China Talk – ein Gespräch mit Gao Shusan von WKUP URBAN CYCLING (Teil 3)

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Ein Gespräch mit dem Fahrraddesigner Gao Shusan aus Shanghai, Mitbegründer von WKUP URBAN CYCLING, auf der Berliner Fahrradschau (Fortsetzung)

Speziell in Berlin entscheiden sich immer mehr Menschen dagegen, überhaupt ein Auto zu besitzen und bewegen sich ausschließlich auf dem Rad fort. Es gibt regelrechte Bewegungen wie die „Critical Mass“, bei der sich mittlerweile zehntausende Radfahrer während einer Tour durch die Stadt für ein fahrradfreundlicheres Berlin einsetzen. Auch wenn wir noch weit weg sind von Fahrradmekkas wie Kopenhagen, es sieht trotzdem so aus, dass das Fahrrad den Kampf gegen das Auto eines Tages gewinnen könnte. Wie siehst du die Zukunft der Stadt? Glaubst du an eine Koexistenz von Auto und Rad, oder werden die Städte von Morgen autofrei sein?
Ich glaube, es wird immer einen Grund geben, ein Auto zu besitzen, auch für mich. Manchmal ist es aber einfach nicht komfortabel. Es gibt einfach nicht das her, wozu ein Rad fähig ist, nämlich sich zu regenerieren, sich vital zu fühlen und letztlich das Leben zu vereinfachen. Ich mache es so: Bei langen Strecken fahre ich Auto, innerhalb der Stadt Fahrrad. In der Stadt von morgen wird es aber immer einige Autos geben, und sei es nur für Notfälle oder den Gütertransport.

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Das Team von WKUP von links nach rechts: Karen, Jim, Lynn, Karl, Gao, Leal. Bild: WKUP

Es gibt ja die berühmten Zeilen „There are nine million bicycles in Beijing“! Heute sieht man dort allerdings nur noch Autos. Wo sind all die Fahrräder geblieben?
Ich glaube, wir befinden uns in einer Phase, in der einfach jeder ein Auto besitzen will. Auch wenn es herausragende Beispiele gibt wie das von dir bereits erwähnte Kopenhagen, wo einfach jeder Fahrrad fährt. Die Krux ist: Bevor du kein Auto besessen hast, kommst du auch nicht davon los. Dieses Dilemma kann man nicht überspringen, man muss da durch! Jeder einzelne Chinese möchte sich ein heute ein Auto leisten, die ja mittlerweile auch hier für jedermann erschwinglich geworden sind. Nachdem sie das getan haben, werden sie auch mit den Nachteilen des Autofahrens konfrontiert. Sieh dir Peking heute an, die Stadt ist ein einziges Autochaos! Gerade befinden wir uns sozusagen im Zenit, was den Wunsch nach einem Automobil in China angeht. Nachdem wir diesen kritischen Punkt überschritten haben und verstanden haben, welche Probleme damit einhergehen, wird das Interesse an Autos abnehmen, wodurch das Fahrrad automatisch wieder stärker wird.

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„Zuerst müssen wir die Luftverschmutzung deutlich reduzieren:“ Bild: Peggy_Marco, Pixabay

Glaubst du an eine Renaissance des Fahrrads? Lassen sich die Neun Millionen Fahrräder wieder zurück auf Pekings Straßen bringen?
Das muss einfach passieren, sonst sind wir verflucht! Die Verschmutzung in Peking, nur als ein Beispiel von vielen, ist wirklich schlimm. Ich war für einige Jahre nicht mehr in der Stadt und wirklich geschockt, als ich den Grad der Verschmutzung kürzlich erlebt habe. In Peking ist es noch viel schlimmer als in Shanghai, wo die Lage am Meer die Situation etwas entschärft.

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In Peking gibt es diese Bewegung, die sich „99 Methods“ nennt und Wege hinaus aus dieser Umweltmisere weist. Fahrradfahren, so deren Motto, sei ein wesentlicher Bestandteil zur Rettung Pekings. Diese Bewegung ist wichtig, denn sie propagiert, dass jeder Einzelne etwas gegen die Umweltverschmutzung tun kann. Weniger Auto, mehr Fahrrad fahren! In einer solch schlechten Luft Fahrrad zu fahren, halte ich allerdings für keine gute Idee. Zuerst müssen wir die Luftverschmutzung deutlich reduzieren. Das Auto ist dafür gar nicht hauptverantwortlich, vielmehr sind es die Fabriken und Minen rund um Peking. Man kann diese nicht einfach alle schließen, weil das einen starken Einfluss auf die Wirtschaft hat. Also bleibt nichts anderes übrig, als da durch zu gehen, durch diesen ganzen Prozess der Industrialisierung, so wie die Europäer hundert Jahre zuvor. Da gibt es leider keinen Weg drum herum. Wir müssen da durch, unsere Lektionen lernen wie ihr, nur eben schneller.

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„Für mich hat Fahrradfahren etwas Spirituelles.“ Bild: jill111, Pixabay

Mit welchen Argumenten könnte man denn einen Chinesen überzeugen, wieder mehr Fahrrad zu fahren?
Gute Frage! Darüber habe ich mich auch schon öfter Gedanken gemacht. Ein Fahrrad zu kaufen ist eben etwas anderes, als sich zum Beispiel Kleidung zu kaufen. Man denkt nicht darüber nach, ob man Kleidung braucht oder nicht, bei einem Fahrrad ist das natürlich anders. Wir wollen die Menschen in Shanghai darauf aufmerksam machen, dass sie etwas gegen Stress und Hektik unternehmen müssen, und dass Fahrradfahren ein geeignetes Medium dazu ist. Man verausgabt sich dabei, aber nicht zu sehr. Man kann nachdenken beim Fahrradfahren, sich regenerieren, und das ist es, was die Menschen ja wirklich brauchen. Deshalb gibt es ja auch in China derzeit diesen starken Trend zum Joggen. Für mich hat Fahrradfahren etwas Spirituelles, weil es in der Lage ist, ein Gefühl von Freiheit zu vermitteln. Das ist etwas völlig anderes, als während der Fahrt mit der Metro ins Smartphone zu starren. Ein Fahrrad befreit deinen Tag!

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Bild: WKUP

Hierzulande denken viele, dass China noch einiges vom Westen lernen muss. Wenn man dagegen Menschen wie dich und deine Kollegen von WKUP trifft, bekommt man plötzlich das Gefühl, dass es so viele talentierte Menschen wie euch gibt, Menschen mit großen Ideen und die dazu bereit sind, diese auch zu realisieren. Drehen wir wie Sache deshalb einmal um: Was können wir Europäer von China lernen?
Ich glaube, wir sind immer noch im Prozess, dass wir mehr von euch lernen können als umgekehrt. Aber China absorbiert alles. China hat diese Kultur, sehr viele Dinge absorbieren zu können. Unser Land ist daher viel reicher an Energie als hierzulande. Die Menschen in China sind viel schneller in ihrem Schaffen und voller Tatendrang wenn es darum geht, Dinge zu erschaffen bzw. zu erreichen, als dies in Europa der Fall ist. Junge Menschen hier arbeiten fast immer bis spät in den Abend. Diese Energie ist es, die wir auch in unsere Räder transferieren wollen, diesen Spirit der harten Arbeit, des Elans, der Shanghai ausmacht.

Gao, vielen Dank für das Gespräch.

MaSan
Ma San
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