Die „Amazon“ – Gesellschaft

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Der amerikanische Gigant ist auf dem Weg, die Welt zu vereinheitlichen.

Ich mag Buchhandlungen. Vor allem mag ich die Kleine am Ende meiner Straße. Der Buchhändler sitzt immer hinter seinem Tresen und liest, und vor seinem Schaufenster stehen zwei kleine Tische mit immer neuen Empfehlungen, welche er immer wieder aufs Neue zusammenstellt. Es macht Freude, hineinzugehen und zu stöbern, zu suchen, was einem gefallen könnte. Die Bücher aufzuschlagen, darin zu blättern. Die Bücher in diesem Laden, man kann sie alle bei Amazon kaufen. Die Sache ist nun ganz einfach. Kaufe ich mein Buch nun bei Amazon, ist das schlecht für den Buchhändler. Denken alle so wie ich, sind die Tage des Buchhändlers gezählt. Das wirklich Tragische an der Sache ist nun die, das der Buchhändler Bücher liebt, Amazon hingegen nicht. Das Dramatische daran ist, dass wir als Kunden entscheiden müssen, wem wir unser Geld geben, und das dies, wie gerade veranschaulicht, Auswirkungen darauf hat, wie unsere Stadt aussieht. Vielleicht werde ich mir auf Pagewizz, wo Amazon ein wesentlicher Bestandteil vieler Texte ist, keine Freunde mit diesem Artikel machen. Doch dieses Risiko gehe ich ein. Es ist mir ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass ein Klick auf kaufen bei Firmen wie dieser Konsequenzen hat. Zu Beginn soll erwähnt sein, dass der nachfolgende Text die Richtigkeit der Angaben nicht garantiert. Vielmehr berufe ich mich auf Berichte verschiedener Medien. Es ist eine eher philosophische Herangehensweise an eine Welt, wie sie womöglich aussähe, ginge es nach dem Unternehmen Amazon.

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Die Zentren unserer Städte werden zunehmend von Ketten eingenommen

Unsere Stadt
Es ist fast egal geworden, ob man heute durch die Fußgängerzone von Freiburg, Lübeck, Leipzig oder sonst wo läuft. Da ist Karstadt, daneben Müller, dann sind da H&M und Esprit. Irgendwo tauchen Hugendubel und Thalia auf, McDonald’s und Burger King, Starbucks und wie sie alle heißen. Die kleinen individuellen Geschäfte und Läden sucht man vielerorts längst vergeblich. Gerade eröffnet in Berlin in der Nähe des Potsdamer Platzes das 65. Shoppingcenter. Man kann, glaube ich, guten Gewissens behaupten, dass man das ein- und dasselbe fast in jeder deutschen Stadt kaufen kann. Ich finde das nicht gut. Was ich gut finde, ist Individualität, nicht Vereinheitlichung, nicht Monotonie. Ganz oben, an der Spitze der Nahrungskette aber thront der Goliath, der Packman, der größte Fisch im Becken – Amazon. In die Stadt, die Amazon sich wünscht, ginge überhaupt keiner mehr. Die Kunden, wie sie das Unternehmen wohl gerne hätte, werden zu Hause beliefert. Sie bekommen automatische Empfehlungen durch ihre Spuren, die sie im anonymen Netz hinterlassen, und kaufen das, was besonders gut empfohlen ist. Der Idealkunde Amazons ist ein durchweg kalkulierbarer, beeinflusster Mensch. Natürlich würde ein jeder von uns behaupten, Entscheidungen frei und eigens zu treffen, unbeeinflusst zu sein. Dem Umsatz Amazons nach zu urteilen ist dies aber ein Irrtum.

Das liebe Geld
Gerade prüft die EU-Kommission die Verstrickungen von Amazon in Luxemburg. Grund dafür ist, dass das Unternehmen in seinem zweitwichtigsten Absatzmarkt Deutschland nur geringfügig Steuern bezahlt. Laut Nachforschungen der Süddeutschen Zeitung (zum Artikel) betragen die Steuerabgaben auf die erzielten Gewinne weniger als ein Prozent. Laut einem Bericht der Zeit (zum Artikel) führte das Unternehmen im Jahr 2012 bei einem Gewinn von 8,7 Milliarden Euro gerade mal 3,2 Millionen Steuern an den Fiskus ab. Möglich gemacht wird dies durch die Abwicklung der Umsätze über eine luxemburgische Tochterfirma. Der Buchhändler von nebenan, er bezahlt seine Steuern, wehe wenn nicht. Der Friseurladen um die Ecke ebenso wie der Bastelladen eine Straße weiter. Deutsche Kunden aber rennen fleißig einem Unternehmen die Tür ein, das durch Machenschaften, die manche als „Trickserei“ bezeichnen, per se keine Interesse an der Zahlung von Steuern in diesem Land hat.

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Das Interesse von Amazon, in Deutschland Steuern zu bezahlen, ist nicht besonders groß

Die Mitarbeiter
Es wurde viel gesprochen von den Zuständen in den 13 Standorten Amazons in Deutschland und auch anderswo in der Welt. Ein Mitarbeiter in Leipzig berichtete der Frankfurter Rundschau (Zum Artikel) vom Druck im Arbeitsalltag, von ständigen Kontrollen der Arbeitsprozesse. Dem Aufzeichnen der Effizienz der Mitarbeiter durch Computer – diese machen keine Fehler. Alle Zeiten wurden demnach zeitlich erfasst, jeder Toilettengang. Über die erbrachte Leistung musste man angeblich fast täglich Rechenschaft abliefern. Zudem wurde von Mobbing älterer Mitarbeiter bei Krankheit gesprochen. Auch eine verdeckte Dokumentation der ARD über das Logistikzentrum Bad Hersfeld wirft, wenn auch nicht ganz unumstritten, einen Schatten auf das Unternehmen.

