T.C. Boyle – Hart Auf Hart (Buchrezension)

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Der neue Roman des Rock n Rollers der Literatur feiert Weltpremiere

Berlin: Schon vor dem literarischen Colloquium bildet sich eine lange Schlange, suchen die letzten Ankömmlinge die letzten verbliebenen Parkplätze. Das Innere des wunderschönen, am Wannsee gelegenen Gebäudes ist brechend voll. Grund für den Aufruhr – die Weltpremiere des neuen Romans eines der derzeit wichtigsten amerikanischen Autoren, T.C. Boyle, für viele Leser der Rock n Roller der Literatur. Sein neues Werk, Hart Auf Hart (The harder they come), ist bereits der fünfzehnte Roman des 67-Jährigen und erscheint im Deutschen im Carl Hanser Verlag. Moderiert wird das Geschehen vom Literaturkritiker Denis Scheck, begleitet von der Schriftstellerin Thea Dorn (Berliner Aufklärung, Die Hirnkönigin) und Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg (Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie?), sowie gelesen vom Autor selbst und im Deutschen vom Hörspielsprecher Andreas Fröhlich, vielen bekannt durch seine Synchronstimme von Gollum in Der Herr der Ringe. Zeit also, sich mit einem Glas Rotwein in die Menge zu begeben und dem Mann zuzuhören, der mit übergroßen Romanen wie America, Ein Freund der Erde, Wassermusik und vielen anderen Romanen und Kurzgeschichten eine weltweite Leserschaft, insbesondere die Deutsche, zunehmend begeistert.

Video: T.C. Boyle spricht über sein neues Buch…

Zum Autor Tom Coraghessan Boyle
Er ist nicht nur Autor, sondern auch Entertainer, T.C.Boyle, beziehungsweise ist es mit der Zeit geworden. Mit seinen roten krausigen Haaren, die eine Strähne im Gesicht hängend, dem lässigen T-Shirt unter dem weiten Sakko, rote Converse-Schuhe tragend, ist er eine Erscheinung mit Punk-Allüren. Als Sohn eines Busfahrers und einer Sekretärin, beide Alkoholiker, wächst er unter schwierigen Verhältnissen auf. Auf öffentlichen Schulen, das ist bemerkenswert, schafft er es bis an die Universität von New York, wo er 1968 seinen Abschluss in Englisch und Geschichte macht.

Doch er verfällt den Drogen, die ihn fast umbringen. Er war ein Hippie, gegen die Gesellschaft, sagt er heute Abend in Berlin vom Rednerpult aus. Jemand, der zur Selbstzerstörung neigte, wie alle jungen Männer. Aber das liege hinter ihm, weit hinter ihm. „Literature lierally saved me“, redet er dem gebannt lauschenden Publikum zu, zog ihn raus aus dem Sog der Drogen, rein in eine neue Sucht, das Schreiben. Zu dieser Zeit gelangt er, er schreibt Kurzgeschichten, in den Writers Workshop der Iowa State University, was sein Leben grundlegend verändert. 1975 macht er den Abschluss in englischer Literatur des 19. Jahrhunderts, zwei Jahre später promoviert er. Später erhält er einen Lehrauftrag für kreatives Schreiben an der South Carolina University , wo er heute noch unterrichtet. Der Rest ist Geschichte. Heute lebt in den Bergen Kaliforniens, ist gerne in der Natur, engagiert sich u.a. für Menschenrechte und Umweltschutz. Er ist ein Beobachter, wie er selbst sagt, der es liebt, alleine in der Natur zu sein, und des Öfteren ganz bewusst auf Nachrichten und Internet verzichtet.

