Philip Roth – Jedermann (Buchrezension)

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Die Geschichte beginnt auf dem Friedhof. Zu Ehren der Hauptfigur, dessen Namen wir nicht erfahren, versammelt sich eine bunte Schar Angehöriger. Da sind die zwei Söhne aus erster Ehe, seine Tochter Nancy aus der zweiten mit Mutter Phoebe. Der erfolgreiche Bruder Howie und eine Frau, von der sich jeder fragt, was sie denn hier macht, Maureen. Doch die Stimmung verrät, hier wurden Rechnungen nicht beglichen. Die Ruhe wird durch Howie gebrochen: Der spricht vom Leben des Bruders – von Krankheit, Einsamkeit, den Frauen, der Liebe zum Malen. Er spricht von der gemeinsamen Vergangenheit, dem Everyman’s Jewelry Store des Vaters und der Uhr, die der Bruder übernahm und niemals ablegte, nur ein einziges Mal – für seine letzte Operation.

Der Tod
Er ist gerade im unbeschwerten Urlaub mit seiner Geliebten Phoebe, als er in die Sterne blickt und ihm unverkennbar klar wird, dass der Mensch, dass er dazu verdammt ist, zu sterben, „that he was doomed to die.“ So plötzlich der Gedanke auch kommt, er lässt ihn nicht mehr los. Warum bloß sollte er in einer glücklichen Phase seines Lebens an den Tod denken?

„Das Alter ist keine Schlacht, das Alter ist ein Massaker!“

Zerbrochene Träume
Er denkt über sein Leben nach, über seine Jugend, seine Träume von der Kunst und einem wilden Dasein, dass er gerne gehabt hätte. Zu sehr der gute Junge, wählt er die Sicherheit, nicht das wilde Leben, und landet in der Werbung. Er empfindet sich als durchschnittlich, nicht mehr und nicht weniger, und wünscht sich eine Ehe, die ein Leben lang hält, wünscht sich Kontinuität. Doch es kommt anders. Die Ehe entspricht nicht seiner Natur, sie ist eine Gefängniszelle für ihn, ob er will oder nicht. Seine erste Ehefrau Cecilia und zwei gemeinsame Söhne verlässt er für seine Geliebte Phoebe, er kann nicht anders. „You’ve got a good girl this time. Don’t screw it up. Don’t let her go“, sagt im Howie besorgt. Doch auf eine Frau folgt die nächste, und selbst im Büro geht es zur Sache. Von da an hat er es nicht mehr unter Kontrolle, die Sache mit der Familie, mit Kontinuität, die er sich doch so wünscht.

Verletzte Seelen
So verletzt er die reinste Seele, Phoebe, zutiefst und unwiderruflich: „I, who never doubted you, to whom it rarely occured even to question you, and now I can never believe another word you say.“ Es ist der einfache und harte Fakt des Altwerdens und das damit eihergehende schwindende sexuelle Interesse: Ja, sagt sie sich, sie ist alt geworden, doch ihr genügt nun die körperliche Nähe – ihm aber nicht, er ist ein Mann, ein Jedermann, ein Mann wie jeder andere. „I cannot bear the role you’ve reduced me to.“ Kurz darauf heiratet er das junge attraktive Model Merete, bis er merkt, dass hinter dem wilden anfänglichen Sex tatsächlich eine Seele steckt. Eine Seele, die keine Lust hat auf die Gebrechen des Alters. Eine Seele, die ihm nicht beisteht bei Krankheit und Schmerz. Es ist zu spät, als er erkennt, dass er Phoebe gegen ein Mädchen eingetauscht hat, dass beim leisesten Anflug von Druck sofort einknickt.

