicht zum Spaß hier. Kostet alles Geld, ne. Und das nächste Hochzeitspaar ist ja schon im Anmarsch. Zurück zum Thema.

Wie komme ich da drum herum?
Das Einzige, was man tun kann, um dieses Exzess-Saufen irgendwie zu überstehen, ist entweder der Verzehr einer Portion Pommes (viel Glück beim Suchen), oder aber eine gerissene Ausrede wie: „Hey Jungs, ich reagiere allergisch auf Alkohol, sorry!“ Und sowieso befindet sich dieses Ritual im Aussterben, wenn man offiziellen Stellen glauben mag, die derartige Sitten verbieten wollen beziehungsweise schon haben. Denn egal welches Geschäft auch immer, man kann sich ja nicht alle zwei Tage Koma trinken. Deshalb beschloss Xi Jinping mit seinem Antikorruptionsgesetz unter anderem mit den Saufgelagen aufzuräumen. Mit zunehmender Globalisierung hat sich im Übrigen auch die Umgangsweise chinesischer Geschäftsleute geändert. Viele besuchen mittlerweile internationale Gesellschaftsseminare, auf denen ihnen beigebracht wird, dass man an einem Glas Rotwein doch durchaus länger als zwei Sekunden seinen Spaß haben kann. Ja, ja, wie sang doch noch einmal Bob Dylan: „The Times They Are A-Changin.“

Schnapsglas
Das Wort ‚Prost‘ gibt es in China nicht. Nur ‚Ganbei‘, und das heißt auf ex. Und Ganbei wird man bei einem Geschäftessen des öfteren hören. Bild: Pixabay

Augenzeugenberichte
Ich selbst habe die kuriosesten Situationen dieser Art erlebt, wie die schon bereits erwähnte Toilettengeschichte. Eine andere Story ereignete sich während einer Firmenfeier. Ein chinesischer Kollege hat sich unter Anwesenheit des Chefs, ebenfalls Chinese, krankenhausreif getrunken. So sehr, dass er selbst nicht mehr in der Lage war, sein eigenes Glas zu heben. Kollegen hielten ihm das letzte Glas puren Schnaps an den Mund, bevor sie ihn auf die Toilette trugen. Der Chef verzog keine Miene, nur die deutschen Kollegen waren sichtlich geschockt. Was das alles sollte, ich weiß es bis heute nicht. Eine Art Ehrerbietung ist wohl das Wahrscheinlichste, denn lange arbeitete der junge Mann noch nicht im Unternehmen.

Eine weitere Geschichte ereignete sich in einem Club. Mit einem Freund stand ich an der Theke bei einem Feierabend-Bierchen. Links und rechts von uns wurde kräftig gewürfelt, was man in dieser Art Etablissement immer gerne macht. Die Regeln habe ich immer noch nicht kapiert. Auf jeden Fall schickte sich der Mann hinter der Theke an, von einem Kollegen abgelöst zu werden, war also auf dem Sprung in den Feierabend. Der neue Barmann wiederum lud ihn ein, doch noch mal eben schnell zu würfeln. Der Kellner, der gerade gehen wollte, verlor, und sein Gegennüber füllte ein relativ großes Glas mit purem Cognac, was der arme Verlierer auf ex hinunter kippte. Nochmal würfeln, noch mal verloren, ein weiteres Glas Schnaps. Eine viertel Stunde später hatte der Mann eine ganze Flasche Schnaps intus und war nicht mehr in der Lage, geradeaus zu laufen. Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings schon so lange in China, dass mich derart Kurioses nicht mehr kurios stimmte.

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MaSan
Ma San
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3 Gedanken zu „„Ganbei!“ Über das chinesische Geschäftsessen

  1. Deinen Artikel hat mich schmunzeln lassen, so einiges Mal. Mir gefällt dein Schreibstil. Und so manches Mal stellte ich beim Lesen doch gewisse Ähnlichkeiten zu Japan fest, einem Land, in dem ich längere Zeit gelebt habe.

    Liebe Grüße
    Daniela

    1. Hallo Daniela,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Ja, es stimmt, ich habe während den zwei Jahren, in denen ich in China lebte, viel Kurioses erlebt. Als ich mich mit Deutschen Kollegen unterhielt, sagten wir immer: „Das glaubt uns kein Mensch!“ Dennoch erschließt sich mit jetzt immer mehr, da ich mich intensiver mit Sprache und Literatur auseinandersetze. China ist ein wahnsinnig interessantes Land mit wunderbaren Menschen! Ich glaube aber, dass das, was du in Japan erlebt hast, wohl noch viel Außergewöhnlicher war, oder? Vor kurzem habe ich ein ganz wunderbares Buch über Japan gelesen, es heißt „Sie nannte ihn Kravatte“! Kennst du das vielleicht?

      LG
      Martin

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