Last Train Home

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Last Train Home (Guītú Lièchē) – eine Dokumentation über die jährlich zum Neujahrsfest stattfindende Migrationswelle von Wanderarbeitern:

Changhua Zhang und seine Frau Yang Zhang sitzen in einer Näherei und setzen mit ihren Maschinen Stoffteile zu Kleidern zusammen, die wohl zu kleinen Preisen in großen Billig-Einkaufshäusern auf der ganzen Welt verhökert werden, in denen sich die Jugendlichen von heute ihre Einweg-Wegwerfkleider kaufen. Changhua und Yang reden kaum miteinander, genauso wenig wie die Kollegen um sie herum. Obwohl man ihnen nur zusieht, kann man die stickige Luft im Raum förmlich riechen. In ihren Augen ist keine Freude zu sehen, nur Ernst, denn in ihrem Leben gibt es nichts zu lachen, gar nichts. Die alltägliche von morgens bis abends andauernde Schufterei, der sie seit über sechzehn Jahren nachgehen, machen sie vor allem ihrer Kinder wegen. Sie sollen es einmal besser haben als Sie, zur Schule gehen und studieren können. Sich nicht abrackern müssen für ein paar lausige Yuan in einer Scheißfabrik wie dieser.

Heimkehr
Regisseur Lixin Fan nimmt sich einem Ereignis an, das sich jedes Jahr im Frühjahr in China abspielt. Dann nämlich feiern die Menschen das Neujahrsfest und strömen von den Städten, wo sie arbeiten, in ihre meist weit entfernten Dörfer auf dem Land. Auf einmal sind alle Menschen in ganz China in Bewegung. Für fast zweihundert Millionen Wanderarbeiter – also jene Menschen, die in den vielen Fabriken und auf Baustellen arbeiten – ist diese Heimkehr oft der einzige Urlaub des Jahres. Was sich auf Bahnhöfen und Zügen nun abspielt, ist nichts Geringeres als die größte Migrationswelle der Welt. Dort warten Menschen tagelang in endlosen Reihen auf ihre Tickets. Sie übernachten im Freien auf Bahnhofsvorplätzen, manche brechen in ihrer Verzweiflung in Tränen aus. Es wird geschlagen und getreten, bis man es schließlich schafft, einen Platz in einem der hoffnungslos überfüllten Züge zu ergattern. Es sind dramatische Szenen, die nichts gemein haben mit einer besinnlichen Weihnachtsheimfahrt, wie sie sich bei uns abspielt.

Last Train Home ist eine bewegende Dokumentation über die jährlich stattfindende größte Migrationswelle der Welt über Neujahr in China, erzählt am Schicksal einer hart arbeitenden Familie.

Die Familie Zhang
Last Train Home erzählt nun dieses Drama am Beispiel der Familie Zhang, zu der neben den hart arbeitenden Eltern Changhua und Yang die Tochter Qin gehört, die mit den beiden in der Großstadt Guangzhou lebt, sowie ihr kleiner Bruder, der weit weg auf dem Land mit der Großmutter zurückbleibt. Im Grunde genommen spielt Qin im Film die Hauptrolle, denn in ihr reflektiert sich die ganze Tragik der chinesischen Arbeiterschicht. Qin ist sechzehn und im rebellischen Alter. Entgegen den Wünschen der Eltern, zur Schule zu gehen, möchte sie lieber arbeiten und das Leben genießen. Das führt insbesondere bei ihrem Vater zu Meinungsverschiedenheiten. Dieser bringt ihr wenig Liebe entgegen und hat so viel Autorität, dass sich auch Qins Mutter nicht für sie einsetzt. Man sieht den Zhangs also dabei zu, wie sie an ihrer Nähmaschine sitzen und die Heimfahrt über Neujahr planen. „Warum überhaupt arbeiten, warum leben“ sagt Yang in die Kamera, „sollte man nicht wenigstens einmal zu Neujahr nach Hause fahren.“ Dann folgt die Kamera Qin durch die Stadt, zu ihren Freunden und in das Leben der Nacht. In das Mehrbettzimmer der Fabrik, in dem sie zusammen mit Mädchen ihres Alters wohnt, um wie die Eltern zu arbeiten.

Auf dem Weg in die Moderne
Die Kamera folgt den Zhangs auf ihrer langen Reise nach Hause, wo die Großmutter zusammen mit ihrem Enkel seit einem Jahr, nämlich seit dem letzten Neujahrsfest, auf den Rest der Familie wartet. Durch die Kameraführung, die ihnen zum Bahnhof folgt bis hinein in die völlig überfüllten Züge, die dann tagelang unterwegs sind, wird deutlich, welch drastischer Wandel derzeit in China stattfindet. Auf dem Weg zu globaler Dominanz ist das Land dabei, im Zeitraffer seine eigene Vergangenheit über Bord zu werfen. Die Menschen werden ihrer Traditionen beraubt, indem sie ihr Leben auf dem Land aufgeben und sich in anonymen Großstädten wiederfinden. Bei den Zhangs wird die Ironie dieses Wandels deutlich. Auf der Suche nach einem besseren Leben in der Stadt wird der Zusammenhalt der Familie zerstört. Nicht nur wird der eigene Sohn zurückgelassen, auch wendet sich die eigene Tochter, allein gelassen, von ihnen ab. Aus einer Gemeinschaft werden auf sich allein gestellte Einzelkämpfer. Last Train Home ist ein herzzerreißendes, aufrichtiges Statement.

Lixin Fan
Der heute in Kanada lebende Regisseur Lixin Fan ist ein Kind der Wohlstandsgeneration mit nie dagewesenen Möglichkeiten zur Gestaltung des eigenen Lebens. Aus diesem Grund wird ihm bei einer Reise quer durchs ganze Land die soziale Ungleichheit bewusst, die nachhaltig sein Leben verändert. Den behüteten Job beim Staatssender CCTV gibt er auf und beschließt, mit Dokumentationen auf den Wandel in China aufmerksam zu machen. So beschäftigt er sich unter anderem mit den dramatischen Folgen der Überflutung weiter Landesteile entlang des Yangtze Flusses durch den Bau der Drei-Schluchten-Talsperre. Am bewegenden Film Up the Yangtze, der die Folgen für die dort lebenden Menschen dokumentiert, arbeitet er mit. Sein Debüt Last Train Home, dessen Dreh mehrere Jahre in Anspruch nimmt, gewinnt auf dem internationalen Filmfestival 2009 in Amsterdam den Preis für die beste Dokumentation.

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