Jaron Lanier – Wem gehört die Zukunft? (Buchrezension, Teil 1)

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Nach der Lektüre von etwa 500 Seiten aus der Feder des aus New York stammenden Rastafaris muss man sich erst man reflexartig schütteln. Leicht bekömmlich ist der Stoff nicht, aber das war auch nicht zu erwarten von „dem“ Internet-Visionär der Gegenwart. Jaron Lanier beschreibt die Technologie von heute und die dahinter stehenden Unternehmen in völlig neuer Leseart und stellt im Grunde genommen die wichtigste Frage unserer Zeit: Ist der Mensch gerade dabei, sich durch voranschreitende Technologie selbst überflüssig zu machen?

Über den Autor
Jaron Lanier ist vieles: Autor, Musiker, Künstler, Informatiker. Seine Biographie liest sich wie aus dem Lehrbuch. Als seine Mutter, Überlebende des Holocaust, stirbt, da ist er gerade mal neun Jahre alt. In Armut wächst er mit dem Vater im Niemandsland von New Mexiko auf. Dort besucht er, einen Abschluss hat er nicht, Mathematik-Vorlesungen, und wie üblich bei solchen Geschichten geht bei ihm plötzlich ganz schnell. In den Achtzigern gründet er VPL Research, ein Unternehmen, das sich der Erschaffung virtueller Welten widmet. Später wird er Leiter der NTII, einer Organisation mit dem Ziel zur Erforschung des Internets. Im Jahr 2006 überreicht man ihm die Ehrendoktorwürde und seit 2006 forscht er für Microsoft. Das Time Magazine rühmt ihn als einen der 100 einflussreichsten Menschen der Welt, großen Denker und Intellektuellen. Große Aufmerksamkeit erzielte er mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels im Jahr 2014.

Jaron Lanier - Wem gehört die Zukunft?
Das Internet habe mehr Arbeitsplätze zerstört als geschaffen, so Lanier. Photo of Jaron Lanier performing at the Garden of Memory Bild: Solstice Concert June, 2009, Quelle: Wikimedia Commons, Genehmigung: CC-BY-SA-3.0; Released under the GNU Free Documentation License. Urheber: Allan J. Cronin

Worum geht’s?
Unsere Gesellschaft erfährt einen rasanten technologischen Fortschritt, was mit Chancen, aber auch mit Problemen verbunden ist. Laniers These: Das Internet habe mehr Jobs zerstört als geschaffen! Wie bitte? Ja genau! Aber wenn Technologie immer besser werde, warum sollte es noch Armut geben? Eine gute Frage, der Lanier in seinem Buch nachgeht.

Informationen und Macht
Die großen Hightechunternehmen heute hießen Facebook, Apple, Google oder Amazon. Sie alle seien an unseren Daten interessiert, die wir ihnen bereitwillig und umsonst geben würden. Und Information, das wussten schon die alten Inca, bedeutet Macht. Lanier nennt ein Beispiel, Wallmart, eines der ersten Unternehmen, das bereits in den Neunzigern den Wert von Informationen zum eigenen Vorteil zu nutzen verstanden habe. Man hätte Datenbanken erstellt, was wo für wie viel Geld und zu welchen Zeitpunkt hergestellt und geliefert werden konnte, wodurch man ein globales Gesamtbild erschuf. Dann hätte man erstmals die Produktion verlagert, um die gewünschte Zulieferung jeweils zu dem günstigsten Preis zu bekommen mit dem Vorteil, dem Kunden so das gewünschte Produkt günstiger anbieten zu können. Die Sache habe allerdings einen Haken, nämlich die ganzen nun von Wallmart abhängigen Zulieferer. Ihre Gewinnmargen wären in der Folge auf ein absolutes Minimum gesunken, was sich wiederum auf reale Arbeitsplätze ausgewirkt habe.

Jaron Lanier - Wem gehört die Zukunft?
„Kopiert man musik nimmt man Musikern die Würde.“ Bild: PublicDomainArchive, Pixabay

Systematische Spionage
Erwähnte Techunternehmen seien also an unseren Daten interessiert. Ob jemand unsere E-Mails liest, wer könne das schon mit Sicherheit sagen? Es sei schlimm, dass wir uns bereits schleichend daran gewöhnen würden. Doch was passiert mit unseren Bytes? Sie würden in gewaltige Rechenzentren geleitet, die Lanier „Sirenenserver“ nennt. Wohl weil sie einen Gesang singen, dem wir nicht widerstehen können. So würden wir beispielsweise Facebook unsere Daten geben, und das umsonst. Was diese Unternehmen mit unseren Daten genau machen würde, könne nicht genau gesagt werden. Doch eines, schreibt Lanier, sei sicher:„Die Machenschaften ferner Unternehmen“, schreibt er, „ verändern still und heimlich ihr Leben, auch wenn sie das noch gar nicht richtig abschätzen können.“ Nichts Geringeres als ein Angriff auf den freien Willen sei das, „bit für bit.“ Ziel dieser Unternehmen sei es, uns zu manipulieren und zu beeinflussen in dem Irrglauben, dass so viele Infos wie möglich unsere Welt letztlich verbessern. Aber tun sie das?

Umsonst-Mentalität
Letztlich, schreibt er, bewirke ein solcher Informationsanteil eines Unternehmens, dass es seine Produkte günstiger anbieten könne als andere, wie zum Beispiel Amazon. Amazon unterböte automatisch alles, selbst wenn das Ergebnis gleich Null sei. Damit verlören lokale Unternehmen ihre Vorteile, wie zum Beispiel eine Buchhandlung. Der Endkunde freue sich zunächst, weil er weniger bezahlen müsse. Doch dieses Glück wäre nur von kurzer Dauer. Denn, wenn alles kostenlos sei, fragt, wer sollte dann noch reale Menschen bezahlen?

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