Facejobs

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So mancher in China lebender Ausländer bestreitet seinen Lebensunterhalt als Schauspieler. Aber nicht auf der Bühne, sondern im echten Leben. Immer wieder bezahlen chinesische Firmen westliche, weiße Ausländer, um für einen bestimmten Anlass in eine fremde Rolle zu schlüpfen. Kai Strittmatter schreibt in seinem Buch „Gebrauchsanweisung für China“ von einem ausländischen Studenten, der sein Leben in Peking damit verdiene, indem er auf Firmenveranstaltungen einen ausländischen Investor gebe. Dass er fließend Chinesisch spreche, dürfe dabei auf gar keinen Fall auffallen. Für das Einstellen eines Ausländers ist manchmal der einzige Grund die Tatsache, dass dieser weiß ist. Bei Kundengesprächen kann sich der chinesische Chef auf diese Weise eine gehörige Portion Ansehen verschaffen. Ein Artikel über sogenannte Facejobs und Menschen, die sich auf einen solchen eingelassen haben.

White Guy in a Tie
Facejobs“ oder sogenannte „White guy in a tie events“ gehören zu den skurrilsten Dingen, die mir in meiner Zeit in China begegnet sind. In milder Form habe auch ich Facejobs gemacht, indem ich bei Kundengesprächen für einen chinesischen Arbeitgeber Präsentationen auf Englisch abhielt, ohne dass die Anwesenden etwas von dem verstanden, was ich sagte. Bei solchen Anlässen ging es nur und ausschließlich darum, den Kunden durch das Vorführen eines teuer bezahlten Ausländers zu beeindrucken. Mehr darüber lässt sich in meinem Artikel „Leben und Arbeiten in China“ lesen. Wie dem auch sei. Viele in China arbeitende Ausländer sind hin und wieder an solchen Machenschaften beteiligt, auch für internationale Unternehmen, die oft selbst ein paar Ausländer beschäftigen, um den Schein zu wahren, dass es sich beispielsweise um Qualität Made in Germany handelt. Dass die Hauptarbeit billig bezahlte chinesische Kollegen machen, spielt dabei keine Rolle. China ist oft mehr Schein als Sein. Ab und an einen Facejob im Dienste seines Unternehmens zu machen, ist die eine Sache. In einer ganz anderen Liga spielen Ausländer, die sich ihren Aufenthalt in China ausschließlich damit verdienen, indem sie einen Facejob nach dem anderen annehmen.

Video: Zwei Amerikaner berichten von ihren Facejobs:

„Rent a White Guy“
So berichtet zum Beispiel ein Amerikaner namens Mitch Moxley von seinem „White Guy in a Tie event“, von dem er in seinem Artikel „Rent a White Guy“ erzählt. Als freier Autor in China lebend, wurde er zusammen mit anderen Ausländern als Fake-Geschäftsmann angeheuert. Eine Woche lang musste er für eine Firma bei deren Fabrikeröffnung einen Qualitäts-Kontrolleur spielen. Kenntnisse brauchte er dabei überhaupt keine, nur einen schönen Anzug. Unter großem Rummel wurde er durch die Fabrik geführt und war bei Abendveranstaltungen anwesend. Mit einer Polizeieskorte ging es zur Eröffnungsfeier, wo sie ganz vorne saßen. Einer seiner Mitstreiter hielt sogar eine Rede vor über hundert Menschen, schüttelte dem Bürgermeister die Hand und wurde von Fernsehsendern interviewt. Zwischen den Anlässen hatten sie nichts zu tun und waren in Büros untergebracht, wo sie einfach schliefen oder lasen. Für diese Woche wurde er mit 1.000 Dollar bezahlt. Seiner Meinung nach würden chinesische Firmen dies für ihre nach außen wirkende Glaubwürdigkeit machen, die in China eine große Rolle spiele. Die Anzahl der Ausländer, die solche Jobs machen würde, sei überraschend hoch, so Moxley.

10.000 Yuan in zwei Wochen
Auch Christian W. spricht im Artikel „Facejobber in China“ über seinen Fake-Job. Er bewarb sich auf eine Stellenanzeige im Pekinger Stadtmagazin „The Beijinger“, wonach man in der Stadt Harbin als „Business-Consultant“ 10.000 Yuan (ca. 1.000 Euro) binnen zwei Wochen verdienen konnte.

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Beim Vorstellungsgespräch erzählte man ihm, man suche drei Ausländer, um Investoren weis zu machen, man habe Kontakte in Übersee und ihr Geld sei somit bestens angelegt. Er sagte zu, genauso wie zwei weitere Ausländer, die sich allesamt etwas Taschengeld dazuverdienen wollten. Ihre Aufgabe in den zwei Wochen bestand lediglich darin, für zwei Stunden am Tag im Büro des Chefs zu sitzen und nichts zu machen. Einmal mussten Sie dann auf einer Konferenz ein paar Worte auf Englisch sagen, sich unter anderem für die gute Zusammenarbeit bedanken und von der Stadt Harbin schwärmen. Das war es dann auch. Jetzt fragt man sich vielleicht, wer um Himmels Willen sich von so etwas hinters Licht führen lässt. Nun – die Aktion war überaus erfolgreich und die Firma überzeugte die Investoren auf ganzer Linie.

Die Zukunft von Facejobs und wie man einen solchen erkennt?
Seit sich China Ende der achtziger Jahre der Welt öffnete, änderte sich die Sichtweise für Ausländer grundlegend. Ein weißes, westliches Gesicht war nun etwas Exotisches und eines in seinen Reihen zu haben, bedeutete Prestige vor anderen, lokalen Unternehmen.

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Mit zunehmender Globalisierung kann man davon ausgehen, dass Facejobs nach und nach verschwinden, weil der Reiz für das Fremde allmählich gesättigt ist. Das gilt insbesondere für Weltstädte wie Shanghai oder Peking und tritt wohl etwas verzögert ein in Städten wie Tianjin, in welche sich Ausländer seltener verirren. Wie auch immer, die wenigsten Ausländer haben Lust auf einen Facejob und es kommt immer wieder vor, dass sich Arbeitsverhältnisse, insbesondere für einen chinesischen Auftraggeber, als solche entpuppen. Doch wie kann man es vermeiden, unwissentlich in eine solche Beschäftigung hinein zu stolpern? Nun – viele Facejobs lassen sich schon in der Stellenanzeige als solche erkennen. Ist diese in schlechtem Englisch geschrieben oder sind Jobbeschreibung und Anforderungen nur vage beschrieben, ist dies ein Alarmzeichen. Gleiches gilt, wenn Angaben wie „gut aussehend“, zur Körpergröße oder zur Nationalität gemacht werden. Auch bei einer Anstellung als „Assistent der Geschäftsführung“ ist Vorsicht geboten. Vor allem, wenn Tätigkeiten wie „Teilnahme an Konferenzen“ oder Ähnliches erwähnt sind.

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