Video: … und liest uns daraus vor

Hart Auf Hart
Nun also sein fünfzehnter Roman, Hart Auf Hart, und der Autor, so viel gleich vorweg, wendet sich einem dunklen, aber wichtigen und hochaktuellen Thema zu. Die Geschichte dreht sich um zwei Charaktere, Adam und Sarah, die, jeder auf seine Art, aus der Gesellschaft ausbrechen wollen. T.C. Boyle liest eine Episode vor, ist ganz der Entertainer. Sarah fährt auf der Landstraße, als Sie das Blaulicht im Rückspiegel erblickt. Sie ist nicht angeschnallt, kann sich auch nicht mehr anschnallen, weil Sie den Sicherheitsgurt längst herausgeschnitten hat aus ihrem Wagen. Sie hat diese spießige Gesellschaft, eine Welt, so beschreibt es der Autor heute Abend, voller Versicherungen und Regeln, überall Regeln, satt. Warum sollte Sie sich denn bitte anschnallen? Ist es nicht ihr Auto, ihr Leben? Sie ist angewidert von dieser Gesellschaft. All das Interessiert den Polizisten recht wenig, der sogleich gegen die Autoscheibe klopft und repräsentativ ihren ganzen Hass gegen das System verkörpert. Sie habe keinen Vertrag mit dieser Gesellschaft“ , entgegnet Sie ihm. Es steckt ziemlich viel drin in dieser Szene. Zum Einen identifiziert man sich als Leser sehr leicht mit Sarah. Andererseits aber ist Sie auf dieses System angewiesen. Lebt sie denn nicht in dieser Zivilisation, trägt Nutzen daraus? Fährt sie nicht auf einer von der Gesellschaft bereitgestellten Landstraße? T.C. Boyle fordert den Leser immer wieder auf, Stellung zu beziehen, und stellt schon eingenommene Haltungen in Frage.

Boyles‘ Geschichte über mexikanische Einwanderer ist ein Must-Read!

Gesellschaftskritik
Dann ist da Adam , den Sarah am Straßenrand aufgabelt, und in welchen sie sich verliebt. Auch er ist ein Rebell, ein Gegner dieser Gesellschaft. Adam ist schizophren, leidet unter Verfolgungswahn, ist ein Waffenfetischist, den seine Eltern längst aufgegeben haben. Er möchte fortan in der Wildnis leben, baut sich einen Bunker im Wald. Andreas Fröhlich liest einen Auszug vor, in dem Adam in ein Waldhaus einbricht, sich mit Lebensmitteln eindeckt und in aller Seelenruhe auf die Ankunft der Besitzerin wartet. Im Gegensatz zu Sarah , was diese bald feststellen wird, scheut er keineswegs vor Gewalt zurück. Und auch wenn der Leser anfangs mit den Charakteren sympathisiert, findet an einem gewissen Punkt ein Bruch statt, auch zwischen Sarah und Adam. Dieser ist eine Zeitbombe, ein Gewalttäter. Mit ihm trifft Boyle einen Nerv der Zeit und macht seinem Namen als einer der schärfsten Kritiker der USA alle Ehre. Er bezieht sich auf eine Vielzahl von Attentaten in der Vergangenheit, die zunehmend von Einzelnen, von Individuen begangen werden. Es geht um die Waffenvernarrtheit einer ganzen Nation und den Wahnsinn in dieser Welt, sagt Boyle, dem wir einfach aus dem Weg gehen wollen. Aber das geht nicht. Zugleich geht es aber auch um die Sehnsucht, in die Natur zurückzukehren. In eine Wildnis, wie es sie in den USA noch gibt und wie wir sie in Deutschland mit seiner Forstlandschaft gar nicht kennen. Dies ist ein sehr amerikanisches Gefühl. Während die Menschen früher ihre Wut in der Natur auslassen konnten, staut sich ihre Energie in den Städten an, kann sich nicht mehr entladen. Mit Adam , das ahnt man, wird es kein gutes Ende nehmen. Brisant ist die Tatsache, dass sich der Autor auf einen tatsächlichen Fall bezieht, den er, wie immer, genauestens studiert hat. T.C. Boyle ist also wie gewohnt kritisch. Es sind wir Menschen, die wir zu viele sind in dieser Welt, und unser Umgang miteinander und mit der Natur. Es ist nichts neues, diese Geschichte, sondern eher, auch das sagt Boyle heute Abend, eine Variation. Wer großartige Bücher wie Ein Freund der Erde, America oder Wenn das Schlachten vorbei ist kennt, ja, der kann Hart Auf Hart als weitere Abhandlung eines großen Themas verstehen. Viel Spaß beim Lesen!

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