Der Film zeigt, wie zur Vorweihnachtszeit tausende Leiharbeiter aus ganz Europa hierher „gelockt“ werden mit der Absicht, sie danach wieder loszuwerden. Verträge werden demnach in deutscher Sprache vorgelegt an Menschen, die des Deutschen gar nicht mächtig sind. Lohnversprechen von Subunternehmern an die Leiharbeiter werden nicht eingehalten. Überfüllte Busse, beengte Verhältnisse, freier Zutritt des Sicherheitspersonals auf die Unterkünfte der Arbeiter, all dies gehört zum Alltag derer, die für den Versand unserer Weihnachtsgeschenke rackern müssen. Da ist die Angst, jederzeit ersetzt werden zu können, das Betteln um Kaffee in der Kantine. Natürlich sind diese Aufzeichnungen und Berichte mit Vorsicht zu genießen. Mehr soll darüber auch nicht gesagt sein und es liegt an jedem selbst, sich darüber ein Urteil zu bilden.

Video: Was ein Klick auf „kaufen“ bewirken kann

Der Zusteller
Laut einem Bericht der Zeit wurde in Deutschland noch niemals zuvor so viel bestellt wie heute. Im Jahr 2013 wurden 5 Millionen Pakete pro Tag zugestellt, vor Weihnachten 8 Millionen. Pakete sollen möglichst noch am gleichen Tag beim Kunden ankommen. Die Versender sind Profis im Drücken des Preises an die Zusteller. So zahlt Zalando nur zwei Euro pro Paket, und Sie dürfen als Leser nun erraten, wer die Zeche dafür bezahlt – Voilà, der Zusteller. Bei den Gebeutelten handelt es sich oft um von Subunternehmern angestelltes Personal, das man als solches gar nicht erkennt. Viele verdienen beim Sortieren der Päckchen, was etwa zwei Stunden am Tag beanspruchen kann, keinen Cent. Ist der Empfänger nicht zuhause, verdienen sie keinen Cent. Sie arbeiten oft sechs Tage die Woche bis weit nach 19 Uhr. Mit Glück stehen 1.500 Euro auf dem Gehaltszettel, aber dann muss es schon gut laufen. Es soll hier nicht weiter moralisierend weiter geredet werden, aber wenn Firmen das kostenlose Versenden und Zurücksenden von Paketen für derartig nutzlose Tätigkeiten wie das Anprobieren von Klamotten anbieten, und dies noch in Zeiten, in denen Hiobsbotschaften zur globalen Erwärmung zum Alltag gehören und jedes Gramm CO² gezählt wird, dann stimmt da irgend Etwas nicht.

Der Autor
In den USA gibt es für 9,99 Dollar im Monat eine Buchflatrate auf 600.000 Bücher. Jeder kann sich selbst ausmalen, was das für die Buchbranche bedeutet. Des Weiteren versuchte das Unternehmen, den Rabatt auf E-Books, auch in Deutschland, auf 50% anzuheben. Vereinfacht, man wollte den Verlagen weniger Geld für ihre Bücher bezahlen. Es gab Protestbriefe an Jeff Bezos, den Chef Amazons, unterzeichnet von hunderten Autoren, darunter Stephen King, Paul Auster, Günter Wallraff und vielen anderen. Und tatsächlich, letztlich konnte die amerikanische Verlagskette Hachette nach langem Streit durchsetzen, dass sie, und nur sie, die Preise ihrer E-Books auf Amazon bestimmen können. Es ist offensichtlich, was Amazon in diesem wie auch anderen Bereichen anstrebt – Die Alleinherrschaft, eine Monopolstellung. Und besonders eines muss klar sein: Immer billigere Preise auf Bücher, auf Musik und Filme werden dazu führen, dass die Verlage weniger Geld verdienen, dass weniger Bücher verlegt werden, dass die Qualität darunter leidet.

Video: Amazon und die Bücher

Und jetzt?
Zuhause werden also im stillen Kämmerlein die Päckchen ausgepackt, die einem auch weit nach 18 Uhr zugestellt werden. Was nicht gefällt, schickt man zurück. In die Stadt fahren, wozu? Bestellt wird oft nach Empfehlung, nach Sternen. Viele gute Bewertungen, das muss gut sein, das kaufe ich. Etwas mit zu vielen negativen Bewertungen, taugt nichts. Zu kaufen gibt es Bücher, Filme, Musik, Lebensmittel, einfach alles, und alles ist billiger als da draußen in den Straßen. Oft hört man das Argument, dass ein mutmaßlicher Amazon-Besteller dieses oder jenes nicht anderswo bekommt. Fakt ist, dass, je mehr Amazon die Oberhand gewinnt, desto mehr intensiviert sich diese Ambivalenz, desto mehr Auswahl hat das Unternehmen, desto weniger die anderen. Desto billiger wird das Unternehmen im Vergleich zu allen anderen. Desto mehr werden wir uns wundern, wie teuer plötzlich alles um uns herum geworden ist – das Schaukelpferdchen für unseren Enkel, das Shampoo aus der Apotheke. Das ist die Masche eines Monopolisten, mit dem keiner mehr konkurrieren kann. Man sollte sich bei jedem Klick auf kaufen also fragen, ob man nicht lieber doch nochmal kurz los will in die Stadt, zum Buchhändler zum Beispiel. Dieser begrüßt einem, im Gegensatz zum Bildschirm, ganz bestimmt auch mit einem Lächeln.

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