Eine Flucht ist unmöglich
Da ist er 65, frischer Rentner, auch von Merete mittlerweile geschieden, kehrt New York den Rücken und zieht ins Starfish Beach Retirement Village am Jersey Shore. Hier, an dem Ort, an den ihn die Erinnerung an eine glückliche Kindheit und an unbeschwerte Familienurlaube bindet, möchte er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Malen widmen. „I’m getting out of here“, sagt er zu Nancy, seiner geliebten Tochter. Doch kann man davonlaufen, wenn man mit der Welt und begangenen Fehlern nicht im Reinen ist? Da ist die Bank, wo die Großeltern, ja die Eltern immer saßen. Das ist die Stelle, wo er mit Howie immer baden ging. Doch wie lange kann man hinaus auf das Meer sehen, auch wenn es das Meer ist, das man seit der Kindheit so liebt? Wie lange sich an seine Kindheit erinnern – nicht so lange. Jedenfalls nicht, wenn alle Träume zerbrochen sind, wenn man alleine, ganz alleine ist. Seine Malklassen halten ihn am Leben. Die Teilnehmer wie er, alt gewordene Menschen, die der Einsamkeit für einen Moment entfliehen möchten. Da ist seine Lieblingsschülerin mit den ungeheuren Schmerzen, die sich mit einer Überdosis Schlaftabletten umbringt. Überall, wo er auch hin sieht, ist der Tod. Und den akzeptiert er auch, doch wie den Weg dahin ertragen? Und was ist es mit dem Malen, seinem Traum, sich nun endlich ganz seiner Leidenschaft zu widmen – Letztlich nur der Grund, um an Frauen heranzukommen, das muss er sich schließlich eingestehen. Das ist sein Wesen.

„As always and like most everyone else – he didn’t want the end to come a minute earlier than it had to.“

„Old age isn’t a battle, old age is a massacre.“
Sein Telefon klingelt schon lange nicht mehr, also greift er selbst zum Hörer. „Are you painting?“, fragt ihn der ehemalige an Krebs leidende Kollege. „You always said you would. Are you?“ „Yes, I do. I do it every day. It’s fine“ he lied.“ Selbst dieser Versuch wird zur Konfrontation mit seiner selbst. Er ist einer der vielen Millionen geschiedenen Amerikaner geworden, deren Familien zerbrochen sind. Doch, was hat er falsch gemacht, was hätte er für mehr Akzeptanz tun können? Unglücklich in einer Ehe verweilen, das vielleicht? Er wird sich nicht verzeihen, seine erste Familie für die zweite verlassen zu haben, und diese wiederum für eine 26 jährige. Wie wird man zu jemandem, den man niemals werden wollte? Wären die Dinge anders, hätte er sich anders verhalten? Gewiss, das wären sie, doch was er getan hat, hat er getan. Der Traum vom Altersheim wird zum Erleben der Einsamkeit in purster Form, umgeben von Menschen, die nur noch von der Erinnerung zehren und dem Tod entgegenfiebern, doch trotz der Trostlosigkeit so stark am Leben festhalten – so auch er: „As always and like most everyone else – he didn’t want the end to come a minute earlier than it had to.“ Der Alltag im Wartezimmer, dem warten auf die Operationen, das ist Wahnsinn. Da ist die Zeitung, die man beim Aufruf an den nächsten weitergibt, als sei das hier ein Friseursalon. Dann die Frage nach Voll-oder ambulanter Narkose, als würde man Weiß- oder Rotwein im Restaurant bestellen. „Old age isn’t a battle, old age is a massacre.“

Zu diesem Buch und dem Autor
Dieses Buch ist ganz gewiss keine Lektüre, die einem glücklich und pfeifend durch die Straßen laufen lässt. Genauso wenig ist es aber ein deprimierendes Buch, sondern vielmehr eine sehr mutige Konfrontation mit dem, was uns alle erwartet, früher oder später. Es ist eine mutige Konfrontation mit dem alt werden, über das wir nicht sprechen, weil wir, ganz simpel, Angst davor haben. Die vielen alten Menschen, die hinter Gardinen versteckt der Einsamkeit verfallen, das ist Realität. Und viele Menschen heute, jung und erfolgsorientiert, ohne Kinder versteht sich, werden einmal, das ist der Preis, sehr einsam sein, irgendwann. Philip Roth gibt diesen Ängsten ein Gesicht.

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